Musik aus dem Web iPod bekommt Nachwuchs von HP

Vor drei Tagen erst die kunterbunten Baby-iPods - jetzt kommt schon der nächste Musikplayer von Apple. HP will ab Sommer eine eigene iPod-Version verkaufen. Gebaut wird sie von Apple; auch die Musik liefert der Apple-eigene Dienst iTunes, der den Online-Musikmarkt damit immer mehr kontrollieren könnte.

Von Jochen A. Siegle


HP-Chefin Carly Fiorina mit iPod: "Mit Abstand am besten"
AP

HP-Chefin Carly Fiorina mit iPod: "Mit Abstand am besten"

Keine Frage, dies ist die Woche des iPod. Nach der Präsentation des iPod Mini auf der Macworld vergangenen Dienstag sorgt Apples MP3-Player nun auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas für eine weiter große Überraschung: Der Computer-Riese Hewlett-Packard (HP) nimmt Apples erfolgreichen Digi-Musikspieler in sein Konsumenten-Produktprogramm auf.

Auf den Markt kommen soll der HP-iPod, dem der Original-iPod (Speicherkapazität ab 15 Gigabyte) und nicht die neu vorgestellte abgespeckte 4-Gigabyte-iPod-Miniaturausgabe zu Grunde liegt, im Juni. Gebaut wird der Player von Apple selbst. Aussagen von Apple zufolge sei es denkbar, dass HP eines Tages auch den iPod Mini vertreibt.

Im Rahmen ihrer Keynote-Rede am Donnerstag abend in der Wüstenmetropole zeigte HP-Chefin Carly Fiorina den designtechnisch leicht modifizierten Player – dessen Herkunft jedoch nach wie vor nicht zu verleugnen ist. Im Zuge der Kooperation mit Apple werden künftig auch HP-Consumer-PCs und -Laptops standardmäßig mit Apples iTunes-Jukebox sowie Zugangssoftware zum iTunes Music Store ausgestattet.

Spätestens hier ist einige Verblüffung angesagt: Hewlett-Packard, die Firma, die sich seit Jahren als die Innovationsfirma schlechthin darstellt (vergleiche HP-Werbeslogan "Invent") und dabei kaum eine Gelegenheit auslässt, über Konkurrenten mit Re-Labeling-Strategien wie Dell zu lästern, vertreibt nun die Technologie eines anderen Unternehmens? "Das ist schon eine sehr, sehr große Überraschung", wundert sich auch Meta-Group-Analyst Steve Kleynhans.

Noch ein Chef mit iPod: Steve Jobs von Apple präsentiert den neuen Mini-Player
REUTERS

Noch ein Chef mit iPod: Steve Jobs von Apple präsentiert den neuen Mini-Player

Und glaubt man Carly Fiorina, dann muss man sich bei Apple in Cupertino sogar glücklich schätzen, dass HP den iPod überhaupt ins Programm genommen hat. Schließlich hätten keinesfalls – die bislang wohlgemerkt MP3-Playerlosen – HP-Manager bei Apple für die Kooperation angeklopft, sondern Apple sei auf HP zugekommen. Als "innovativer Vorreiter" könne man schließlich auch die Innovationsfähigkeit von anderen Firmen anerkennen, so Miss Fiorina.

Sie sagte, HP habe zunächst auch den Vertrieb von Abspielgeräten anderer Hersteller in Erwägung gezogen. Am Ende sei man jedoch "zu dem Schluss gekommen, dass Apples iPod Musik-Player und der iTunes Musikdienst mit Abstand am besten sind." Der iTunes Musikdienst bietet eine Auswahl von mehr als 500.000 Songs und hat bislang insgesamt mehr als 30 Millionen Musikdateien verkauft. Apple bietet diesen Online-Dienst in Europa noch nicht an.

Wie auch immer der Deal zu Stande kam, beide Unternehmen dürften von der "strategischen Allianz" profitieren. Anstatt das Risiko einzugehen, einen eigenen Player zu entwickeln - der sich letztlich dann doch nur am iPod-Original würde messen müssen - bündelt man Kompetenzen. "HP bekommt ein großartiges Produkt, Apple einen gigantischen Vertriebspartner mit dutzenden Millionen Kunden", sagt IDC-Analyst Roger Kay. Nachdem es sich bei der iPod-Partnerschaft von Apple und HP nicht um eine Exklusiv-Kooperation handelt, könnten auch weitere iPod-Lizenzierungen an andere Unternehmen folgen. Spekulationen über weitere Partner kommentierte Apple bislang jedoch nicht.

iPod und iPod mini: Der portable Player wurde bereits zwei Millionen Mal verkauft
GMS

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Apple-Chef Steve Jobs sagte in einem Interview, ihm gehe es bei der Kooperation mit HP vor allem um die Unterstützung des von Apple gewählten digitalen Musikformats. Die Industrie habe mit einer Vielzahl inkompatibler Format den Markt "balkanisiert". Während Apple auf die Dateiformate MP3 oder AAC setzt, haben sich Wettbewerber von Apple vor allem für Windows Media Audio (WMA) von Microsoft entschieden.

Der Formatstreit dreht sich vor allem um das in die Musikdateien eingebaute digitale Rechte-Management, das beliebiges Kopieren und Verteilen im Internet verhindern soll. Apple-Kunden können gekaufte Songs unbegrenzt oft auf CD brennen, auf beliebig vielen iPods und auf bis zu drei Macintosh-Rechnern abspielen. Andere Musikdienste sind da wesentlich restriktiver und schrecken Kunden eher ab.

Marktforscher sehen den iPod-Coup vor allem als Schlag gegen das von Microsoft propagierte Musikdatei-Format WMA. "Wann hat jemals ein großer PC-Hersteller eine Software- Plattform gefördert, die nicht von Microsoft ist?", fragte Phil Leigh von Inside Digital Media. Die Vereinbarung gebe Apples AAC-Format "genau zur richtigen Zeit den nötigen Schub, um möglicherweise zum Standard zu werden". Ein Sprecher von HP warnte dagegen davor, die Zusammenarbeit mit Apple zu überbewerten. HP habe keine Einschränkung bei den Formaten angekündigt. "Hier geht es nicht um einen Heiligen Krieg zwischen Apple und Microsoft", sagte er.

Interessant am HP-iPod ist auch die Preispolitik. Laut Pressemitteilung soll der von HP vertriebene iPod "preislich konkurrenzfähig" zu MP3-Player-Modellen der Wettbewerber sein. Nachdem als Hauptkonkurrent des HP-iPods der gegenüber dem Original-Apple-iPod deutlich günstigere "Dell DJ" gelten muss, würde dies bedeuten, dass HP seinen iPod günstiger anbieten müsste als Apple. Und das wird dem obersten Macianer Steve Jobs mit Sicherheit nicht passen. Zu konkreten Preisen des HP-iPods ist bislang jedoch noch nichts verlautet.



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