Offroad im Sessel Wüste Rennen

Das Rennen ist gelaufen. Jutta Kleinschmidt wurde Zweite, trotz, aber auch wegen technischer Defekte. Wer jetzt aber erst recht weiterfahren will, hat dazu Gelegenheit - im Sessel. Doch Vorsicht: Nicht überall, wo Paris-Dakar draufsteht, ist auch Rallye-Feeling drin.

Von Gregor Wildermann


"Paris-Dakar" kommt mit dem "offiziellen Segen" der Veranstalter daher

"Paris-Dakar" kommt mit dem "offiziellen Segen" der Veranstalter daher

Die Rallye Paris-Dakar ist Kult, und das seit 1978. Als härteste Rallye der Welt gilt sie vielen, als phantastisches Marketing-Event anderen: Kann es da verwundern, dass auch Spiele-Entwickler versuchen, im Kielwasser des Rallye-Erfolges mitzuschwimmen?

Schon seit November 2001 steht das offizielle Spiel zur Paris-Dakar-Rallye im Handel (für PC und PS2), und ein Blick auf das Cover verrät uns sogar, dass es von Jutta Kleinschmidt selbst "empfohlen" wird: Nicht umsonst prangt ein großer Schriftzug von Sony und seiner PlayStation-Konsole auf dem Mitsubishi Pajero.

Die englische Firma Acclaim erhielt den Zuschlag zur Lizenzumsetzung dieses Rennens, jedoch hinterlässt das Endergebnis aus dem Entwicklerhaus von Broadsword Interactive einen eher zweifelhaften Eindruck.

Nach Anlegen eines persönlichen Fahrernamens startet der Spieler in drei verschiedenen Kategorien: Neben den Zeitrennen und dem Arcade-Modus ist das Herzstück von "Paris-Dakar Rally" der Kampagnenmodus, bei dem man als einer von insgesamt 400 virtuellen Teilnehmern in zwölf Etappen (mit jeweils 25 Kilometern) die Rallye nachfährt. 24 offizielle Lizenzfahrzeuge, die sich in die vier Kategorien Truck, Buggy, Motorrad oder Quadbike (ACV) unterteilen, stehen insgesamt zur Verfügung und werden in den ersten beiden Modi nach und nach freigespielt.

Doch schon gleich zu Anfang verwirrt die Spielidee, und man fragt sich, warum das Rennen im Senegal anfängt. Die Fahrphysik der diversen Vehikel erinnert eher an Luftkissenfahrzeuge und beim Motorengeräusch gibt es zwischen den Fahrzeugklassen keinen hörbaren Unterschied.

...und der "Empfehlung" durch Jutta Kleinschmidt

...und der "Empfehlung" durch Jutta Kleinschmidt

Eine Zwischenzeitanzeige, die stellenweise dem Fahrer komplett das Sichtfeld versperrt, darf schon eher als peinlich bezeichnet werden - und äußerst seltsam ist auch der Beifahrerkommentar, der stellenweise gar nicht mitkommt oder sogar falsche Richtungen ansagt. Was würde Frau Kleinschmidt wohl sagen, wenn ihr Beifahrer Andreas Schulz in der Realität so geschludert hätte?

Auch im technischen Standard kann diese Rallyesimulation nicht überzeugen. Quälend lange Ladezeiten von mehr als einer Minute deuten schon auf schlechte Programmierung hin, und die ewig gleiche Trommelmusik in der etwas zu typisch afrikanischen Stilart geht selbst gelassenen Spielernaturen recht schnell auf die Nerven.

Für einen PlayStation2-Titel ist auch die gesamte grafische Darstellung mehr als durchschnittlich. Zwar erschufen die Programmierer auffallend abwechslungsreiche Landschaften, doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich grobe Pixelwände, und die Texturen der Wagen entsprechen eher älteren Standards. Auch der Einfluss von Hindernissen wurde sehr rätselhaft eingestuft. Während der zweimalige Dakar-Gewinner Jean-Louis Schlesser im realen Rennen dieses Jahr erst mit einem ausgebrannten Renault Kangoo ausschied, scheitert man in der Spielumsetzung oft schon an einem banalen Wüstengewächs, kann durch übergroße Bäume aber problemlos hindurchfahren.

...und kann wirklich guten Renn- und Rallye-Simulationen wie "Grand Turismo" doch nicht das Wasser reichen

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Die Alternativen

Während man von diesem Wüstenrenner eher abraten möchte, gibt es auf dem Konsolenmarkt durchaus empfehlenswerte Alternativen. Fast unerreicht scheinen immer noch die Rallyelevel des PlayStation2-Spiels "Gran Turismo 3" zu sein, bei dem besonders der aufgewirbelte Fahrstaub wie bei einer echten TV-Übertragung wirkt.

Auch der neue Titel "Global Touring Challenge" (Rage) kann in der Darstellung der Landschaften und Wagen einige Punkte machen. Allerdings verhindert bei diesem Rallyegame, das ausschließlich in Afrika seine Strecken suchte, der hohe Schwierigkeitsgrad eine realistische Chance auf einen persönlichen Spielerfolg.

Mit der offiziellen Lizenz der FIA World Rally Championship im Rücken geht das momentan wohl beste Rallyegame "WRC" (Sony) auf der PlayStation 2-Konsole an den Start. Basierend auf den 14 realen Terminen der WRC, bei der Ende 2001 der Engländer Richard Burns gewann, startet man selbst entweder mit der ganzen Saison oder bei Zeitrennen oder Single-Races.

Besonders gelungen sind den Programmierern von Evolution Studios die Nachtfahrten, die wirklich Atem beraubend sind. Auch die Details der Fahrzeuge oder Landschaften überzeugen und lediglich der etwas zu leichte Schwierigkeitsgrad führt dazu, dass diese Meisterschaft ein eher kurzweiliges Fahrvergnügen wird.

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