Sounddesign "Bobbelboppel, blubelitsblubelits, zammandassah..."

Das Zuschlagen einer Autotür mag an einen Safe erinnern - oder an ein Verbundmaterial aus Kleenex und Spucke. Wichtig fürs Image ist das allemal und wird darum immer seltener dem Zufall überlassen: Klangdesigner stellen sicher, dass der Rasierer nicht nach Rasenmäher klingt.


Sounddesign: Die dänische Ausstellung zum guten Produkt-Ton ist noch bis Ende Juli zu sehen

Sounddesign: Die dänische Ausstellung zum guten Produkt-Ton ist noch bis Ende Juli zu sehen

Kopenhagen - Zu heulenden Staubsaugern, piependen Handys, donnernden Motorrädern und dem gleich nebenan Schlagzeug übenden Jugendlichen hat jeder eine Meinung. Das "Dänische Design Center" in Kopenhagen führt seit Anfang des Monats in der Ausstellung "Design Sounds" vor, dass diese Meinungen sehr unterschiedlich sein können.

Das tiefe Brummen einer Harley Davidson mit dem 1936 entwickelten V- Twin-Knuckleheed-Motor etwa mag vielen als reiner Lärm die Laune verderben. Andere aber sind so wild darauf, dass der US-Hersteller den technisch längst nicht mehr zwangsläufigen Klang patentiert hat, damit ihn nur ja niemand per Sounddesign nachmachen kann.

Patentiert sind auch das ganz spezielle Klicken von Hasselblad- Kameras und das Geräusch einer zuklappenden Autotür von DaimlerChrysler. "Dieser Mercedes-Sound wie bei einem Geldschrank ist ein Klassiker. Es vermittelt ein Gefühl von Qualität", meint der schwedische Sounddesigner Erik Ingemansson. Die Autoindustrie sei viel weiter als die meisten anderen Produzenten von Konsumgütern, denen bei der klanglichen Konstruktion ihrer Waschmaschinen, Toaster, elektrischen Zahnbürsten und Mikrowellen im Übrigen bis auf wenige Ausnahmen jede "künstlerische Herangehensweise" abgehe.

Bei der zuvor in Stockholm, jetzt in Kopenhagen gezeigten Ausstellung soll dem Publikum vermittelt werden, dass es an den Klang von täglichen Gebrauchsgegenständen genauso hohe Ansprüche stellen kann wie an technische Funktionalität, Haltbarkeit und Aussehen.

Wichtige Frage: Soll das Getränk beim Ausschenken bobbeln oder zuschen?

"Einem ideenreichen Sounddesigner steht zum Beispiel ein Himmelreich offen, wenn er kaltem und heißen Wasser beim Ausschenken unterschiedliche Klänge gibt: bobbelboppel, blubelitsblubelits, glubamurk, Shooka-swish-kish, zammandassah..."

Kleenex oder Kruppstahl: Wie klingt's?
GMS

Kleenex oder Kruppstahl: Wie klingt's?

Die Vorstellung, dass Klangdesign vor allem das kompromisslose Streben nach möglichst niedrigen Dezibel-Werten in einer höllisch lärmenden Umwelt sein muss, erweist sich in der Kopenhagener Ausstellung als zu simpel. Ein lautlos rückwärts rollender Lkw zum Beispiel sei nun wirklich nicht anzustreben, lautet eins der nachzulesenden Argumente. Elektrokonzerne führen stattdessen mit angenehm summenden Staubsaugern, auf "fast kosmetische Klänge" getrimmten Rasierapparaten und "mit betont weichem Sound" abschaltenden Mikrowellen vor, was sie unter künstlich konstruierten und ästhetisch ansprechenden Klängen verstehen.

Fein fürs Bein, kernig fürs Kinn

Dabei geschieht das Sounddesign selbst von Alltagsgeräten weit häufiger sehr bewusst und absichtsvoll, als man das gemeinhin annimmt: Ein Unterschied im Klang zwischen Rasierapparaten und Epiliergeräten ist beispielsweise alles andere als ein Zufall. Die "männliche" Variante des elektrischen Haarentferners klingt in aller Regel weit "kerniger" als das schnurrende Gerät für Madame.

Aber manchmal soll es doch auch nur möglichst still sein. Als die Fluggesellschaft SAS eine Plastikkanne für Saft bestellte, probierte "Ergonomiedesignerin" Maria Benktzon so lange, bis sie Polypropylen als das Material mit dem geringsten und weichsten Geräusch beim Ausschenken gefunden hatte. Heleen Engeleen, seit 1996 Chef- Sounddesignerin beim niederländischen Philips-Konzern, beklagt im Begleitmaterial, Klangdesign habe noch längst nicht den angemessenen Platz bei der Entwicklung neuer Geräte. Von 400 Philips-Designern im Entwicklungszentrum Eindhoven seien nur vier mit Sound beschäftigt.

Und das, obwohl wegen technisch immer geringerer Unterschiede rein geschmackliche Komponenten bei Kaufentscheidungen immer wichtiger werden. An zwei Küchenherden von AEG und Zanussi kann im Kopenhagener Design Center studiert werden, welche Gedanken sich Sounddesigner hier machen, damit es die richtige Entscheidung für ihre Arbeitgeber wird.

Jonathan Young vom Electrolux-Konzern berichtet vom Projekt "Sounds great", bei dem Sounddesigner Geräusche für Küchenherde konstruiert und es Testpersonen überlassen hätten, diese verschiedenen Produkten zuzuordnen. Ein AEG-Herd habe dann als "mechanisches und sehr präzises" Gerät den passenden Sound bekommen, während ein Zanussi-Herd als "mehr italienisch, weicher und freundlicher" ganz andere und dieses Image verstärkende Klänge bekommen habe.

Thomas Borchert, dpa



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