MP3 Die Grenzen der Verschlüsselung

Nach der Einigung auf einen Kopierschutz für digitale Musik ist nun auch die Plattenindustrie vom MP3-Fieber gepackt worden.
Von Martin Paetsch

Für die Plattenfirmen war der Aufbruch ins digitale Zeitalter eine lohnende Sache. Als Anfang der Achtziger die Compact Disc eingeführt wurde, brachten die kleinen Silberscheibchen dem Käufer knisterfreien Klang und der Musikindustrie, die über das Vermarktungsmonopol verfügte, eine Menge Geld. Nun aber haben die mächtigen Unterhaltungskonzerne mit den Auswirkungen einer zweiten digitalen Revolution zu kämpfen. Es ist der Direktvertrieb, der durch das Internet und neue Musikformate wie MP3 ermöglicht worden ist. Der Kunde, von dem man vorher Preise weit über den Produktionskosten verlangen konnte, droht in der digitalen Welt zu neuer Macht zu kommen. Statt teure CDs zu kaufen, beginnen immer mehr frustrierte Musikliebhaber, ihre Musik als Raubkopien aus dem Internet herunterzuladen.

Jetzt scheinen die Alpträume der großen Plattenfirmen ausgestanden zu sein. In den letzten Tagen befand sich die Branche in einer ungewöhnlichen Aufbruchsstimmung. Berührungsängste, die das Verhältnis zu digitalen Formaten wie MP3 bisher bestimmten, sind plötzlich verschwunden. Am Dienstag letzter Woche sicherten sich Sony  und Time Warner  mit dem Online-Musikhändler CDnow  eine Internet-Plattform, mit der sie in Zukunft ihre Musik per Download aus dem Internet verkaufen wollen. Zwei Tage später startete Virgin  in einem seiner Megastores einen Service, bei dem sich der Kunde für zehn Dollar zehn Tracks aus dem Internet auf einer CD zusammenstellen kann. Am Montag dieser Woche schließlich zog auch die größte Plattenfirma der Welt nach: Die Universal Music Group  gab bekannt, ihre Aufnahmen so umwandeln zu wollen, daß sie übers Internet heruntergeladen und von MP3-Playern wie Diamonds Rio abgespielt werden können.

Der Grund für die plötzliche Euphorie der Musikindustrie ist ein technologisches Wundermittel, das die Musik der großen Plattenfirmen in Zukunft vor der Internet-Piraterie schützen soll: das digitale Wasserzeichen. Zur Entwicklung des elektronischen Kopierschutzes hat der Verband der US-amerikanischen Schallplattenindustrie (RIAA) im letzten Jahr ein Industriekonsortium ins Leben gerufen, die Secure Digital Music Initiative  (SDMI). Das Zweckbündnis vereinigt über hundert Unternehmen aus den Bereichen Musikindustrie, Informationstechnologie und Consumer Electronics, darunter auch ehemalige Angstgegner wie den Rio-Hersteller Diamond  und die RIAA , die sich noch vor kurzer Zeit vor Gericht gegenüberstanden. Vor einer Woche veröffentlichte die Initiative nun die ersten Spezifikationen für einen neuen, kopiergeschützten Standard digitaler Musikformate - gerade noch im Zeitplan für das Weihnachtsgeschäft.

Das digitale Wasserzeichen besteht aus Informationen, die unhörbar in den Audiosignalen des Musikstückes enthalten sind. Eine mit einer solchen Kodierung versehene CD kann zwar von herkömmlichen CD-Playern abgespielt werden. Sobald man sie aber in ein digitales Datenformat wie etwa MP3 umwandelt, werden die Stücke nur noch von portablen Abspielgeräten erkannt, die SDMI-kompatibel sind. Auf diese Weise läßt sich die markierte Musik immer noch für den Gebrauch auf dem eigenen MP3-Player kopieren. Mehrfach kopierte Stücke interpretiert das System allerdings als Raubkopien und verweigert das Abspielen. Schon bald soll die Schutztechnologie in CDs, Software und Abspielgeräte integriert werden. Die ersten CDs mit digitalem Wasserzeichen sowie die erste Generation SDMI-kompatibler Abspielgeräte sollen noch in diesem Jahr in den Handel kommen. Andere Hersteller werden notgedrungen folgen. Wenn sie überleben wollen, bleibt ihnen keine andere Wahl, als den neuen Standard zu übernehmen - ohne SDMI-Kompatibilität gibt es auch keine Musik der großen Plattenfirmen mehr.

