Streit um Flatrate Freies Surfen für freie Bürger?

Während die Deutsche Telekom die Entscheidung der Regulierungsbehörde zum Anlass nimmt, vor der Verstopfung der Telefonleitung durch Flatrate-Nutzer zu warnen, frohlocken die Telekom-Widersacher: Die Online-Gebühren werden fallen. Das Internet für alle rücke in greifbare Nähe. Doch wer behält Recht?


Bisher wird die Nutzung der Telefonleitungen für den Zugang zum Internet von der Telekom mit durchschnittlich 1,5 Pfennig pro Minute in Rechnung gestellt. Das gibt Probleme, wenn ein Unternehmen dem Kunden einen zeitlich unbegrenzten Zugang ins Internet zum Pauschalpreis anbieten will.

Bei einer Flatrate von 79 Mark im Monat, wie sie zum Beispiel die Telekom-Tochter T-Online vermarktet, ist die Einnahme bereits aufgezehrt, wenn der Nutzer mehr als knapp 88 Stunden im Monat oder knapp drei Stunden pro Tag online bleibt. Von irgendeinem Gewinn ist da schon lange nicht mehr die Rede.

Richtig teuer werden für die Internet-Anbieter, egal ob sie T-Online oder AOL oder 1&1 heißen, die so genannten Power-User. Das sind die meist jugendlichen Internet-Freaks, die ihren Computer stundenlang oder sogar den ganzen Tag am Netz hängen lassen, ob sie nun grade im Internet surfen oder etwas ganz anderes tun.

Wer den Computer 24 Stunden am Tag per ISDN oder normalem Analogtelefon eingeloggt lässt, kostet bei 1,5 Pfennig pro Minute den Internet-Anbieter 648 Mark pro Monat. Selbst sechs Stunden tägliche Internet-Präsenz schlagen mit 162 Mark pro Monat zu Buche.

Deshalb fordern die Internet-Unternehmen, allen voran AOL, schon seit längerem von der Telekom eine günstige Großhandels-Flatrate, mit der sie dann günstige Angebote für die Verbraucher auf den Markt werfen können. AOL-Sprecher Karsten Meinke nennt 50 Mark im Monat als Schallgrenze für den Internet-Surfer. Die Vorleistungspreise der Telekom müssten so sein, dass dieser Preis kostendeckend angeboten werden könne.

Die Telekom fürchtet für diesen Fall ernste Probleme im Telefonnetz. Schon heute sei es in manchen Regionen wie im Ruhrgebiet in den Abendstunden schwierig, eine freie Telefonleitung zu finden, erklären die Fachleute des Ex-Monopolisten. Wenn Internet-Surfer stundenlang über das schmalbandige Telefonnetz, ISDN oder analog online blieben, könnten deutlich weniger normale Telefonkunden gleichzeitig telefonieren.

Werde Internet-Surfen durch die Flatrate für den Endkunden noch billiger, verschärfe das die Probleme, die durch eine Vervierfachung des Internet-Verkehrs in Deutschland seit September 1999 auf acht Milliarden Online-Minuten im September dieses Jahres ohnehin entstünden, so die Telekom-Sprecher. Stattdessen setzt der Ex-Monopolist auf den Ausbau des breitbandigen T-DSL-Netzes. Diese noch dazu schnelle Datenverbindung verursache, da technisch am normalen Telefonnetz vorbeigeleitet, keine Kapazitätsprobleme

AOL-Sprecher Meinke hielt dagegen, DSL sei für den Massenmarkt noch zu teuer und vor allem nicht flächendeckend verfügbar. Der Ausbau werde noch fast zwei Jahre dauern. "Zwei Jahre im Internet sind zehn Jahre im Leben", sagte Meinke.

Joachim Sondermann, ap



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