Netzwelt-Ticker "Die längste Selbstmordankündigung der Geschichte"

In Redmond scheint man es mit digitalen Kopierschutz-Maßnahmen zu übertreiben, in Asien kann man wieder E-Mails empfangen, Google ist auch über die Feiertage nicht faul und Downing Street No. 10 wird zum Point-and-Click-Adventure. Das und mehr im Überblick.


"Chinatube": Google steigt bei Online-Video Xunlei ein

Vor nicht zwei Wochen wurden erstmals Meldungen über Googles Interesse an einer chinesischen Online-Videoplattform laut, nun gibt es harte Fakten: Die Suchmaschinenbetreiber steigen bei der chinesischen Video-Website Xunlei ein. Das in der Boomregion Shenzhen beheimatete Unternehmen arbeitet schon mit dem Handyhersteller Motorola zusammen. Der Vorteil für Google: Mit der Investition erspart man sich die sehr umständliche und kostspielige Neukonzeption eines auf die Bedürfnisse des chinesischen Marktes zugeschnittenen Angebotes. Nähere Details zum Geschäft würden zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht bekannt gegeben, weiß China Daily zu berichten.

Heftige Kritik an Windows Vistas DRM-Technik

Dass Microsoft im Unterschied zur oft propagierten amerikanischen Freude am Wettbewerb eine einträgliche Monopolstellung bevorzugt, ist weltweit bekannt. Doch diese Marktposition könnte demnächst sogar Menschenleben gefährden, folgt man den steilen Behauptungen und schrillen Warnungen des Sicherheitsexperten Peter Gutmann.

Der arbeitet an der Universität von Auckland in Neuseeland und hat soeben einen flammenden Artikel gegen ein Übermaß an DRM in Windows Vista vorgelegt.

Die Kernaussagen: Um sogenannte Premium Inhalte, also Musik- oder Videodaten von DVDs zu schützen, stellt Windows Vista sehr hohe Anforderungen an alle Komponenten, die an der Datenverwaltung beteiligt sind. Neue Hardware und neue Treiber müssen demnächst den Vista-Kriterien genügen und entsprechend zertifiziert sein. Genügt ein Treiber diesen Anforderungen nicht, dann kann er vom System abgeschaltet werden, auch wenn er zum Beispiel für alle Chips eines Herstellers verwendet wird.

Was nichts anderes heiße, so Gutmann, als dass in Zukunft nicht nur Sound- oder Grafikkarten nicht mehr richtig funktionieren könnten. Auch computergestützte Anwendungen in der Flugüberwachung oder in Krankenhäusern könnten betroffen sein. Gutmann bilanziert die Angelegenheit so: "Die Vista-Spezifikation zum Schutz digitaler Inhalte ist womöglich die längste Selbstmordankündigung der Geschichte."

Microsoft erstellt Personalprofile zu Werbezwecken

Da kann dann auch nicht mehr erschrecken, dass Microsoft über die Auswertung von Cookies, die beim Surfen anfallen, und weiterer persönlicher Daten "verhaltensbasierte" Nutzerprofile erstellt. Mit diesem "behavioral targeting" genannten System soll personalisierte Werbung verstärkt ermöglicht werden. Die Online-Anzeigen können dann beispielsweise auf Leute zugeschnitten werden, die über 30 sind, Börsennachrichten lesen und gern in Fernost urlauben.

In einem ersten Schritt wurde damit begonnen, die Daten der 263 Millionen Hotmail-Nutzer mit denen von Lesern der MSN-News-Seite und anderer Microsoft-Angebote zu kombinieren. Selbstverständlich geschehe dies alles anonymisiert, beteuern die Redmonder, persönliche Daten würden nie in die Hände von Anzeigenkunden gelangen.

Das System wird in den USA seit September verwendet und soll bald weltweit eingesetzt werden, berichtet das "Wall Street Journal".

Asien nach Erdbeben allmählich wieder online

Nach dem Seebeben vor Taiwan waren große Bereiche in Asien vom Internet abgeschnitten, weil die Glasfaserkabel zerrissen wurden. Mittlerweile entspannt sich die Lage wieder, weil viele Anbieter den Datenverkehr über Umleitungen organisiert haben. Überdies sind schon Schiffe zur Reparatur der beschädigten Leitungen unterwegs. Außerdem soll das unterseeische Kabelnetz weiter ausgebaut werden. Die ersten diesbezüglichen Anfänge noch in den 90er Jahren waren mit dem Platzen der Dotcom-Blase und der nachfolgenden Wirtschaftskrise zum Erliegen gekommen.

PR-Gau: Microsoft verschenkt?/verleiht? Laptops an Blogger

Derzeit holen sich die Öffentlichkeitsexperten von Microsoft und der PR-Agentur Edelman wieder Gratislehrstunden im Internet ab. Die Unternehmen hatten an eine Reihe ausgesuchter "A-List-Blogger" nagelneue Acer-Notebooks mit Windows Vista und Office 2007 an Bord verschickt. Die Blogger sollten nur ein bisschen über ihre Erfahrungen mit den elektronischen Rezensionsexemplaren schreiben, dann könnten sie die Geräte an andere weitergeben – oder auch behalten.

Natürlich erhob sich daraufhin die Frage der Transparenz, inwieweit also die bloggenden Notebooktester auf die milde Gabe aus Redmond hinweisen würden und ob mit dem großzügigen Geschenk nicht ein Geschmäckle verbunden sei. Kaum waren diese Bedenken den Edelman-Experten zu Ohren gekommen, vollzogen diese prompt eine Kehrtwende. Von Behalten ist nun nicht mehr die Rede, die Geräte sollen zurückgegeben werden, wie Blogger Marshall Kirkpatrick berichtet.

Gegen Testberichte ist sicherlich nichts einzuwenden, aber diese sollten deutlich als solche erkennbar sein, ebenso die Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Die Schönschreiber von Edelman sind ein weiteres Mal in die Transparenzfalle getappt, in der sie eigentlich schon seit dem PR-Desaster um gefälschte Blogs von angeblichen Wal Mart-Fans saßen. Denn die betroffenen Blogger werden jetzt erst einmal den Teufel tun und über Windows Vista auch nur ein positives Wort verlieren.

Zu Besuch bei Tony Blair

Seit neuestem offeriert die offizielle Website des britischen Premierministers den Besuchern einen Blick hinter Großbritanniens bekannteste Haustür. Wer sich bisher immer gefragt hat, wie Tony Blair so wohnt, kann sich jetzt in einem virtuellen Rundgang selbst einen Eindruck verschaffen. Diverse Räumlickeiten können in 360°-Rundumschau besichtigt werden, per Mausklick erfährt der Besucher weitere Details über den Raum und seine Einrichtungsgegenstände. Vom Kabinettssaal bis zum "Kleinen Esszimmer" ist alles zugänglich, der Zutritt zum Schlafzimmer bleibt allerdings verboten.

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