Sicherheitstechnik Rosa Schocker für die Lady

Das Geschäft mit der Angst boomt: Auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas begeistern sich Besucher an neuen Alarmanlagen und Überwachungskameras. Der Renner sind Elektroschock-Pistolen für die Dame - in pink.

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Geschossen wird eigentlich ständig in den Messehallen der CES. Entweder läuft gerade in ohrenbetäubender Lautstärke ein Shooterspiel - die allgegenwärtigen riesigen Flachbildschirme müssen schließlich zeigen, was sie können. Oder aber zwei Herren in schwarzen Overalls drücken ab. Danach knackt es für einige Sekunden, als würden sich extrem hohe Spannungen entladen.

Was die Männer verschießen, sind zwei kleine Metallpfeile, die an dünnen Drähten hängen. Die Pfeile verfangen sich in der Zielpuppe - danach wird diese mit extrem hohen Spannungen traktiert. Der Strom stammt aus Batterien in der Pistole und fließt über die beiden dünnen Drähte zu den Pfeilspitzen.

Die Elektroschockpistole Taser ist umstritten, Amnesty International weist immer wieder auf die mehr als 200 Toten infolge von Tasereinsätzen hin. Der Hersteller bewirbt den Taser als Waffe, die Tausenden Menschen das Leben gerettet habe.

Bislang kostete eine solche Elektroschockpistole über 1000 US-Dollar - doch auf der CES in Las Vegas hat das Unternehmen aus Scottsdale in Arizona nun eine Version für 299 Dollar vorgestellt. Die Reichweite ist mit rund fünf Metern zwar geringer als bei den größeren Modellen. Doch die Waffen stoßen auf großes Interesse - am Messestand herrscht immer Hochbetrieb.

"Ich würde mich besser fühlen"

"Ich würde gern einen Taser für meine Frau kaufen", sagt Stephen Harris aus Mansfield (US-Bundesstaat Massachusetts), der über seinen Webshop Audio- und Videoequipment verkauft. "Wenn Sie nachts auf der Straße sind, wissen Sie nie, wer Ihnen begegnet. Ich würde mich besser fühlen, wenn meine Frau einen Taser hätte."

Susan Allan, die bei einer Sicherheitsfirma in Las Vegas arbeitet, sagt: "Viele Leute interessieren sich dafür, denn sie wollen sich keine Waffen kaufen." Las Vegas sei eine gefährliche Stadt. "Ich weiß das, weil ich täglich mit Leuten spreche, die schlechte Erfahrungen gemacht haben." Allan will das neue Tasermodell eventuell selbst in ihrem Geschäft verkaufen.

Viele Frauen bleiben stehen und lassen sich den Taser C2 vorführen. Das dürfte auch am neuen Design liegen - die Pistole wird in vier Farben angeboten, darunter in Pink speziell für Frauen, wie Firmenchef Rick Smith erklärt.

Kunde SEK

"Wir haben ein gewaltiges Echo erhalten - allein 350 Nachrichtenartikel in den wenigen Tagen seit Beginn der CES", sagt Smith im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. 80 Bestellungen habe es allein in den ersten beiden Messetagen gegeben. Der handtaschenkompatible Elektroschocker, der in fast allen US-Bundesstaaten frei an Personen über 18 Jahren verkauft werden darf, könnte sich zum Verkaufsschlager entwickeln - das hofft zumindest Smith.

Ein persönliches Erlebnis gab den Ausschlag dafür, dass er 1993 die Firma Taser gründete. "Zwei meiner Freunde von der Highschool sind 1992 bei einer Schießerei ums Leben gekommen." Danach habe er beschlossen, etwas gegen die sinnlose Gewalt zu unternehmen.

Mittlerweile beschäftigt Taser International 220 Mitarbeiter, fast 200.000 Pistolen wurden verkauft, viele an Polizei und Militär. Auch deutsche Beamte von Sondereinsatzkommandos (SEK) hat Smith bereits ausgerüstet.

"Wie einst die Cowboys"

Ein Taser legt Getroffene mit den hochfrequenten, über die dünnen Drähte übertragenen Strömen lahm - für etwa 30 Sekunden. Ganz risikolos wie behauptet ist die Waffe freilich nicht: Die mit Widerhaken versehenen Pfeilspitzen können auch ein Auge treffen, wenn der Schütze nicht richtig zielt.

Wegen der rund 200 dokumentierten Todesfälle hält Amnesty International den Taser für gefährlich und fordert unabhängige Untersuchungen. "Polizisten nutzen die Waffe bei Routineeinsätzen statt nur im äußersten Notfall", kritisierte William F. Schulz, Chef von Amnesty International USA.

Taser-CEO Smith kann die Kritik nicht verstehen. Der Taser sei viel sicherer als Messer oder echte Schusswaffen. "Wir verteidigen uns immer noch mit Pistolenkugeln, wie einst die Cowboys im Wilden Westen. Unsere Waffengesetze, das denken viele, können Verbrechen nicht verhindern." Amnesty International habe wohl vergessen, wie viele Leute in den USA bei Schießereien umkommen, sagt Smith. Das seien 30.000 bis 35.000 pro Jahr.



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