Netbooks gegen Billig-Laptops Mobile Rechner für 200 bis 400 Euro

Abgespeckte Mini-PCs sollen völlig neue Käuferschichten erschließen: Die preiswerten Netbooks sind neue Hoffnungsträger der Branche. Man kann fragen, warum eigentlich: Für das gleiche Geld bekommt man heute vollwertige Laptops. Wir haben die Angebote verglichen.

Es geschieht vergleichsweise selten, dass die Elektronikbranche eine wirklich neue Geräteklasse auf den Markt wirft. So etwas befruchtet den Markt, wenn es auf eine Nachfrage trifft - wie vor Jahren die MP3-Player. Jetzt, hofft die Branche, könnte das einmal mehr gelungen sein - mit den "Netbooks", wie ultramobile PCs nach dem Muster des EeePC von Asus inzwischen genannt werden.

Ihr Konzept ist der freiwillige Verzicht. Sie sind sehr klein, bieten relativ wenig Rechenkraft und Speicherplatz und eine oft recht reduzierte grafische Auflösung. Dafür sind sie sehr leicht, darum wirklich tragbar, gut vernetzt und bei Preisen ab 200 Euro vor allem billig. Denn bisher waren mobile Computer wie Laptops und Notebooks teuer genug, um nicht nur praktisch, sondern auch prestigeträchtig zu sein. Desktop-PCs kosten nur einen Bruchteil von dem, was man für einen technisch vergleichbaren mobilen Rechner hinlegen muss.

Deshalb herrscht in der IT-Branche derzeit Aufbruchstimmung. "Mit diesem Gerät", jubilierte Acer-Chef Gianfranco Lanci anlässlich der Elektronikmesse Computex in Taipeh, "kann man die Marktgröße für Notebooks einfach verdoppeln." Und meinte damit natürlich nicht die zahlreichen Netbooks der Konkurrenz, sondern Acers Umsetzung des Konzeptes, den "Aspire One".

Immer mehr Firmen springen auf den durch den Enwicklungshilfe-Kinderrechner OLPC und Asus' EeePC ausgelösten Trend auf. Nach zahlreichen Kleinfirmen, die schnell entsprechende Modelle vorstellten, folgen nun auch die ersten Großen. Bereits im zweiten Halbjahr 2008 wollen anscheinend alle an Bord sein - inklusive der Branchenschwergewichte. Microsoft gab auf der Computex bekannt, dass es sein abgespecktes Windows XP für Netbooks an bisher rund 20 Firmen lizenziert habe. Darunter Acer, ASUSTek, BenQ, Dell, Gigabyte Technology, Hewlett-Packard, Lenovo und Medion. Klingt, als rolle da eine Welle putzig-kleiner potentieller Weihnachtsgeschenke auf uns zu.

Die Schätzungen darüber, wie das den Markt aufrollen wird, gehen weit auseinander. Lanci hofft, dass bis 2009 weltweit 40 bis 45 Millionen Stück verkauft werden, Intel setzt auf 50 Millionen mit seinen Chips bestückte Geräte bis 2011. Allerdings wird Intel das Segment der Netbooks wohl nicht so stark beherrschen wie bei den herkömmlichen PC: Auch AMD und VIA bestücken Netbooks mit ihren Chips.

Auch die Marktforscher fühlen höchst unterschiedliche Rückenwindstärken für das Netbook. Während JP Morgan mit zehn bis 15 Millionen Verkäufen in diesem Jahr rechnet, geht IDC nur von 3,5 Millionen aus.

Erstrechner für Arme - oder Drittrechner für unterwegs?

Es wird eben darauf ankommen, wer wirklich Netbooks kauft - und warum.

Denn die Theorie, dass die abgespeckten Rechner mit ihren vergleichsweise kleinen Preisen vielen Menschen erst den Kauf ermöglichten, steht auf wackeligen Füßen. Zwar gibt es Mini-Netbooks wie den in Deutschland als One A110 vertriebenen EeePC-Klon (199 Euro) mit nur zwei GB Speicherplatz. Doch der Trend geht wieder hin zu einer Art Verzicht auf den Verzicht - mit einer Minimalausstattung, die dann doch wieder 20 bis 80 GB Speicherplatz, Windows, ein GB Arbeitsspeicher und einen etwas größeren Bildschirm von neun bis zehn Zoll umfasst. Solche Geräte aber sind erst ab etwa 350 Euro zu haben - und das ist eine echte Schallgrenze.

