Netzwelt-Ticker Geknackte Codes, beknackte Tänze

Wenn in Los Angeles die Hacker tagen, sind peinliche Schlagzeilen programmiert. Diesmal traf es Microsoft: Fies, wie leicht sich die Betaversion des auf Sicherheit gebürsteten Windows Vista hacken ließ. Außerdem: Datenpanne bei AOL, Tibet-TV, traumhafte Tänzer und mehr.

Von


AOL veröffentlicht User-Daten

Peinliche Panne beim Internet-Provider AOL. Am Wochenende veröffentlichte die Firma detaillierte Daten zu über 20 Millionen Suchanfragen, welche 650.000 AOL-User während einer drei Monate währenden Periode dieses Jahres durchgeführt haben. Zwar wurden in der zwei Gigabyte-großen Text-Datei sämtliche Benutzernamen durch ID-Nummern ersetzt, doch alles Übrige bleibt als Klartext lesbar. Dazu zählen auch sämtliche Eingaben, mit denen die Anwender die Suchmaschinen fütterten. Unter anderen gehören dazu persönliche Daten wie die Namen von Freunden und Familienmitgliedern, Adressen und Sozialversicherungsnummern. Michael Arrington von "Techcrunch" fürchtet nun, dass sich aus diesem Datenberg mit wenig Aufwand die hinter den ID-Nummer stehenden Websurfer identifizieren lassen. Marktforscher und Online-Werbetreibende hingegen jubilieren und können ihr Glück gar nicht fassen. So wie Markus Frind, der in seinem Blog "The Paradigm Shift" schon nach einem kurzen Blick auf die Daten verzückt ausruft, dies sei eine Goldgrube. Heute liefert Frind bereits eine erste Analyse der Daten und kommt zu dem Schluss, dass die Community-Website MySpace.com ihre hohen Klickraten in erster Linie Suchmaschinen-Spam zu verdanken hat. Analysen wie diese dürften aber nur die Spitze des Eisbergs ankratzen. Zwar hat AOL die besagte Datei mittlerweile wieder vom Netz genommen, sie wird aber bereits eifrig über andere Kanäle im Internet verbreitet.

iTunes-Musik bald auf DVD

Wie das "Wall Street Journal" (Registrierung erforderlich) berichtet, startet die Warner Music Group einen neuen versuch, die siechenden CD-Verkäufe aufzufangen. Nachdem bereits die Super Audio CD sowie die DVD Audio als potentielle CD-Nachfolger floppten, soll nun das "DVD Album" die Verkäufe ankurbeln. Der Trick dabei: Statt den Kunden, wie in Online-Shops, einfach nur die Musik zu verkaufen, sollen DVD-Alben gleich eine ganze Reihe von Extras enthalten. Dazu gehören neben Videos und Remixes auch Klingeltöne und Fotos. Zudem soll das Medium die Musik nicht nur in Stereo, sondern auch in Surround-Sound enthalten, der auf jedem DVD-Player abspielbar ist. In normalen CD-Playern, z.B. im Auto, lassen sich DVD-Alben freilich nicht anhören. Zudem soll ein Kopierschutz verhindern, dass die hochwertigen Audio-Daten der DVD auf Computer kopiert werden. Zum Ausgleich plant Warner, vorgerippte Audiodaten im, ebenfalls kopiergeschützten, Format des iTunes Music Store mit auf die DVD zu packen. Diese könnten nicht nur am PC angehört, sondern auch zum Brennen von CD-Kopien verwendet werden. Darüber, wann und zu welchem Preis erste DVD-Alben auf den Markt kommen werden, schweigt sich Warner Music derzeit noch aus.

Tibet Online Web TV

Die tibetische Exil-Regierung macht sich einmal mehr das Internet zunutze, um internationales Interesse für ihre Anliegen zu generieren. Wie auf "BoingBoing" zu lesen ist, startete sie am 3. August die Website Tibet Online Web TV. Dort soll künftig regelmäßig die Nachrichtensendung TibetTV News zu sehen sein. Eine erste Folge der in der Landessprache präsentierten Nachrichtensendung ist bereits zu sehen. Gelegentlich eingeblendete Untertitel erläutern zwar, worum es im jeweiligen Bericht geht, helfen aber ansonsten kaum weiter. Immerhin sind jedoch im Archiv auch einige englischsprachige Dokumentationen zu finden. Die anzuschauen lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn die Videoqualität oft zu wünschen übrig lässt.

