Revolution im Telefon Das schwierige Geschäft mit UMTS

Vier Jahre sind ins Land gegangen, seit die Betreiber der Mobilfunknetze in einer aufsehenerregenden Versteigerung die Lizenzen für UMTS erworben haben. Seitdem wird in schöner Regelmäßigkeit vor der Cebit auf den kurz bevorstehenden Durchbruch hingewiesen. Nun soll die Technik wirklich kommen - ob sie funktioniert?

Von Michael Voregger


UMTS-Handy Nokia 7600: Extragroßer Bildschirm
Nokia

UMTS-Handy Nokia 7600: Extragroßer Bildschirm

In der Tat hat Vodafone als erster Anbieter bereits mit der Vermarktung einer Datenkarte für mobile Computer begonnen. Die verbliebenen Konkurrenten T-Mobile, O2 und E-Plus zogen mit dem Start der Cebit nach. Doch das Angebot hat in erster Linie Geschäftskunden im Blick, die unterwegs eine möglichst breitbandige Kommunikation wünschen. Immerhin: Das UMTS-Netz steht und funktioniert.

Den Standard der dritten Generation testet Vodafone seit Mitte Dezember mit verschiedenen Firmenkunden. In mehr als 100 Städten konnten Geschäftsleute das Netz des Anbieters mit einer Datenübertragungsrate von 384 KBit/s ausprobieren. Außerdem unterstützen die Karten auch den GPRS Standard und den klassischen Netzwerkanschluss. T-Mobile geht davon aus, dass es im Jahr 2005 etwa 40 Millionen Nutzer der neuen Technologie in Europa geben wird und bis Ende 2006 soll die 100 Millionen Marke erreicht sein. Beim weltweiten Aufbau der Netze ist Siemens beteiligt und kooperiert dabei mit dem japanischen Hersteller NEC.

"Per Handy Videos aufnehmen und an Freunde und Familien verschicken, die wichtigsten Nachrichten des Tages als kurzen Videofilm aufs Display laden. Gestern noch undenkbar, heute Realität", heißt es hoffnungsvoll in der Werbebroschüre der Messebetreiber. Davon ist die Entwicklung aber noch weit entfernt, denn UMTS-Handys kann man an einer Hand abzählen und die wenigen Geräte von Siemens oder Nokia sind für die meisten Privatkunden zu teuer.

So erwarten die Netzbetreiber erst in der zweiten Jahreshälfte mehr Geräte, die auch für den kleinen Geldbeutel interessant sind. Siemens hat mit dem "U15" bereits sein zweites UMTS-Handy im Angebot, dass auch im herkömmlichen GSM-Standard funktioniert und für knapp 1000 Euro zu haben ist. Nokia macht es mit dem Modell "7600" schon für 500 Euro, aber das Gerät gibt es noch nicht in Deutschland. Das schnelle Surfen im Internet per Handy lässt noch bis zum Weihnachtsgeschäft auf sich warten.

Das Westentaschenkino kommt doch

Schon im nächsten Jahr sollen die Kunden dann nicht nur telefonieren und surfen, sondern auch mit dem Handy Fernsehen können. Die technische Grundlage dafür bildet der Digitalfernsehstandard DVB-T und nach Feldversuchen sollen Fernsehbilder, Zusatzinformationen und Live-Spiele über das kleine Display flackern. Experten erwarten für 2006 mehr als 20 frei empfangbare Fernsehprogramme für den mobilen Begleiter.

Die Erfahrungen in anderen Ländern, wie Österreich, Schweden oder Italien zeigen aber auch, dass Telefonieren über UMTS mit ganz gewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Im Handy-verrückten Italien hat zum Beispiel die Tatsache für Verärgerung gesorgt, dass viele Gespräche ungewollt und plötzlich beendet werden.

Mit UMTS wird auch der Handydienst "Push-to-Talk" in Europa die Lücke zwischen Kurzmitteilung und Telefonat schließen. Die paketvermittelte Sprachübertragung über GPRS- oder UMTS-Netze erlaubt es den Teilnehmern, immer am Netz zu hängen, denn es muss keine Verbindung aufgebaut werden. Fahrradkuriere in New York nutzen den Dienst, um mit ihren Auftraggebern in Kontakt zu bleiben. Ein Knopfdruck genügt und man kann auch gleichzeitig mit mehreren Teilnehmern sprechen. Im Herbst soll der Dienst in Europa verfügbar sein.

Pioniere: Hier wird bereits UMTS angeboten
DER SPIEGEL

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Den Kunden ist es letztlich egal, ob ihr Handy GSM, GPRS oder UMTS nutzt, damit sie ihren Telefonpartner erreichen können. Entscheidend ist die Funktionalität und vor allem der Preis der Anwendungen. Telefonate sind immer noch zu teuer und was die neuen Anwendungen kosten sollen, da hört man bisher sehr wenig aus den Vorstandsetagen der Netzbetreiber. Es sollte aber allen klar sein, dass die wirklich interessanten Anwendungen auch einen besonderen Preis haben werden.

Der Nutzen von Fernsehen am Handy mag sich nicht allen Zeitgenossen erschließen, aber in bestimmten Situationen kann es auch hierfür eine starke Nachfrage geben. So muss man nicht mehr widerwillig mit der Familie ins Strandbad gehen, obwohl der Lieblinsverein gerade ein wichtiges Spiel bestreitet, denn mit dem Handy kann man die Spielzüge zumindest grob erahnen. Allerdings wird das mit Sicherheit ein kostspieliges Vergnügen werden und vielleicht sollte das alte Kofferradio noch nicht so schnell auf dem Sperrmüll landen.

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