Denn 350 Euro ist zurzeit auch der Einstiegspreis für ganz normale Laptops. Auch das dürfte in direktem Zusammenhang mit den Netbooks stehen. Seit vergangenem Sommer befinden sich die Preise im Sturzflug. Die Zeiten von über Jahre wertstabilen Laptops sind eindeutig vorbei.

Denn inzwischen sind auch große Hersteller auf den Trend zum Billig-Laptop aufgesprungen. Wurde das Preissegment bis zum vergangenen Jahr noch von Handelsmarken beherrscht, finden sich dort nun auch Geräte vieler großer Hersteller, darunter Hewlett-Packard, Fujitsu-Siemens oder Acer (siehe Bildergalerie).

Und dabei geht es nicht etwa um den Abverkauf von überalteten Restbeständen. Zwar testen die Konfigurationen dieser Preiswert-Modelle die Grenzen des technisch aktuell Machbaren nicht gerade aus, aber alte Ladenhüter sind sie auch nicht. Sie sind solide und leidlich schnelle Arbeits-Laptops mit Schwächen allenfalls im Grafikbereich: kein Stoff für die Lan-Party, aber allemal fit für die tägliche Arbeit, das Internet und für den Einsatz als mobile Medienplayer.

Die stärksten Modelle verfügen mittlerweile über Intels Dual-Core-Prozessoren (2 x 1,86 GHz) und kombinieren das mit 2 GB Ram, 160 GB Festplatte und 256 MB Grafik intern - zum Schnäppchenpreis von 399 Euro.

Damit ist das Argument, Netbooks machten Laptops erst erschwinglich, ad absurdum geführt.

Wie sieht ein Netbook-Käufer wirklich aus?

Vor die Wahl gestellt, zum gleichen Preis entweder ein Netbook mit acht GB Speicherplatz, Linux und kleinem Bildschirm oder aber den oben beschriebenen Laptop zu kaufen, fiele dem Kunden, der damit seinen ersten PC erstünde, die Wahl wohl leicht. Einmal ganz davon abgesehen, dass auf dem PC-Markt Desktop-Modelle noch weit billiger zu haben sind.

Das Netbook: Der "Den will ich auch noch"-Rechner

Damit kommt Szenario Nummer zwei ins Spiel: Es sieht das Netbook vor allem als Accessoire, als Zweitrechner für unterwegs, als Nebenbei-Computer und natürlich auch als Rechner für die Schule. Denn der größte Vorteil sind die kleinen Maße: Während die preiswerten 15,4-Zoll-Laptops typischerweise zwischen 2,5 und vier Kilogramm wiegen und in einem eigenen Koffer transportiert werden müssen, passen Netbooks mit ihrem einem Kilogramm (oder weniger) und Taschenbuch-Maßen bequem in Handtasche, Tornister oder Rucksack.

Das macht das Netbook zum "Den will ich auch!"-Artikel, der seine Kunden letztlich auch deshalb findet, weil er "niedlich" oder schick ist: Dass dies den Firmen durchaus klar ist, beweist deren Werbung. Kaum ein Hersteller verzichtet darauf, das Netbook in Handtaschen, im Café-Einsatz oder am Badestrand von lächelnden jungen Damen bedienen zu lassen. Wie schön, dass Netbooks zudem nicht nur klein, sondern auch mit sanften oder eleganten Formen und großer Farbvielfalt daherkommen - der Einzug des Apple-Prinzips ins 300-Euro-Segment.

Warum auch nicht? Die meisten Netbooks sind völlig hinreichend, können als Schreibmaschinchen für den kleinen Text, E-Mail- und Surfstation sowie als mobiler Multimedia-Player eingesetzt werden.

