Mobiltelefonie Stell Dir vor, es ist Zukunft und keiner geht hin

Die Mobilfunkbranche feierte sich auf der 3GSM in Barcelona mit Innovationen, Kooperationen und prächtigen Zukunftsaussichten. Doch viele dieser Visionen könnten sich als Halluzinationen erweisen, so eine aktuelle Studie: Auf UMTS, Breitband und Handy-TV haben deutsche Kunden keine Lust.

Rein rechnerisch haben, wenn man den Zahlen der Mobilfunkunternehmen glaubt, rund 90 Prozent aller Deutschen zwischen 0 und 120 Jahren ein Handy in der Tasche. Die Bevölkerung ist mit rund 74 Millionen Handyverträgen also rein statistisch vom Säuglingsalter bis zur Pflegestation flächendeckend versorgt. Zugleich besitzen rund 30 Prozent aller Deutschen gar kein Handy, was darauf hindeutet, dass so mancher die Dinger sammeln muss.

All das sind Hinweise darauf, dass dieser Markt so leicht nicht zu überschauen ist. Da treffen dauerkommunizierende Telefonfreaks mit mehreren Privat- und Diensthandys auf Prepaid-Kunden, die sich regelmäßig darüber ärgern, dass ihnen das Guthaben gestrichen wird, weil sie ihr Handy so lange nicht benutzten (eine schräge Praxis, die den Mobilfunkfirmen durch das Urteil Aktenzeichen 12 O 16098/05 des Landgerichts München I vor wenigen Tagen endlich verboten wurde). Und selbst die von Marktforschern bestens tiefdurchleuchteten Early Adopters versagen der Industrie die Gefolgschaft, wenn sie nach der Marktforschungsphase für schicke neue Dienstleistungen bezahlen sollen.

Mobilfunk-Manager sind trotzdem notorische Berufsoptimisten. Auch das UMTS-Debakel, bei dem Milliarden verbrannt wurden, hat daran nichts ändern können. Auf der 3GSM in Barcelona übten sie in dieser Woche den Schulterschluss und versicherten sich und der Welt, dass ab sofort alles noch besser, schneller, attraktiver würde - und die lieben Kunden nur darauf warteten.

Zukunftshoffnungen: Breitband und Multimedia

Die großen Stichworte der 3GSM waren dann auch "HSDPA" (dahinter verbirgt sich eine erhebliche Beschleunigung des UMTS-Standards) und Handy-TV, denn liebend gern sieht die Branche im Handy mehr als nur ein Telefon - es soll als Medium für zahlreiche Services und Entertainmentangebote dienen. Dass es gerade in diesem Bereich tatsächlich eine hohe Zahlungsbereitschaft gibt, beweist der inzwischen zwar abebbende, aber immer noch starke Klingelton-Boom, der der Branche stolze Umsätze in die Kassen spülte.

Dass der multimedialen Unterhaltung per Handy darüber hinaus aber mittelfristig viel Erfolg beschieden sein wird, bezweifelt unter anderem eine am Freitag veröffentlichte repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest. Die Marktforscher löcherten im Auftrag von E-Plus knapp 1500 deutsche Mobilfunknutzer mit ihren Fragen. Wohl anders als vom Auftraggeber erhofft, fanden sie heraus, dass mobile Datendienste wie Handy-TV und Videostreaming bei den deutschen Mobilfunknutzern bisher auf wenig Resonanz stoßen.

Niedliche Statistik: 75 Prozent nutzen das Handy als Telefon

Der deutsche Durchschnitts-Handybenutzer mag, was er kennt. Nach wie vor seien so Sprachtelefonie und SMS die mit Abstand am häufigsten genutzten Funktionen. Mehr als drei Viertel der Befragten telefonieren mit ihrem Handy (75,4 Prozent), versenden und empfangen SMS (79 Prozent). Wer das für eine merkwürdige Rate hält, ist wahrscheinlich kinderlos: Vor allem der Nachwuchs dürfte hier die Statistik verzerren. Aufgrund der nach wie vor hohen Kosten meiden die Kids oftmals Gespräche und ziehen das "Simsen" vor.

Den SMS-Nachfolger MMS hat dagegen bisher nur rund ein Viertel (24,6 Prozent) für sich entdeckt. Mobile Datendienste wie E-Mail per Handy (8 Prozent), Musicdownload (6,1 Prozent) und Surfen im Internet (4,7 Prozent) sind der Befragung zufolge weiterhin Nischenthemen. Kaum begeistern können die Mobilfunkunternehmen ihre Kunden bisher für Videotelefonie (0,6 Prozent) und Handy TV (0,4 Prozent).

Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass es noch immer eine Minderheit ist, die mit dem Begriff UMTS überhaupt auch nur etwas anfangen kann - geschweige denn UMTS-Dienste nutzt. Fast zwei Jahre nach dem kommerziellen Start der dritten Mobilfunkgeneration weiß der Untersuchung zufolge nur ein Drittel der deutschen Handykunden, was UMTS ist. Gut 40 Prozent der Befragten haben zwar von UMTS gehört, wissen aber nicht, worum es dabei geht. Ein Viertel der Befragten kennt den Mobilfunkstandard gar nicht.

UMTS: Minderheitenprogramm mit seltener Nutzung

Lediglich etwas mehr als zwei Prozent der Befragten besitzen ein UMTS-Handy oder eine UMTS-Laptopkarte. Gleichzeitig nutzen diese Kunden UMTS-Dienste aber kaum. Die UMTS-Willigen müssen sich dann wohl mehr oder minder vollzählig bei Vodafone versammelt haben, wenn man den Pressemitteilungen des Unternehmens anlässlich der 3GSM Glauben schenkt: Die Düsseldorfer verkündeten am Mittwoch, inzwischen 9 Prozent ihrer Gesamtumsätze mit UMTS zu machen.

Auch der Branchenverband Bitkom verfügt über ganz andere Erkenntnisse als die Marktforscher von TNS Infratest. In seiner Studie "Daten zur Informationsgesellschaft 2006", die der Bitkom am 16. Februar vorgestellt hatte, zählte der Branchenverband zum Jahresende 2005 nicht nur 2,3 Millionen UMTS-Nutzer. Mehr als das: "Bis zum Jahresende rechnet der BITKOM mit einem Anstieg auf 9 Millionen UMTS-Nutzer."

Warum das aber so zwingend geschehen sollte, ist schwer zu verstehen, wenn man sieht, dass auch UMTS-Besitzer den Dienst kaum für irgendetwas nutzen: Rund 84 Prozent der von TNS Infratest befragten Besitzer von UMTS-Handys gaben an, Handy-TV über UMTS noch nicht ausprobiert zu haben. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Videotelefonie und -download sowie Musikdownloads über UMTS. Lediglich knapp ein Viertel nutzt diese Angebote regelmäßig.

Ebenfalls nur gering ausgeprägt ist das Interesse, UMTS zukünftig zu nutzen. Nur 5,4 Prozent der Befragten, die bisher kein UMTS nutzen, bekunden ein Interesse oder sehr großes Interesse daran, dies in Zukunft zu tun. Bei der Frage, wie mobile Datendienste abgerechnet werden sollten, plädieren mehr als 46 Prozent für Flatrates. 29 Prozent wünschen sich eine zeitbasierte Abrechnung, 12 Prozent eine volumenabhängige Abrechnung.

pat/ddp

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