Technikärgernis Ladegerät Kampf dem Kabelsalat

Egal ob Handy, MP3-Player, Kamera - jedes Gerät braucht sein eigenes Ladegerät, seinen eigenen Stecker, seinen eigenen Akku. Doch jetzt nimmt sich EU-Kommissar Verheugen das Chaos bei den Standards vor und droht mit verbindlichen Normen. Eine Superidee, nur Jahre zu spät.

"Hat mal jemand ein Blackberry-Kabel?"

"Wir brauchen im sechsten Stock dringend ein Nokia-Ladegerät!"

"Kann ich mal dein iPhone-Kabel haben?"

Einen dieser Hilferufe höre ich jede Woche im Büro. Irgendjemand braucht immer ein Ladegerät für das gerade leergesogene Nokia-Telefon, die Sony-Kamera oder sonst ein Gerät, das mit einem Ladegerät geliefert wird, das so hässlich ist, dass man die Existenz dieses Plastikklumpens mit Leine am liebsten gleich wieder vergisst.

Natürlich kann den stromlosen Kollegen nur sehr, sehr selten jemand aushelfen. Denn kaum ein Steckernetzteil passt in ein anderes Gerät. Bei vielen Mobiltelefonen passt ja nicht einmal das Steckernetzteil eines Modells in ein anderes Gerät derselben Marke. Weil das so ist, liegt auf meinem Kleiderschrank eine Plastiktüte voller Netzteile, die ich über die Jahre hinweg angesammelt habe. Keine Ahnung, woher die alle kommen, aber irgendwann werden sie bestimmt noch mal gebraucht.

Das ärgerliche Netzteil-Durcheinander haben nun pünktlich zum Mobile World Congress die PR-Berater von EU-Industriekommissar Günter Verheugen entdeckt. Verheugen fordert von den Telefonherstellern einen Standard für Steckernetzteile. Der Deutschen Welle  sagt Verheugen: "Meine Geduld mit der Industrie ist jetzt zu Ende, und wenn die Industrie jetzt nicht bald mit einer Lösung für einheitliche Ladegeräte kommt, dann werden wir die Industrie dazu zwingen."

Verheugen kommt sieben Jahre zu spät

Das klingt sehr wuchtig und entschlossen, nur kommt Kommissar Verheugen mit dieser Forderung ungefähr sieben Jahre zu spät. Denn das Ladegeräte-Problem erledigt sich inzwischen so langsam von selbst. Bei neuen Telefonen nutzen immer mehr Hersteller einen Mini-USB-Steckplatz als Anschluss für das Steckernetzteil. Bernd Theiss, Technikchef beim Fachmagazin "connect", glaubt: "Die Vielfalt nimmt schon ab und wird in Zukunft noch weiter schrumpfen."

Der Smartphone-Hersteller HTC zum Beispiel, der auch das Google-Handy G1 produziert, hat bei allen 20 derzeit in Europa erhältlichen Modellen einen Mini-USB-Anschluss zum Einstöpseln des Netzteils und zum Anschluss an Computer eingebaut. RIM macht es bei den Blackberrys genauso. Einen Nachteil hat die Mini-USB-Buchse allerdings: Auf der Geräteseite ist der Anschluss nicht standardisiert. Das bedeutet, dass man wahrscheinlich das Steckernetzteil eines Telefons für ein anderes Gerät benutzen kann - garantiert ist das aber nicht.

Der Wirrwarr schrumpft

Und so nutzt dann auch zum Beispiel HTC seine Mini-USB-Buchsen für Zusatzfunktionen wie Audio- oder Video-out, die man nur mit den HTC-eigenen Kabeln nutzen kann. So ist das, wenn ein Standard fehlt: Die Stecker haben bestenfalls dieselbe Form, ein paar Kontakte können die Hersteller aber nach eigenem Gusto belegen. HTC-Regionalmanager Lars-Christian Weisswange erklärt SPIEGEL ONLINE auch, seinem Unternehmen seien "Standardisierungsbestrebungen nicht bekannt". Sony Ericsson setzt weiter auf einen eigenen Ladekabel-Eingang, verbaut aber zumindest seit 2005 bei allen Handy-Modellen denselben Anschluss.

