Netzwelt-Ticker AOL entschuldigt sich für Datenschutz-Schlamassel

Eine kleine Gefälligkeit wird für AOL zum Image-GAU: Die Offenlegung von Daten über 650.000 AOL-Nutzer zu wissenschaftlichen Studien ist eine mehr als peinliche Datenschutz-Verletzung. Auf so etwas ist auch die US-Regierung scharf - wogegen Google erfolgreich klagte. Das und mehr im Überblick.


Nachdem AOL über 20 Millionen Suchanfragen seiner Kunden im Netz veröffentlicht hat und Datenschützer und Surfer daraufhin gemeinsam hellauf Empörung gezeigt haben, nahm der Provider die Daten aus dem Netz und entschuldigte sich demütig. "Das war ein Schlamassel und wir sind entsetzt und wütend darüber", so AOL-Sprecher Harry Weinstein. Möglicherweise erwartet den Internet-Dienstleister nun wegen Verstoßes gegen ein Datenschutzgesetz eine Geldstrafe von bis zu 658 Millionen Dollar – denn denkbar sind 1000 Dollar für jedes Einzelvergehen.

Das war passiert: Um der Wissenschaftsgemeinde einen Gefallen zu tun, so Associated Press, veröffentlichte AOL die 20 Millionen Suchanfragen von über 650.000 Kunden. Die Namen waren anonymisiert, nur das Suchdatum, der Suchbegriff und die danach angeklickte Seite wurden herausgegeben. Jeder konnte auf diese Daten zugreifen – die Datei ist komprimiert 439 Megabyte groß, 2 Gigabyte, wenn man die zehn Text-Dateien entpackt.

Doch seit dem Skandal um die Anstrengungen des US-amerikanischen Justizministeriums, genau solche Daten von den Suchmaschinenherstellern zu bekommen – denen sich nur Google (erfolgreich) entgegengestellt hat – ist "diese äußerste Blödheit atemberaubend", wie Techcrunch attestiert.

Denn aus diesen Informationen, die über drei Monate gesammelt wurden, lassen sich sehr wohl private und privateste Informationen zu spezifischen Personen herausholen. Zum einen über Leute, die schlicht ihren eigenen Namen, ihre Sozialversicherungsnummer oder ihre Website in die Suchmaschine eingeben. Über ihre eindeutige Identifikationsnummer kann man dann anzeigen, was sie sonst gesucht haben – zum Beispiel nach Informationen, wie man seine Frau umbringt, Drogen bestellt, fragwürdige Pornoangebote oder Bilder von geköpften Menschen finden kann.

Aber auch traurige Geschichten treten zutage, von Menschen, die zum Beispiel verzweifelt versuchen, den Liebsten zurückzugewinnen – und mit einem schweren Los konfrontiert sind. Eine jener Suchen beginnt mit: "wie man sexy mit seinem mann reden kann". Einen Tag später: "krebs mann liebe kompatibilität" und sechs Tage später "ex-affären kontrollieren" und "männer, die emotional missbraucht wurden" und "porn.com". Neun Tage später suchte jemand mehrmals nach "borderline persönlichkeitsstörung", einige Tage später einige Male nach "männer, die von ihren ehefrauen missbraucht werden." Monate später suchte jemand vom gleichen Account nach "ohio strafanstalt strkyer ohio" und dann nach Flugtickets und dann "ihn zurückgewinnen". Die Suchlogs sind voller solcher Geschichten, wie Wired.com berichtet – und sie gehen niemanden etwas an.

Und wer behauptet, dass man mit den Suchen kriminelle Akte verhindern kann, überschätzt die Beweis– und Aussagekraft von fragwürdigen Suchen. In der Folge der Berichterstattung um AOLs Datenschutz-Schlamassel wird wohl allerorts nach "how to kill a wife" gesucht. Alles potentielle Mörder?

Sony: WiFi-Handheld mit Messenger und Musik

Sony hat angekündigt, demnächst für Leute mit großem "Instant Messaging"-Bedarf einen Handheld mit drahtlosem Breitbandanschluss und Musikplayer-Funktionalität auf den Markt zu bringen. Mylo, so soll das Gerät laut Reuters heißen, wird gegen eine Reihe bereits erhältlicher Geräte in Wettbewerb treten, darunter den Sidekick von Danger Inc. und Nokias 770 drahtlosem Tablett-PC. Der Begriff "mylo" stehe für "my life online" und soll Usern ab September 2006 für 350 Dollar den Zugriff auf Instant-Messenger, das Internet, E-Mails, Musik und Fotos gewähren – und damit wohl auch dem erfolgreichen BlackBerry entgegentreten. Dafür spricht auch eine kleine ausziehbare Tastatur, mit dem auf einem 2,4-Zoll-Bildschirm E-Mails und Nachrichten über Instant Messenger von Yahoo und Google geschrieben werden können. Auch Skype sei mit an Bord – mit einer Batteriefüllung seien bis zu drei Stunden Internet-Telefonie drin. Alles, was man dazu braucht, ist ein WLAN-Hotspot ohne Browser-Authentifizierung.

Duran Duran gibt virtuelle Gigs

Die britische Band Duran Duran wird einem Bericht der BBC zufolge eine virtuelle Insel im Onlinespiel "Second Life" erschaffen und dort "echte" Live-Konzerte geben. Zwar gab es schon zuvor Kunstaktionen und Übertragungen aus "Second Life" heraus, aber Duran Duran ist die erste bekannte Band, die ihre Online-Präsenz im Spiel ankündigt.

"Second Life" ist eine 3D-Welt, welche die Spieler beziehungsweise Bewohner selbst erschaffen, ausbauen und besitzen. Bisher machen mehr als 370.000 Leute mit – teilweise leben sie vom Geld, das sie in "Second Life" zum Beispiel mit Programmierarbeit für andere Bewohner verdienen.

Bereits vor wenigen Monaten hat BBC Radio 1 dort eine virtuelle Insel gemietet und Musik-Festivals abgehalten – für "Duran Duran"-Keyboarder Nick Rhodes ist das Projekt eine neue Grenze, an der Träume wahr werden, für die Band Duran Duran ist das Teil einer größer angelegten Onlinemarketing-Kampagne, wie sie selbst in einer Pressemeldung schreiben.

Duran Duran, die unter anderem mit "Wild Boys" berühmt geworden sind, verkauften bisher rund 70 Millionen Tonträger. Das letzte ihrer 13 Alben brachten sie vergangenes Jahr hinaus.

Doch dass gerade Duran Duran in "Second Life" auftreten müssen, lässt nicht unbedingt jeden vor Freude erzittern. Viel schöner wäre es doch zum Beispiel gewesen, wenn an ihrer Stelle der wahnsinnige " Duran Duran Duran" vom holländischen " Cock Rock Disco"-Label mal die Bits und Bytes zu Brei gerockt hätte …

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