Sündenfall IBM liebäugelt mit Open Hardware

Open Source ist ein Erfolgsmodell. Jetzt macht sich IBM daran, es von der Software auf die Hardware zu übertragen. Das könnte tatsächlich funktionieren.
Von Wolfgang Stieler

Michel Teyssedre hat Sinn für Inszenierungen: "Als wir verkündet haben, dass wir eine Milliarde Dollar in Linux investieren wollen, haben uns alle für verrückt gehalten", erklärt der IBM-Stratege auf der Power.org-Konferenz in Barcelona. "Heute generieren wir über eine Milliarde US-Dollar an Umsatz mit Linux. Und jetzt machen wir dasselbe mit der Hardware. Wir öffnen den Cell-Prozessor."

Die Ankündigung ist von einiger Sprengkraft. Denn ausgerechnet der Cell-Prozessor, das neue Wunderkind des Konzerns, soll mit einer theoretischen Rechenleistung von 218 Milliarden Gleitkomma-Rechenoperationen pro Sekunde bei einer Taktgeschwindigkeit von 3,2 Gigahertz heutige PC-Prozessoren um fast das Hundertfache überflügeln. Dieses Design will IBM offen legen?

Die offizielle Sprachregelung am Tag danach ist vorsichtiger. IBM wolle rund um die Power-PC-Architektur ein "Ökosystem offener Hardware" schaffen, heißt es. Was das heißt, bleibt vorerst offen. Die Spielregeln für die "Power.org-Community" werden erst noch veröffentlicht, ebenso die Spezifikation der Cell-Architektur. Aber das magische Wort "offene Hardware" ist in die Welt gesetzt, und man darf rätseln, wie IBM seine Bedeutung prägen wird. Denn die Diskussion um Open Hardware und einige Projekte gibt es bereits seit Anfang der neunziger Jahre, inspiriert von der Open-Source-Bewegung.

Die Grundidee auch hier: Lege die Beschreibung deiner Chips so weit offen, dass andere auf dieser Basis weiterentwickeln können. Wenn auch die Weiterentwicklung veröffentlicht wird, beschleunigt sich auf diese Weise der komplette Entwicklungszyklus. Und warum sollte das für Hardware nicht funktionieren? Denn die Trennlinie zwischen Hard- und Software verschwimmt.

Um einen neuen Chip zu konstruieren, wird die Spezifikation in einem Schema festgehalten, das alle möglichen Eingaben und die daraus resultierenden Ergebnisse beschreibt. Dieses Modell wird dann in einer Hardware-Beschreibungssprache festgehalten. Spezialisierte Softwarewerkzeuge erzeugen daraus eine digitale Schaltung, zunächst aus logischen Gattern, in einer späteren Stufe dann als konkrete Verschaltung von "Standardzellen" aus Feldeffekt-Transistoren und schließlich das Layout der Lithografiemasken für die Fertigung des Chips.

Wer mithalten will in der Konkurrenz der Siliziumschmieden, muss alle 18 Monate eine neue Prozessorgeneration mit der doppelten Anzahl an Transistoren auf dem Chip vorlegen. Das macht die Chips nicht nur immer leistungsfähiger, sondern hat auch dazu geführt, dass der einzelne Transistor auf dem Chip immer billiger geworden ist. In einer Art Materialschlacht gehen die Chipentwickler dazu über, die Chips mit reichlich internem Speicher auszustatten und einen Teil der Funktionalität in Software zu verlagern.

Außerdem werden immer mehr komplette Funktionseinheiten fertig von anderen Firmen übernommen und zu einem Gesamtsystem kombiniert. Zu diesem Zweck haben die Hersteller von Entwicklungswerkzeugen mittlerweile Beschreibungssprachen entwickelt, bei denen Hard- und Softwarecode aufeinander abgestimmt entwickelt werden können.

Der Cell-Prozessor ist ein Beispiel für diese Entwicklung. Bestanden Prozessoren einst aus Rechenwerk, Registern und Zwischenspeicher, verfügt der Cell-Prozessor über mehrere spezialisierte Rechenwerke, die von einem Power-PC-Kern koordiniert werden. Das eigentliche Know-how steckt nicht mehr in der Verdrahtung der Schaltung, sondern im Modell des Chips. Theoretisch könne man eine solche Modellbeschreibung genauso freigeben wie den Quellcode von Linux. Und jeder könnte den Chip in Silizium gießen lassen.

Und vor diesem Hintergrund macht eine begrenzte Öffnung der Hardware durchaus Sinn. IBM wird die Schnittstellen seiner Power-PC-Architektur offen legen, um Entwicklern zu ermöglichen, eigenständig ähnliche Erweiterungen wie beim Cell-Prozessor zu erarbeiten. Rapport Systems etwa will bis zu 256 Prozessorkerne auf einem Chip integrieren. Dass indes eine zugangsoffene Community direkten Zugriff auf den Modell-Code der IBM-Hardware erhält, ist unwahrscheinlich.

Jim Tully, beim Marktforschungsunternehmen Gartner spezialisiert auf die Halbleiterindustrie und den Handel mit "Intellectual Property", meint denn auch, dass IBM mit der Linux-Analogie zu weit geht. Niemand würde sich einen Prozessor-Kern einfach so aus dem Internet laden, denn die Produktion in Silizium sei sehr kapitalintensiv und man müsse "absolutes Vertrauen" in den Lieferanten haben.

Nigel Beck, Präsident von Power.org, hält sich vorerst bedeckt: "Die Regeln zum Schutz des geistigen Eigentums werden klar sein. Das heißt nicht, dass sie einfach sind."

© Technology Review , Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.