Firmensprecherin Susanne Burgdorf erklärt die Ignoranz gegenüber Mini-USB so: "Der Platz, den der Anschluss benötigt, soll bei möglichst schneller Ladetätigkeit gering gehalten werden. Jeder Hersteller hat hier eine eigene, für sich optimale, Lösung gefunden und seine Fertigungsstraßen darauf ausgerichtet. Die Nachfrage der Kunden richtet sich eher nach Design, Hard- und Software, deshalb liegt hier auch der Fokus der Entwicklung."

Etwas Chaos bleibt

Im Klartext bedeutet das: Die meisten der heute in Deutschland benutzten Mobiltelefone haben einen eigenen Anschluss fürs Steckernetzteil, in den höchstwahrscheinlich kein anderes passt. Bei neueren Geräten findet man oft Mini-USB-Anschlüsse, aber eben nicht immer. Und selbst diese Mini-USB-Buchsen können bei manchen Details voneinander abweichen.

Deshalb ist Verheugens Tirade gegen die Hersteller berechtigt. Nur das Timing überrascht ein wenig. Denn schon im Jahr 2002 hat zum Beispiel der Verbraucherrat beim Deutschen Institut für Normung einen Standard für Schnittstellen von Batterieladegeräten, Netzteilen und Akku-betriebenen Alltagsgeräten vorgeschlagen.

Weil die Hersteller nicht mitmachten, wurde aus dem Vorschlag kein Standard. 2007 haben dann in einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Vorbereitungsstudie für die Ökodesign- Richtlinie Experten die Normung von Schnittstellen empfohlen, um das Ökoprofil externer Netzteile zu verbessern. Ein paar Standardspannungen mit eigenen Steckervarianten, das sei doch machbar - so der Tenor der wissenschaftlichen Studie  ("Los 7: Externe Netzteile und Batterieladegeräte").

Hersteller geben sich uneinsichtig

Das EU-Kommissar Verheugen jetzt erst, gegen Ende der Dienstzeit der aktuellen Kommission, wo sich allmählich eine Lösung des Problems abzeichnet, das Netzteilwirrwarr bemerkt, kann man wohl als Öffentlichkeitsarbeit abtun: So mancher Kommissar versucht, sich - womöglich die Nachfolgekarriere schon im Blick - mit einem möglichst publikumswirksamen Thema aus seinem Kommissionsdienst zu verabschieden.

Aber abgesehen davon ist die Kritik an den Herstellern berechtigt. Es ist ja nun wirklich nicht nachzuvollziehen, wenn Tony Graziano, Direktor der Vereinigung der Europäischen Informations- und Fernmeldebranche, nun öffentlichen erklärt: "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir ein Ladegerät für alle Handys entwickeln werden. Dazu sind die Spannungsanforderungen und die Batterien zu unterschiedlich."

Dieser Argumentation zufolge ist der Grund für einen fehlenden Standard ein fehlender Standard. Denn die Handy-Akkus sind aus einem einzigen Grund so unterschiedlich: Die Hersteller haben sich nie auf eine Norm geeinigt.

Dass jedes Handy-Modell seinen eigenen Akku-Typ und womöglich noch sein eigenes Steckernetzteil braucht, ist nicht mit technischen Anforderungen zu erklären. Thomas Kuther vom Fachmagazin "Elektronikpraxis" kommentiert das so: "Dass Hersteller für Mobiltelefonmodelle mit identischem Spannungs- und Strombedarf verschiedene Netzteile anbieten, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Vielleicht haben da die Designer ein wenig zu viel mit reingeredet?" Vielleicht auch Manager aus der Zubehörabteilung, die um Umsätze fürchten - wer weiß das schon?

Wenn die EU-Kommission die Hersteller nun dazu drängen könnte, die Mini-USB-Buchsen zu einem verbindlichen Standard zu machen, wäre das ideal. Viele Experten urteilen wie Ralf Higgelke vom Fachdienst "Design & Elektronik": "Für Handhelds wie Handy, MP3-Player oder Digicam gibt es keinen technischen Grund, nicht auf USB umzusteigen."

Bevor allerdings ein Standard für USB-Strom kommt, könnte eine neue Technik das Vorhaben sabotieren: Anfang des Jahres haben auf der CES in Las Vegas Palm und zwei Firmengruppen Drahtlos-Ladestationen für Mobiltelefone gezeigt. Derzeit gibt es für diesen neuen Standard also drei Standards. Wen wundert's.

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