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17. August 2000, 13:40 Uhr

Online-Glücksspiel: Teil 3

Das Spiel mit unsichtbaren Werten

Von Barbara Mayerl

Nach aktuellen Schätzungen sind rund 120.000 Deutsche spielsüchtig. In naher Zukunft kommen auch noch die Online-Zocker dazu.

DPA

Zur Zeit konsultieren Internet-Spielsüchtige die Beratungsstellen erst in homöopathischen Dosen. Doch mit dem explosionsartigen Ansteigen der Angebote werden auch hier die "Patienten" bald zahlreicher erscheinen - denn das Suchtpotenzial im Netz ist groß.

Hier kommen einige Faktoren hinzu, die beim herkömmlichen Glücksspiel durch sozialen Kontakte abgeschwächt werden. Gerhard Meyer von der Universität Bremen widmet sich seit geraumer Zeit der Untersuchung von Glücksspiel und ortet im Internet vor allem drei Gefahren, die er auch in seinem Buch "Spielsucht" beschreibt:


- Süchtige brauchen eine hohe "Ereignisfrequenz", also eine rasche Spielabfolge und die ist im Internet technisch einwandfrei zu realisieren und außerdem noch rund um die Uhr verfügbar.
- Die soziale Kontrolle fehlt völlig, was ein süchtiger Spieler im Internet treibt, fällt seinem Umfeld - wenn überhaupt - erst viel zu spät auf.
- In öffentlichen Spielklubs hantiert der Spieler zumindest gelegentlich mit Bargeld. "Im Internet setzt der Kontrollverlust über die finanzielle Gebarung viel früher ein," berichtet Meyer aus seinen Erfahrungen. Betroffene verlieren den den Überblick über ihr finanzielles Wertesystem.


Noch waltet die Skepsis

Momentan ortet er zwar bei gestandenen Spielern noch Vorbehalte gegenüber den Online-Casinos, denn wie die virtuelle Kugel gefallen ist, ist nicht wirklich nachzuvollziehen, ob das nun Zufall oder manipulierte Software war. Zahlreiche Spieler schätzten auch die Atmosphäre in einem Casino, berichtet Meyer. Als künftige Gefahrenzone sieht er vor allem die boomenden Online-Wetten. "Wenn Werder Bremen gegen Bayern München am Samstag spielt, dann ist das Resultat halt auch durch die Berichterstattung verbrieft." Wenn dann der Staat sein Okay zu den Lizenzen gibt, wie es zur Zeit in Australien der Fall ist, bekommen die Betreiber jedweder Glücksspiele einen enormen Glaubwürdigkeits-Bonus bei der Klientel und dementsprechenden Zulauf.

Der Staat greift nicht ein

Die Realitäten des Internet sind ohnehin so, dass sich einzelstaatliche Kontrollen im Online-Bereich kaum realisieren lassen. Am Erfolg versprechendsten ist hier noch die Einflussnahme auf Kreditkartenunternehmen oder die Unternehmen, die den Cybercash künftig transferieren werden. Anstrebenswert wäre eine Regelung auf internationaler Ebene, beispielsweise im Rahmen der Vereinten Nationen. "Doch die haben dringendere Probleme," gibt sich Meyer realistisch.

Virtuelle Anlaufstelle für Hilfesuchende

Eine wichtige Netzadresse in Sachen Glücksspielsucht wird in Zukunft noch mehr Zulauf bekommen. Auf Glücksspielsucht gibt es ein sehr engagiertes Angebot an Fachliteratur, Studien und nicht zuletzt Kontaktadressen für krankhafte "Zocker". Im Forum können sich Betroffene und Angehörige anonym über die Sucht austauschen, wie zum Beispiel ein 23-jähriger Mann, der bereits seit vier Jahren diese Probleme hat: "(...) Sobald ich einen größeren Geldbetrag über habe, fahre ich ins Casino und schwups war's das wieder mit der Kohle (meistens jedenfalls). (...) Habe kürzlich auch angefangen im Internet zu zocken und halte dies für sehr gefährlich. Was denkt ihr darüber, und habt Ihr auch schon Erfahrungen hiermit gemacht?"

Endstation Klinik

In der Psychosomatischen Fachklinik Münchwies im Saarland ist man seit Mitte der achtziger Jahre auf pathologische Glücksspieler spezialisiert. Und seit 1999 beobachtet man auch hier, dass unter der Klientel vermehrt Menschen sind, die Probleme mit dem Internet haben. "Die meisten kommen zu uns, wenn sie ihre Telefonrechnungen einfach nicht mehr bezahlen können," berichtet Wolfgang Bensel, Therapeut in Münchwies. In der Therapie wird dann in einem abstinenzorientierten Ansatz ausgelotet, wie weit man die Patienten vom PC entfernen muss, um die Sucht zu bekämpfen. "Für manche ist es unmöglich, normale Tätigkeiten am PC zu verrichten, ohne den unwiderstehlichen Verlockungen von Gaming oder auch Chatten zu erliegen," erzählt Bensel. Die Patienten erlebten den PC "als Beziehungspartner". Interessant auch die Beobachtungen, dass die unglücklichen Glücksspieler immer wieder in zyklischen Abständen Hilfe suchen. "Immer wenn das Thema in den Medien breit aufgegriffen wird, kommen mit etwas zeitlicher Verzögerung mehr Leute zu uns," sagt er.

Die Online-Sucht ist für den Fachmann jedenfalls keine Krankheit an sich, sondern bleibt ein Symptom, dessen Ursachen im Einzelnen freizulegen und zu therapieren sind.

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