Produktdesign "Es fehlt häufig der Blick auf die Menschen"

Die US-Informatikerin Anita Borg kämpft gegen männerbestimmtes Produktdesign in der Hightech-Branche. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte sie: "Technik ist nie neutral."

SPIEGEL ONLINE

: Frau Borg, als Paradebeispiel für frauenverachtendes Produktdesign gilt das auf der Beifahrerseite - und nicht auch über dem Fahrersitz - montierte Schminkspiegelchen im Auto. Gibt es eine Entsprechung in der Computerwelt?

Anita Borg: Eine Kollegin hat einmal gesagt, wenn Frauen das Automobil entworfen hätten, gäbe es irgendwo einen Platz für die Handtasche. Immer verrenke ich meine rechte Schulter, um das blöde Ding irgendwo hinten in meinem Porsche zu verstauen. Nach wie vor haben wir das Problem, dass ein Grüppchen 18- bis 30-jähriger weißer Männer aus dem Westen - als Ingenieure, Programmierer und Geldgeber - alle Entscheidungen über die technologische Zukunft der Welt treffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie spiegelt sich das in Geräten wider?

Borg: Zum Beispiel in diesem unsäglichen Kühlschrank, der einem angeblich das Leben erleichtert, indem er eine Einkaufsliste erstellt. Dazu muss man die Lebensmittel, wie an der Supermarktkasse, an einem Scanner vorbei hineinpacken und herausnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so schlimm daran?

Borg: Das Scannen bedeutet einen Bedienungsschritt mehr für den Benutzer. Es macht also mehr Arbeit, anstatt sie zu erleichtern. Oder nehmen Sie die angeblich intelligente Küche, die man beim Massachusetts Institute of Technology entwickelt hat - selbst Martha Stewart, die amerikanische Überhausfrau, hat gesagt, sie will nicht, dass ihre Küche ihr sagt, was sie zu tun habe. Die Küche muss doch auf den Nutzer hören, nicht umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Auch den Designern des Palm Pilot machen Sie Vorwürfe. Die hätten das Gerät exakt für die männliche Westentasche entworfen.

Borg: Auf dem Palm Pilot habe ich ein bisschen zu heftig herumgehackt. Das ist eigentlich ein ordentliches Gerät. Und die Leute, von denen ich spreche, sind ja auch keine schlechten Menschen. Aber viele von ihnen interessieren sich eben eher dafür, coole neue Hightech-Spielzeuge zu entwerfen als Dinge, die Menschen wirklich dienen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist eine männliche Denkart?

Borg: Tendenziell schon. Wie würde die Welt aussehen, wenn ein Häufchen junger weißer Frauen alles gestaltet hätte?

SPIEGEL: Computer, Telefon, Flugzeuge - ein paar nützliche Dinge haben die Männer schon erfunden, oder?

Borg: Ich will doch gar nicht sagen, dass alles Schrott ist! Ich frage eher: Was fehlt? Was verpassen wir, indem wir uns auf diese Spielzeuge konzentrieren? Und ich behaupte, wir könnten bessere Technologien haben, es fehlt häufig der Blick auf die Menschen, die das alles nachher nutzen sollen: Frauen oder Männer, alt oder jung, arm oder reich, gesund oder krank.

SPIEGEL ONLINE: So gesehen ist auch das Handy ein Hightech-Spielzeug - eines, das Frauen wie Männer nicht mehr missen wollen.

Borg: Das Mobiltelefon hat seine Karriere durchaus als Accessoire für Männer begonnen. Für Männer, die sich für so immens wichtig halten, dass sie immerzu erreichbar sein müssen und das passende Statussymbol dafür an ihrem Gürtel zur Schau tragen. Viele Frauen hingegen lassen sich nicht gerne von der Technik kontrollieren, sondern wollen sie umgekehrt dazu benutzen, ihr Leben besser zu kontrollieren. Das Handy ist auch ein Hilfsmittel, um zu bestimmen, wer einen wann und wo erreichen kann. Doch dazu mussten Frauen sich erst einmal die Mühe machen, es der anfänglichen Bedeutung, die es für Männer hatte, zu entkleiden.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem liegt also nicht immer im Produktdesign, sondern in der Bedeutung, die ihm nachher verliehen wird. Was könnte neutraler sein als Technik?

Borg: Technik ist nie neutral. Alles, was geschaffen wird, reflektiert den Hintergrund, die Bedürfnisse und Werte, die seinem Erfinder vorschweben. Jungs, die gern mit Elektronik herumspielen, bauen eben elektronisches Spielzeug.

SPIEGEL ONLINE: Viele Frauen spielen auch gern mit Elektronik herum. Warum glauben Sie, dass Frauen andere Technologien entwerfen würden?

Borg: Ich sehe, wie Frauen zum Beispiel in unseren Institutsworkshops an Technik herangehen. Sie denken vor allem über Systeme und Geräte nach, welche die Bedürfnisse ganzer Gruppen, Arbeitsteams oder der Familie erfüllen könnten. Eines unserer Entwicklungszentren arbeitet an einer smarten Kalender-Software, die es erlaubt, dass mehrere Leute gleichzeitig ihre Termine eintragen, und die dann zum Beispiel automatisch mitteilt, dass Papa Betty um fünf vom Tennis abholen muss. Es geht also darum, integrierte Technologie mit einem direkten Bezug zum tatsächlichen Alltag der Nutzer zu bauen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie eine Digitalkamera besser in den Alltag integrieren wollen?

Borg: Ich würde zum Beispiel fragen, wie man ein System drum herum bauen könnte, das hilft, die Tausende von Fotos, die man damit machen und speichern kann, auf sinnvolle Weise zu organisieren, so dass es Freunden, Kollegen und Familienmitgliedern nützt. Wie kann ich alle Babyfotos von Emma finden? Oder alle, die ich an Ostern vor drei Jahren aufgenommen habe? Ließe sich ein Global Positioning System zur geografischen Orientierung in die Kamera einbauen, so dass ich immer wüsste, wo ich die Bilder geknipst habe? Da könnte man sich vieles überlegen - aber auf solche Ideen kommt man nur, wenn man ausgehend von den Bedürfnissen die Technologie konstruiert. Dazu müsste man erst einmal genau hingucken, wie die Leute leben, für die man etwas baut.

SPIEGEL ONLINE: Insofern war der Schminkspiegel doch das Produkt einer genauen Beobachtung - es soll Frauen geben, die tatsächlich im Auto den Lippenstift auffrischen.

Borg: Aber sie tun auch noch eine Menge mehr mit dem Auto (lacht) - zum Beispiel fahren sie damit.

Das Interview führte Rafaela von Bredow .