Techheads DVD Jon, der iTunes-Knacker

Als Jugendlicher düpierte Jon Lech Johansen die Filmindustrie, als er den DVD-Kopierschutz knackte und trotzdem straffrei blieb. Jetzt macht er erneut Schlagzeilen: "DVD Jon" soll das DRM des iTunes-Musikshops enträtselt haben.


Das Knacken des Kopierschutzes für DVDs gilt als einer der spektakulärsten Hacks aller Zeiten. Zahlreiche Experten hatten mehrere Jahre daran gearbeitet, die damals neuen DVDs mit einem narrensicheren Kopierschutz zu versehen. Von 1996 bis zum Oktober 1999 hielt das "Content Scrambling Systems" (CSS), was es versprach. Dann kamen "DVD Jon" und seine zwei bis heute anonymen Kollegen. Sie veröffentlichten DeCSS, auf dessen Basis zahlreiche Entwickler Kopierschutzknacker für DVDs programmierten.

Jon Lech Johansen: Bilder des DVD- und iTunes-Hackers sind rar. Die meisten zeigen ihn vor Gericht (hier bei seinem für ihn erfolgreichen Revisionsprozess 2004)
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Jon Lech Johansen: Bilder des DVD- und iTunes-Hackers sind rar. Die meisten zeigen ihn vor Gericht (hier bei seinem für ihn erfolgreichen Revisionsprozess 2004)

Johansen, 1983 im norwegischen Harstad geboren, hatte seinen ersten Kontakt zu Computern im Alter von einem Jahr, wie er selbst nur halb scherzhaft sagt. Als echtes Tech-Kid entdeckte er alternative Betriebssysteme wie OpenBSD oder Linux in einem Alter, in dem seine Kumpel vornehmlich mit der Steigerung ihrer Popularität beschäftigt waren.

Am Ende gelang genau das Johansen gründlicher als allen anderen: Im Alter von nur 16 Jahren leistete er einen (bis heute aus juristischen Gründen ungeklärt großen) Beitrag zum Knacken des DVD-Kopierschutzes CSS. Mit 17 wurde er deshalb kurzzeitig verhaftet, mit 18 angeklagt, die Medien berichteten weltweit. Die amerikanische Filmindustrielobby MPAA warf sich mit Macht in den Ring, hätte "DVD Jon" gern für zwei Jahre hinter Gittern und für den Rest seines Lebens mit Schulden aus hohen Geldstrafen gesehen - und scheiterte. "DVD Jon", vor Gericht verteidigt mit finanzieller Hilfe der Electronic Frontier Foundation, wurde freigesprochen und so zu einer Ikone der Netz- und Hacker-Kultur, zum "Jugendlichen, der Hollywood in die Knie zwang" ("Wall Street Journal"). Da war er gerade 19 Jahre jung und erwartete seinen Revisionsprozess zu Recht mit Ruhe: Auch der endetet mit einem Freispruch. Im Januar 2004 gab die MPAA die Sache auf.

Johansens Hacks

Trotz etlicher weiterer Hacks, die Johansen selbst in seinem Blog "So sue me" ("Dann verklag mich doch") dokumentiert, ist es dem noch 22-jährigen Norweger gelungen, nicht nur einer Verurteilung zu entgehen, sondern sogar internationales Renommee zu gewinnen. Das liegt zum einen an seinen bevorzugten Zielen, zum anderen an seiner Methodik, die mit dem geltenden Recht nicht kollidiert.

Johansen lebt und arbeitet heute in den USA. Sein Arbeitgeber DoubleTwist Ventures scheint wie für ihn gemacht (und ist es vielleicht auch): Das Unternehmen gibt an, Interoperabilitäts-Lösungen für digitale Produkte und Programme zu entwickeln.

Genau das ist Jon Lech Johansens Spezialität: In seinen Hacks versucht er, Geräte oder Programme miteinander funktionieren zu lassen, bei denen dies durch technische Maßnahmen verhindert wurde oder zunächst nicht vorgesehen war. Besonders das bei Nutzern digitaler Geräte unbeliebte Digital Rights Management (DRM) hat es ihm angetan. Bereits 2004 kratzte er erstmals am Kopierschutz von über iTunes verkauften Musikstücken. In der letzten Woche verkündeten DoubleTwist Ventures und Johansen nun, durch so genanntes Reverse Engineering das DRM der Apple-Dateien geknackt zu haben.

Reverse Engineering bezeichnet eine Technik der "umgekehrten Entwicklung": Man nimmt sich ein fertiges Programm und analysiert seine Struktur und seine Funktionalität, um es anhand dieser Analyse nicht einfach nachzubauen, sondern etwas zu schaffen, das die gleiche Wirkung entfaltet. Das scheidet durch Reverse Engineering geschaffene Programme von Plagiaten - und es sorgt dafür, dass die Technik strafrechtlich nicht relevant ist - so lange sie eben nicht dazu genutzt wird, Plagiate zu schaffen.

Auf vertragsrechtlicher Ebene untersagen allerdings viele Unternehmen das Reverse Engineering ihrer Produkte durch entsprechende Lizenzbedingungen. Es ist schwer vorstellbar, dass Apple nicht zumindest versuchen wird, auch juristisch auf den Hack zu reagieren.

Der Apple-Hack

Das Knacken des iTunes-DRM dürfte Jon Lech Johansen einmal mehr in seiner Position als jugendlicher Held von Cyberia bestätigen. Was Johansens Hack nun möglich macht, ist genau das, was die EU-Kommission seit einiger Zeit vergeblich von Apple verlangt: Er hebt die unauflösliche Kopplung von über iTunes gekauften Dateien an Apples iPod auf.

Das heißt, dass es nun zum einen möglich werden sollte, iTunes-Dateien auch auf anderen MP3-Playern zu nutzen; zum anderen aber auch, Dateien aus anderen Shops und Quellen problemlos auf den iPod zu transferieren. DoubleTwist Ventures, bisher ein Unternehmen ohne Produkt, will in Kürze zwei entsprechende Programme anbieten. Und Johansen hat weitere Pläne: Den als Nachfolger des DVD-Kopierschutzes CSS geplanten DRM-Standard AACS hat er sich als nächstes vorgenommen. Noch im Winter 2006/2007 will er ihn per Reverse Engineering knacken, sagt Johansen. Das wäre dann ein Hack mit langfristiger Ankündigung.

pat

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