Schlichte Produkte Nicht einfach nur billig

Asus verbuchte mit der Veröffentlichung des EeePC mehr als nur einen Achtungserfolg: Der Rechner bedient einen Trend, eine echte Nachfrage. Die ist durch den Preis allein nicht hinreichend zu erklären, wird aber von immer mehr Unternehmen mit Erfolg bedient.

Ergonomie, Usability, intuitive Benutzerführung: In IT-Kreisen sind das seit langem schon Zauberworte, mit denen sich Produkte trefflich vermarkten lassen. Sie umschreiben den Versuch, Produkte, deren Handhabung und Beherrschung eigentlich viel zu kompliziert ist, mit bewusst komplizierten Worten als angeblich einfach und bequem zu verkaufen.

Mit Verlaub gesagt: Das meiste davon ist Marketing, so sinnvoll wie "Jod S11-Körnchen" oder "Digestivum Essensis Kulturen". Letzteres könnte man grob mit "komprimiertes Verdautes" übersetzen. Sorry, aber auch die meisten Einfachheitsversprechen in der IT-Welt sind Digestivum Essensis.

Gerade bei den kleinen digitalen Alleskönnern erfordert die Handhabung ein ausgiebiges Produktstudium. Dazu fehlt mir persönlich jede Zeit und Lust - und ich weiß, dass das immer mehr Menschen so geht. Ich verstehe die Nachfrage nach Produkten wie dem EeePC, weil ich sie selber spüre. Es gibt einen wachsenden Hunger nach einfachen, regelrecht reduzierten Produkten mit einem klar definierten Nutzungszweck, den man nicht weiter erklären muss. Bleiben wir mal in der Sprache der Werbung: "Keine Hektik. Kein Stress. Keine Kompromisse." Vor allem aber: kein Handbuch.

In einer idealen Produktwelt sieht mein Traum-Nutzungsszenario so aus:

  • Anschalten
  • Nutzen
  • Ausschalten

Nur damit da keine Missverständnisse aufkommen: Mit "Nutzen" meine ich nicht, dass ich mich vorher durch sechs Haupt- und zwölf Untermenüs hangeln muss. Ich lasse Sie einmal in meinen ganz persönlichen Wunschzettel hineinsehen.

Meine Traumgeräte

  • Ein Mediaserver, den ich als Rekorder nutzen kann, aber auch dafür, Film und Ton aus dem Internet zu beziehen. Den will ich ohne irgendwelche Adapter mit dem Fernseher und der Stereoanlage verbinden und plug & play einfach per W-Lan oder Homeplug (Stromnetz) mit meinem Rechner oder der DSL-Dose verbinden. Installationen sollten unnötig sein. Das Menü beschränkt sich auf Audio, Video und Netz. Darunter dürfen gern in Ordnern Mediendateien liegen, die anhand ihrer Klarnamen zu erkennen sind, wahlweise anhand ihrer Cover. Fehlende Codecs werden übrigens automatisch nachgeladen. Das Ganze hätte ich gern zu einem Preis, für den ich keinen Kredit aufnehmen muss.
  • Ein Handy, dass chic aussieht, aber ohne Handbuch auskommt. Telefonie, SMS, Adressbuch und Kamera reichen mir als Ausstattung.
  • Ein Laptop mit Elementar-Linux und wenigen Grundfunktionen, aber vergrößerter Tastatur und großem Bildschirm: das wäre nicht nur was für meine Mutter, sondern für Millionen bisher IT-ferne Verbraucher.
  • Ein leichter, echter Reise-Laptop mit den Grundfunktionen Schreiben, Internet und Video. Wie der (nur in Wünschen existente) Rechner zuhause geht der einfach an, wenn man ihn anschaltet, statt erst "hochfahren" zu müssen.
  • Eine Norm für alle Akkus, die in Werkzeugen zum Einsatz kommen. So, dass man die untereinander tauschen kann, wenn einer leer ist - und nicht jedesmal den Akku-Schrauber wegwirft, wenn der Batterie-Pack aufgibt.
  • Analog dazu: Genormte Akkus in verschiedenen Standard-Größen für elektronische Geräte. Klappt bei Batterien ja auch.
  • Nochmal Norm: Kann mir mal jemand erklären, warum jedes Netzteil und Ladegerät einen anderen Stecker hat?
  • Eine Norm für Fernbedienungen - und darum eine für alles!

Und so weiter. Natürlich gibt es vieles davon schon, in der Regel aber lässt sich die Industrie Einfachheit ganz besonders teuer bezahlen. So sind zeitgemäße Geräte mit der größten "Usability" oft auch die mit den fettesten Preisschildern - siehe Apple.

Apple-Fans entgegnen da, dass die aber auch am meisten böten und im Vergleich zur Konkurrenz darum eigentlich preiswert seien, was wahr sein mag. Der Witz daran ist nur, dass eigentlich alle E-Produkte heute tendentiell weit mehr bieten, als wir eigentlich brauchen. Wir zahlen es aber mit. Und immer mehr von uns wollen eigentlich gar nicht so viel oder können es sich auch nicht leisten: "Preiswert" ist ein relativer Begriff, der stark einkommensabhängig ist.