Das USB-Pendel

Aus Japan erreicht uns die Kunde von einem USB-Stick, der nicht nur Daten speichern, sondern auch noch verlorene Gegenstände aufspüren können soll. Um das zu schaffen soll es genügen, ein Digitalfoto des vermissten Gegenstandes in den 256 MB großen Speicher des Pendel-Sticks zu laden. Sodann, so schreiben's die Kollegen von "Engadget", soll das magische Gerät durch Pendelbewegungen den Weg zu Handy oder Brieftasche weisen. Wer dem Hersteller Solid Alliance dieses Versprechen abnimmt, muss 9800 Yen (66,50 Euro) investieren. Derzeit ist das schlaue Stöckchen allerdings ausschließlich in Japan zu bekommen.

Vista gehackt

Donnerstag letzter Woche: Andrew Cushman von Microsoft fordert die Hacker auf der "Black Hat"-Konferenz heraus, sich an Vista zu versuchen - offenbar mit Erfolg
AP

Donnerstag letzter Woche: Andrew Cushman von Microsoft fordert die Hacker auf der "Black Hat"-Konferenz heraus, sich an Vista zu versuchen - offenbar mit Erfolg

Im Rahmen der Sicherheits– und Hackerversammlung "Black Hat" in Los Angeles, ist es der polnisches Forscherin Joanna Rutkowska gelungen, eine frühe Version von Windows Vista zu überlisten und ein wichtiges Sicherheitsfeature auszuschalten. Dazu verwendete sie Code, der wie ein Rootkit arbeitet, schreibt Cnet News.com. Ziel des Hacks war ein Mechanismus, der prüft, ob ein Treiber von Microsoft als Sicher befunden wurde oder nicht. Umgeht man diesen Sicherheitsmechanismus, kann man beliebige Treiber installieren und damit jeden denkbaren Code ausführen. Blue Pill, so benannte Rutkowska die Software-Attacke, funktioniere allerdings nur, wenn Vista im Administrator-Modus liefe – was ein normaler Vista-Rechner später wohl eher nicht automatisch täte. Zudem handelte es sich laut Microsoft um eine frühe Version von Vista. Bis zum Release im Januar werde man versuchen, das Sicherheitsloch zu stopfen.

Kamerun verdient Geld mit Tippfehlern

Irgendein kluger Kopf in Kamerun muss bemerkt haben, dass die Top-Level-Domain .cm nur einen Buchstaben vom berühmten .com entfernt ist – und damit eine unerschlossene Goldmine nur auf Schürfung wartet. Eine Goldmine, die auf Tippfehlern beim URL-Eintippen basiert. So wie es aussieht, schreibt das CircleID-Blog, hat Kamerun nun einfach ihre landesspezifische Top-Level-Domain .cm "gewildcardet" und auf eine Werbeseite umgelenkt. Das bedeutet, dass wann immer man eine URL mit .cm endet (sei es absichtlich, sei es als Tippfehler, zum Beispiel google.cm), landet man auf der immer gleichen Werbeseite. Scherzbolde rechnen nun damit, dass nach Kamerun (.cm) auch noch Kolumbien (.co) und der Oman (.om) ins Typosquatting-Geschäft einsteigen …

Surftipp: Traumhafte Tänzer

Das Internet hat sich für junge Bands längst zum Marketing-Instrument Nummer 1 gemausert: Kaum ein Newcomer, der darauf verzichten kann, sich eine steile Web-Community-Karriere herbeizufabeln. Die Band OK Go verzichtet auf solche durchsichtigen Legenden, spielt dafür aber gekonnt auf der Klaviatur des Viralen Marketings: Ganz gezielt spitzt sie ihre Fans an, per Stimmabgabe dafür zu sorgen, dass ihre Videos auf diversen Plattformen schnellstmöglichst zu den Beliebtesten gehören.

Pfiffig: OK Go werben auf allen Kanälen, die ihnen das Web bietet

Pfiffig: OK Go werben auf allen Kanälen, die ihnen das Web bietet

Das klappt ganz prächtig, wie man am Beispiel ihres neuesten Videos sieht: Über 1,4 Millionen Downloads in einer Woche sprechen für sich.

Den Web-Erfolg, mit dem die Band ihr Video auch bei den verbliebenen TV-Musikkanälen etablieren will, hat sie sich allerdings auch hart erarbeitet. Die Spaßvögel veröffentlichen nicht nur ihre tatsächlich witzigen Musikvideos im Web, sondern auch diverse Video-Späßchen für die liebe Fangemeinde, publik gemacht über die inzwischen obligatorische MySpace-Seite der Band. Dazu gibt es natürlich noch ein Blog, einen eigenen Podcast, eine offizielle Webseite, ein noch nicht einmal schlechtes Spiel und mehr. Ein volles Päckchen Werbung also von einer Band, die längst bei einer der großen Plattenfirmen unter Vertrag steht (Emi). Man sieht: Auch für die Musikindustrie ist nicht alles schlecht, was Web ist.

Mit Beiträgen von Felix Knoke und Frank Patalong

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.