Sinkende Kundenzahlen AOL will auf Mitgliedschaft verzichten

Für Millionen Menschen war AOL der Inbegriff des Internets. Doch seit Jahren verliert das Unternehmen Kunden. Nun steht es vor weitreichenden Veränderungen. Statt auf Einnahmen aus Mitgliedschaften will AOL ganz auf Online-Werbung setzen.


Der Vorstand des Time-Warner-Konzerns, zu dem AOL gehört, will offenbar weitere Dienstleistungen von AOL von der Mitgliedschaft befreien, darunter wahrscheinlich auch die AOL-E-Mail-Accounts. Das Geld soll stattdessen aus der Werbung kommen.

AOL-Promo-CDs: Umsatz soll künftig vor allem aus der Online-Werbung kommen
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AOL-Promo-CDs: Umsatz soll künftig vor allem aus der Online-Werbung kommen

Die Strategie ist durchaus risikoreich. Denn vermutlich werden Millionen Kunden auf ihre bezahlten Mitgliedschaften verzichten, und AOL wird Hunderte Millionen Dollar im Jahr verlieren, vielleicht auch mehr. Dahinter steht nur die Hoffnung, mit der Online-Werbung in Zukunft mehr Geld verdienen zu können.

Aber AOL hat kaum eine andere Wahl. Die Kundenbasis nimmt von Jahr zu Jahr ab. Die Internet-Werbung hingegen boomt, gerade auch im Bereich der Online-Videos, in dem AOL stark ist. "Sie spielen ein riskantes Spiel", sagt David Hallerman, Analyst bei eMarketer.

"Aber es wäre noch riskanter, nicht zu spielen." AOL begann 1985 als Anbieter eines geschlossenen Online-Dienstes, der sich Q-Link nannte. Den Nutzern wurde zwar nach und nach auch ermöglicht, ins freie Internet zu wandern, AOL unternahm aber immer alles, um die Mitglieder in den gesicherten Mauern des eigenen Angebots zu halten. Millionen Menschen in den USA und auf der ganzen Welt machten ihre ersten Erfahrungen mit dem Internet, der E-Mail und dem Instant Messaging über die zahllosen kostenlosen CDs, die immer mal wieder die Briefkästen verstopften.

Im Mittelpunkt des AOL-Geschäfts stand die einfache Einwahl ins Internet über ein Modem. Inzwischen sind aber ständig einsatzbereite Breitbandverbindungen schon fast die Regel. In den USA erreichte AOL im September 2002 mit 25,7 Millionen Mitgliedern seinen Höhepunkt. Seitdem sank die Zahl der festen Kunden um 30 Prozent auf 18,6 Millionen im März dieses Jahres. AOL ist damit in den USA zwar immer noch der größte Internet-Provider, aber immer weniger Menschen wählen sich über Modems ein. Während zwei Drittel der AOL-Kunden derzeit noch Verträge für eine Modem-Einwahl haben, nutzen fast zwei Drittel der amerikanischen Internetnutzer Breitbandverbindungen.

Inzwischen hat AOL schon viele seiner Inhalte auf freie, werbefinanzierte Web-Sites verlagert. Die Werbeeinnahmen stiegen im vergangenen Jahr um 33 Prozent, die Einkünfte aus Mitgliedschaften gingen gleichzeitig um 10 Prozent zurück. Viele Kunden wandern ab, weil sie das, was AOL ihnen bietet, an anderen Stellen im Internet auch kostenlos bekommen können. Jetzt scheint es bei AOL das Ziel zu sein, die Abwanderung zu stoppen und die Kunden zu halten, ob sie nun Mitglied sind oder nicht. Einzelheiten sollen am 2. August bekanntgegeben werden.

Google investiert nicht aus Wohltätigkeit

Die Börse ist jedenfalls schon sehr gespannt, wie Scott Benesch von der Investmentfirma U.S. Trust erklärt. Denn AOL ist nach wie vor ein profitables Unternehmen, bei dem 80 Prozent aus Beitragseinnahmen kommen. Das waren im vergangenen Jahr 20 Prozent der Einnahmen von Time Warner. 2002 lag dieser Wert noch bei 24 Prozent. Trotz möglicher Zweifel hätte AOL schon früher reagieren müssen, sagt Benesch.

Während auf den Web-Sites von AOL die Zahl der Besucher im Juni konstant geblieben ist, konnten die drei großen Rivalen alle deutliche Zuwächse verbuchen, wie die Marktforschungsfirma Nielsen/Netratings ermittelte. Und comScore Media Metrix fand heraus, dass im Juni die Besuche auf den AOL-Hauptseiten um 44 Prozent zurückgingen, während sie bei Yahoo um 23 Prozent stiegen.

Aber AOL hat auch einiges zu bieten, was in Zukunft wichtig werden könnte, vor allem bei den boomenden Online-Videos. Hier könnte die Firma in Zukunft zum Beispiel noch mehr auf die Bestände der diversen Tochterfirmen von Time Warner zurückgreifen. Ein Vorteil könnte auch die jüngste Ein-Milliarden-Investition von Google sein, die die AOL-Inhalte besser auf die Ergebnislisten der Suchmaschine bringen könnte.

"In Zukunft liegt der wahre Wert von AOL - wenn es denn einen gibt - in einer Werbe- und Marketingplattform", sagt Morris Mark von Mark Asset Management, einem Time-Warner-Aktionär. "Google investiert nicht einfach aus Wohltätigkeit."

Anick Jesdanun, AP



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
sojiti, 25.07.2006
1.
---Zitat von sysop--- AOL ohne Mitgliedschaft: Gibt's im Internet bald wieder alles gratis? Ist Werbung die bessere Finanzierung? ---Zitatende--- Weder So noch So würde ich zu AOL gehen.
takeo_ischi 25.07.2006
2.
---Zitat von sojiti--- Weder So noch So würde ich zu AOL gehen. ---Zitatende--- Danke. Damit ist alles gesagt.
arte de la comedia, 25.07.2006
3.
---Zitat von takeo_ischi--- Danke. Damit ist alles gesagt. ---Zitatende--- Aber ich hab' die Befürchtung, dass das auch umsonst war.
...ergo sum, 25.07.2006
4.
Jeder wie er mag und was in seiner Nähe gerade an Leitungen angeboten wird. Bei mir läßt Arcor grüßen !
arte de la comedia, 25.07.2006
5.
---Zitat von ...ergo sum--- Jeder wie er mag und was in seiner Nähe gerade an Leitungen angeboten wird. Bei mir läßt Arcor grüßen ! ---Zitatende--- Und ganz umsonst! TOLL!
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