Geiz? Nein: Pragmatismus

Dabei geht es noch nicht einmal um Geld. Der neue, für den Sommer angekündigte EeePC, soll 399 Euro kosten. Dafür bietet er sogar im Vergleich mit aktuellen herkömmlichen Laptops wenig: Unter dem Strich ist der kleine Asus nämlich eigentlich ein teures Gerät.

Glauben Sie nicht? Schauen Sie einmal in die Anzeigenseiten der aktuellen IT-Presse. Da finden Sie in dieser Woche ein 15,4-Zoll-Notebook mit 1 GB Ram, 80 GB Festplatte, DVD-Brenner, W-Lan, Modem, Lithium-Ionen-Akku und einer Via-CPU mit 1,5 GHz für 359 Euro. Klar hinkt das der Zeit ein paar Jahre hinterher, aber reicht es nicht auch für die meisten Anwendungen?

Nicht? Okay, nehmen Sie eines mit 2 GB Ram, 250 GB Platte und Intel Dualcore CPU mit 2x1,6 GHz - das kostet nur rund 100 Euro mehr. Aber es geht nicht ums Geld - auch, wenn der Preis des ach so günstigen aktuellen Notebooks dem Bruttolohn so manchen Familienvaters entspricht. In der Schlipsträger-Welt der IT-Verkäufer und -Nutzer vergisst man das manchmal ganz gern.

Es geht um schlichte Produkte, denn Schlichtheit macht uns das Leben leichter. Vor die Wahl gestellt, einen zweifelslos leistungsfähigeren Preiswert-Laptop (siehe oben) oder einen EeePC zu kaufen, würde ich mich für den Winzling entscheiden. Oder für Packard Bells easynote xs oder einen der anderen neuen Herausforderer (siehe Bildergalerie). Hätte ich die Wahl zwischen einem preiswerten, leichten mobilen Medienplayer, der nichts als Musik und Video beherrscht, und Cowons Multimedia-Boliden Q5W, der zugleich Mini-PC, Surfstation und Organizer ist, fiele meine Wahl auf das einfachere Gerät. Erstens ist das leichter, zweitens bietet es alles, was ich will - und drittens klaut es mir auch niemand.

Keine reine Preisfrage

Viele Hersteller scheinen wahrzunehmen, dass sich hier ein Marktsegment von nicht zu unterschätzender Größe entwickelt. Aus ihrer Sicht ist das noch nicht einmal unproblematisch: Es war das Protzen mit neuen Pfunden, das in den vergangenen Jahren für Nachfrage nach Produkten sorgte, für die eigentlich kaum Bedarf bestand. Noch immer rennen zahlreiche Kunden zu Aldi und anderen Discountern, wenn die gerade wieder einen Nasa-tauglichen PC im Sonderangebot haben - obwohl die meisten Kunden eigentlich nicht mehr brauchen als den 300-Euro-Rechner vom Assembler oder Versender.

Nur um klar zu machen, was man dafür heute bekommt: Eine typische Konfiguration der 300-Euro-Klasse ist derzeit ein PC mit Zweikernprozessor im Bereich 2x2,2 GHz, 2 GB Ram, 160 GB Platte, leidlich guter Grafikkarte etc.

Auch das entspricht nicht dem aktuell technisch Möglichen, liegt aber klar über den Standards der meisten Rechner, die derzeit tatsächlich benutzt werden.

Doch genug geunkt. Neue Technik ist auch etwas Tolles, kann aufregend sein. Nur, dass sich der Markt stets an der Oberkante des technisch Machbaren orientiert, ist Unsinn. Schlichte Geräte, digital beseelte Alltagswerkzeuge versprechen, hier wieder etwas Vernunft herein zu bringen. Laptop-Hersteller zittern vielleicht schon davor, doch die Entwicklung ist bereits sichtbar. Bisher haben wir alle Porsche gekauft, jetzt entdecken wir Kunden eben, dass wir für den Alltagseinsatz eigentlich lieber etwas weniger Edles hätten.

Vielleicht sind modulare Konzepte eine mögliche Antwort, die pragmatische Kunden wie Industrie zufrieden stellen könnte. Der Navi-Hersteller GoTo wählt diesen Weg: Er zeigt auf der Cebit einen Auto-Navi für 99 Euro, der sich mit Steckmodulen zum Mediaplayer machen lässt (DVD oder DVB-T), zur Surfstation, zum Mobiltelefon u.s.w. Modularität wäre auch beim PC-Bau ohne große Probleme umzusetzen. Produkte, die man seinen tatsächlichen Nutzungsbedürfnissen selbst nachträglich noch anpassen kann, ohne über ein Schrauber-Diplom verfügen zu müssen: Das hätte was. Schlicht wäre fein.

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