Szenario 3: Arbeitsrechner für Kleinaufgaben

Sie haben aber auch das Potential, das Business-Leben zu erobern. Heerscharen von Vertretern, Managern und sonstig Mobilen tragen täglich Hunderttausende von Laptops durch die Gegend, ohne diese wirklich zu brauchen. Sie sitzen in Gruppen an Tischen, jeweils einen aufgeklappten Laptop vor sich, während an der Stirnseite ein Laptop für eine Präsentation sorgt. In den meisten Fällen würde dieser eine reichen, und die anderen wären z.B. durch Notizblöcke bestens zu ersetzen.

Doch Mobilrechner sind heute Ausstattungsmerkmale ganzer Berufsgruppen, wie dies früher der Schlips war: Man trägt die blöde schwere Kiste mit sich herum, ob man sie braucht oder nicht. Denn der Laptop signalisiert: Ich bin dienstlich unterwegs und ernst zu nehmen. Ich verkaufe oder präsentiere etwas oder entscheide gar über Dinge. Entscheider entscheiden sich da gern für etwas ultraflaches von Toshiba, das Fußvolk arbeitet mit Dell, während die Kreativen ohne Apple nicht leben können. Selbst Marken sind Teil der Kommunikation via Laptop. Was nichts daran ändert, dass die meisten Maschinen trotzdem mehr oder minder sinnlos herumgetragen werden.

Was wäre das herrlich, hier bei Bedarf einen 800-Gramm-Rechner hervorzaubern zu können, um solche sozialen Signale zu setzen. Oder vielleicht sogar, um wirklich doch noch mal schnell diese eine wichtige E-Mail hervorzukramen, über die man gerade streitet oder verhandelt. Nur ein Ausdruck wäre da noch leichter.

Fazit: Sonnige Aussichten

Unter dem Strich steht den Herstellern mobiler Rechner mit Netbooks wohl kein Rekordsommer bevor, höchstwahrscheinlich aber ein ungewöhnlich guter. Das Netbook dürfte für Mehrkäufe sorgen, wenn auch vornehmlich nicht als Erstrechner für Kundengruppen, die den Kauf bisher aus preislichen Gründen vermieden. Als zusätzliches und zudem tatsächlich nützliches Gadget für PC- und Web-affine Zielgruppen aber besitzt das Netbook erheblichen Sex-Appeal.

Vernunftgründe für den Kauf findet man zudem im Schulbereich. Die Dinger wiegen nicht mehr als ein Buch und sind somit im Gegensatz zu Billig-Laptops auch für Kinderrücken tragbar.

...mit Schattenseiten

Auf der Risikoseite ist zu vermerken, das Netbooks wie Billig-Laptops den Markt der hochpreisigeren Mobilrechner kannibalisieren könnten. Hier akzeptierten die Kunden lange Zeit einfach ein überproportional hohes Preisniveau: Die Dinger waren halt teuer. Netbooks wie Billig-Laptops aber stehen für einen neuen Pragmatismus. Der Nutzer entdeckt, dass es nicht immer schneller, höher, weiter, stärker sein muss, sondern dass es durchaus schick sein kann, sich für ein abgespecktes Konzept zu entscheiden, das nur bietet, was man wirklich braucht.

Käufergruppen, die die von den Mobilrechnern gebotene Leistung wirklich brauchen, wird das nicht weiter interessieren. Der Witz ist nur, dass die verschwindend klein sind: Welcher PC-Nutzer braucht schon wirklich die volle Leistung, die sein Rechner ihm bietet?

Das Prinzip Aldi (verkaufe billig, aber viel) wird dafür sorgen, dass bei den Herstellern die Margen trotzdem stimmen: Die neuen Billigrechner werden für erhöhten Umsatz sorgen. Bedrohlich ist der Trend zum Netbook allerdings ausgerechnet im teuersten Marktsegment der Mobilrechner. Die größeren, gut ausgestatteten Netbooks konkurrieren mit ihren Zehn-Zoll-Bildschirmen, ihren 80-Gigabyte-Platten und relativ fixen Prozessoren direkt mit den hochpreisigen Ultraportables oder Subnotebooks, der Übergang ist quasi fließend - wenn man davon absieht, dass die eleganten "Subs" fünf- bis zehnmal so viel kosten wie die Netbooks.

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