Scheiden tut weh Leb wohl, Ginger!

Ein Jahr lang fieberte die Gemeinde der Tech-Fans dem Tag entgegen, an dem das Geheimnis von "Ginger" gelüftet werden sollte. Heute war es so weit. Zeit, sich von einem Hightech-Traum zu verabschieden.


"Ginger", meinte Steve Jobs vor einem Jahr, sei so toll, dass man "Städte darum herumbauen" werde
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"Ginger", meinte Steve Jobs vor einem Jahr, sei so toll, dass man "Städte darum herumbauen" werde

Wer vor vielleicht knapp vier Jahren im Anzug und mit wehender Krawatte auf einem kleinen Alu-Roller über Bürokorridore oder durch Einkaufsstraßen düste, der hieß entweder Vaclav Havel oder arbeitete in der Hightech-Branche. "In" war er allemal, bis die Preise für die kleinen Dinger von astronomischen drei-, vierhundert Mark auf einen "Fuffi" gekrümelt und sie in jedem Baumarkt erhältlich waren.

Wer heute noch Aluroller fährt, ist entweder acht oder völlig trend- und moderesistent. Und er hat noch keinen "Ginger".

Denn die mysteriöse Erfindung, von der es ein ganzes Jahr lang raunte, sie werde die Welt verändern, wurde endlich der Öffentlichkeit vorgestellt: Ginger ist ein Roller.

Dean Kamen persönlich führt Ginger vor: Ab sofort soll das Vehikel "Segway Human Transporter" heißen
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Dean Kamen persönlich führt Ginger vor: Ab sofort soll das Vehikel "Segway Human Transporter" heißen

Noch nicht einmal eine Brennstoffzelle hat er, was viele, die immer schon auf ein Transportmittel tippten, geglaubt hatten. Denn irgend etwas wirklich Großes hatte man tatsächlich erwartet, spätestens seit Hightech-Größen wie Steve Jobs, Jeff Bezos oder Bob Metcalfe nach einer geheimen Vorführung des Gerätes bereitwilligst Lobeshymnen anstimmten (und sich genauso bereitwillig wie gewinnsüchtig an der Finanzierung beteiligten). "Ganze Städte", hieß es damals, würde Ginger verändern.

Ja, es hatte früh diese Skizzen gegeben, die Erfinder Dean Kamen den Patentämtern übermittelte: Die sahen aus, als hätte der Hauszeichner eines Cornflakes-Karton-Herstellers versucht, die Technologien der Jetsons-Comicserie ins Realleben zu übertragen. Für Ablenkungsmanöver hielten viele diese Machwerke, für eine Veräppelung der Öffentlichkeit, aber nicht für das Instrument der Veränderung der Welt.

Die Gerüchte um Ginger wuchsen sich zu einem kleinen Kult aus. Nein, was war das schön, über ein so großes Geheimnis spekulieren und spinnen zu können. Die Vorfreude und Spannung wuchs, ungezählte Artikel erschienen, Newsgroups schossen ins Kraut. Und dann das: Ginger ist wirklich ein Roller.

Der "Segway Human Transporter": Schluss mit Spitznamen
REUTERS

Der "Segway Human Transporter": Schluss mit Spitznamen

Zugegeben, kein normaler.

Batteriegetrieben ist er, fast 20 Kilometer schnell.

Die technische Innovation steckt in seiner wirklich revolutionären Steuerung: Die verlässt sich auf das Dateninput von Gewichtssensoren, die den Körperschwerpunkt des Fahrers 100-mal in der Sekunde messen und dem Roller so mitteilen, wo der Fahrer hinwill. Der Roller ist somit "intelligent", er "spürt", was sein Fahrer will. Zudem soll es so gut wie unmöglich sein, herunterzufallen: Sogar mit kleineren Treppen, Eis und miesen Wegstrecken soll Ginger fertig werden.

Das alles macht seinen Fahrern offenbar unendlichen Spaß und sieht nur für Außenstehende dämlich aus (Aluroller, Anzug und Krawatte übrigens auch).

Technologisch ist es unendlich aufwendig und vermag sogar echte Tech-Affinados zu verblüffen. Nun soll Ginger bereits im Vorfeld von einigen Firmen (die in seine Entwicklung investierten) bestellt worden sein. Doch unter dem Strich wird die Kiste, da wahrscheinlich auch unendlich teuer, zunächst einmal zum Reichen-Spielzeug.

Dean Kamen versprach eine Erfindung, die die Welt verändern sollte - und meinte damit den Alu-Roller für das neue Jahrtausend
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Dean Kamen versprach eine Erfindung, die die Welt verändern sollte - und meinte damit den Alu-Roller für das neue Jahrtausend

"Innerhalb eines Jahres" will Kamen es schaffen, ein Straßenmodell für den Massenmarkt vorzustellen, das dann "nur noch" rund 8000 Mark kosten soll. Für die meisten, die ein Jahr lang auf Ginger warteten, ist der klobige Flitzer also zunächst einmal eine Antiklimax.

In einigen Jahren dann, wenn Reversed Engineering für genügend preiswerte Konkurrenz gesorgt hat und Ginger-Klone an Baumarkt-Kassen zu haben sein werden, ist das Gefährt vielleicht das ideale Weihnachtsgeschenk für Töchter und Söhne, die heute acht Jahre alt sind: Bis dahin sind sie 14 und dem Alu-Roller entwachsen. Bis dahin auch ein fröhliches Lebewohl dir, oh Ginger: Ab jetzt heißt Du "Segway Human Transportation Vehicle". Das kann sich kein Mensch merken, aber das macht auch nichts, denn auf dich hat die Welt dann am Ende doch nicht gewartet. Witzig bist du, sicherlich. Nur wichtig nicht.

Frank Patalong



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