Online-Glücksspiel: Teil 1 Fortuna im Netz

Dass das Geld nicht auf der Straße liegt, ist bekannt. Dass es auf dem Datenhighway liegen könnte, glauben immer mehr Glücksritter.

Von Barbara Mayerl


Roulette: Jetzt auch online
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Roulette: Jetzt auch online

Wer heute spielen will, braucht keinen Flug nach Las Vegas, sondern tippt einfach das Wort "Casino" in beliebigen Kombinationen in das Schreibfeld der Suchmaschine, dreht die Boxen auf, und schon geht's los. Nach dem Download der erforderlichen Software - garantiert benutzerfreundlich - sitzt man kurz danach am gediegenen Roulettetisch. Ein Croupier gibt die Kommandos "Place your bets" und beim Hantieren mit den Jetons lauscht man einem wohl tuenden "Klick-Klack". Von Roulette, Black Jack, Poker bis zu den einarmigen Banditen ist alles da, was man auch im realen Casino findet. Die Hintergrundmusik kann man selbstverständlich frei wählen, damit man so richtig in Spiellaune kommt. Jeder neue Besucher bekommt erst mal 30 Dollar Vorschuss in Chips - bezahlt wird mit Kreditkarte.

Das Szenario am anderen Ende der Datenleitung stelle man sich in etwa so vor: Die idyllische Karibikinsel Antigua ist die Zentrale der modernen Glücksspiel-Entrepreneure. Auf dem Eiland ist erlaubt, was in Deutschland verboten ist. Wichtige Einnahmequelle der erst 1981 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassenen Insel sind die ansässigen Online-Casinos. Da fließt ordentlich Geld durch Lizenzen, Steuer und sonstige Infrastruktur in die Volkswirtschaft.

Wer also ein gerüttelt Maß an Vertrauen und Nerven aufbietet, kann in diesen virtuellen Spielsalons sein Glück versuchen. "Viele Betreiber dieser Online-Casinos haben einfach eine Software geschrieben oder schreiben lassen, und die läuft nun 24 Stunden am Tag. Es liegt in ihrem ureigensten Interesse, Gewinne die anfallen auch tatsächlich auszubezahlen," zerstreut Anselm Withöft, Anwalt der Düsseldorfer Kanzlei Strömer, Fragen nach seriösem Geschäftsgebaren. "Wenn ein Casino-Besitzer unangenehm auffällt, spricht sich das bei der Kundschaft ohnehin recht bald herum." Dem Internet sei Dank.

"11.680 Mark in fünf Stunden zu verdienen, würde Sie das interessieren?" lockt man auf einer anderen Homepage Roulette-Systemspieler. Wir wollten es etwas genauer wissen und sandten eine E-Mail-Anfrage aus, die einzige Chance, mit den Betreibern Kontakt aufzunehmen. Die Antwort war prompt und eindeutig: "User unknown"

Die Rechtslage am grünen Filz

In Deutschland darf Glücksspiele nur veranstalten, wer eine Lizenz besitzt. Der Staat kontrolliert und wählt die Lizenzinhaber sorgfältig aus, schließlich sollen die Steuereinnahmen auch ordentlich in den heimischen Finanzsäckel wandern. Alle Spielformen, wo tatsächlich Geld eingesetzt und möglicherweise auch gewonnen werden kann, sind privaten Betreiben versagt. Auf diese Genehmigungen können die Betreiber der so genannten Antigua-Casinos getrost verzichten, die führen ihre Steuern dort ab. In Deutschland dürfen sie weder für den Online-Betrieb noch für die Werbung heimische Partner heranziehen, andernfalls machen sie sich straf- als auch zivilrechtlich strafbar. "Wenn Genehmigungen durch einen anderen EU-Staat vorliegen, sähe die Sache möglicherweise anders aus," mutmaßt der Anwalt Withöft. "Wenn der Betreiber seine Steuern definitiv in Portugal abliefert, ist es fraglich, was das deutsche Finanzministerium dagegen haben könnte." Einen diesbezüglichen Präzedenzfall gäbe es bislang nicht, meint er.

Juristische Klippen und nationale Grenzen hat auch bet11.com elegant umschifft. Hier kann man auf die kuriosesten Sachverhalte Online-Wetten abschließen. Ein Beispiel dazu: "Bekommt Madonna Drillinge?" Die alloo AG hat ihren Firmensitz einfach nach Österreich verlagert und hier ganz offiziell um eine Wettlizenz angesucht und auch bekommen.

Der Markt boomt jedenfalls: Marktforscher von Data Monitor schätzen, dass die Europäer dieses Jahr im Internet 504 Millionen Mark im wahrsten Sinne des Wortes "aufs Spiel" setzen. Bis 2002 soll dieser Umsatz gar auf 5,3 Milliarden Mark klettern, das bedeutet jährliche Wachstumsraten von 122 Prozent.

In den Vereinigten Staaten setzen mehr als 700 Anbieter 1,2 Milliarden Dollar im Jahr um. Fünf Prozent aller Internet-User, das sind 4,5 Millionen Amerikaner, spielen regelmäßig, so das Ergebnis einer jüngst erstellten Studie des American Life Projects. In den USA überlegt sich der Gesetzgeber bereits, in einen der raschest wachsenden Online-Märkte regulierend einzugreifen und findet mitunter sogar die Unterstützung der Unternehmer. Die Anzahl an illegalen Anbietern verdoppelt sich jährlich. Mit dem technischen Fortschritt und den grenzüberschreitenden Möglichkeiten des Internet werden die Behörden aber noch länger ausgebremst werden.



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