Mit der digitalen Kodierung kündigt sich eine Verwandlung an: Digitale Musikstücke sind nicht mehr nur Dateien, sondern eigenständige Programme. Die Informationen, die das Wasserzeichen enthält, können nicht nur als Kopierschutz eingesetzt werden, sie ermöglichen auch ganz neue Marketing-Möglichkeiten. So könnten Plattenfirmen MP3-Songs frei zum Herunterladen anbieten, die dann - ähnlich wie bei mancher Demo-Software - eine Zeit lang zur Probe angehört werden können. Nach Ablauf dieser Frist verweigert das Gerät das Abspielen des MP3-Stückes, so daß der interessierte Kunde notgedrungen die Vollversion des Stückes kaufen muß. Time Warner experimentiert bereits auf diesem Gebiet: Der Unterhaltungskonzern will demnächst probeweise Demo-Singles zum Download anbieten, die nach 30 Tagen nicht mehr abgespielt werden können.

Auch nach dem Kauf bestimmt das Wasserzeichen, was der Benutzer mit der CD machen darf und was nicht. So legen die SDMI-Spezifikationen fest, daß von einer CD nicht mehr als vier Kopien auf einmal gemacht werden können. Damit soll verhindert werden, daß der Besitzer die Musik an mehr als nur einen kleinen Kreis von Freunden weiterverteilt. Kritiker wie die Electronic Frontier Foundation  haben bereits Bedenken gegen diese Funktion geäußert, denn sie verstößt womöglich gegen das US-Urheberrecht. Die "First Sale Doctrine" schreibt vor, daß der Autor mit dem Verkauf seines Werkes auch die Kontrolle über dessen weitere Nutzung abgibt. Das Gesetz beinhaltet Einschränkungen, damit ein Werk nicht unbegrenzt kopiert und verteilt werden kann. Eine eigens eingebaute Kopierregelung wie beim SDMI-Format steht deshalb in direkter Konkurrenz zu geltendem Recht. Die Plattenindustrie verteidigt diese Funktion mit dem Hinweis, das Urheberrecht sei auf dem Gebiet der digitalen Vervielfältigung ohnehin nur bedingt anwendbar.

Abgesehen von rechtlichen Problemen könnte sich das SDMI-Format auch marktpolitisch als problematisch erweisen. Denn mit ihrem Versuch, zukunftsträchtige Technologien wie MP3 mit hohem Aufwand in unter Kontrolle zu bekommen, beschneidet die Musikindustrie gleichzeitig auch die Vorteile des neuen Datenformates. Mit der Möglichkeit, sich selber Wunsch-CDs mit verschiedenen Stücken zusammenzustellen, bietet der Erwerb per Download zwar immer noch Anreize. Aber zur Zeit ist MP3 in erster Linie deshalb so populär, weil man die Stücke umsonst herunterladen kann. Bei den derzeitigen Download-Zeiten und der zwar beeindruckenden, aber dennoch im Vergleich zur CD verminderten Soundqualität der MP3-Kompression macht es keinen Sinn, MP3-Tracks zum selben Preis wie auf der CD verkaufen zu wollen. Auch die künstlichen Restriktionen des SDMI-Formates werden die Akzeptanz der Kunden nicht erhöhen, zumal die Neuerung auch noch zum Neukauf von Geräten zwingt.

Daß man auch ohne aufwendige Sicherheitsvorkehrungen in den Internet-Musikvertrieb einsteigen kann, zeigte derweil ein kleineres Label. Vor einigen Tagen begann die Plattenfirma Epitaph Records, einen Teil ihrer Musik als MP3 übers Internet zu verkaufen. Zum Stückpreis von 99 Cent sollen Songs von Tom Waits und Bad Religion über den virtuellen Tresen des Vertriebspartners EMusic  gehen, ganze CDs werden im Download knapp 9 Dollar kosten. Ob das Angebot ein Erfolg wird, steht noch in den Sternen: Viele der Stücke sind bereits umsonst als illegale Kopien im Internet zu haben. Aber vielleicht setzt sich ja auch beim Vertrieb von ungeschützten MP3 die Zahlungsmoral der Shareware-Gemeinde durch. Dort bezahlen zwar längst nicht alle für das Produkt. Aber diejenigen, die zahlen, tun es freiwillig - aus Achtung vor der Leistung des Autoren.

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