Technikärgernis Zeitumstellung Stromsparen macht die Xbox senil

Die simple Zeitmessung überfordert manches High-Tech-Spielzeug: Wer seine Xbox oder den HD-DVD-Player ausstöpselt, muss bei jedem Einschalten die Uhr neu stellen. Und selbst bei neuen Handys ist Zeitumstellung Handarbeit - obwohl die Geräte ständig im Funknetz online sind.

Mein HD-DVD-Player protestiert gegen Umweltschutz. Wenn der Toshiba-Abspieler ein paar Stunden vom Stromnetz getrennt war (Energie sparen!), motzt er beim Start immer so: Ein verärgertes Piepsen, ein blauer Startbildschirm mit dem Kommando "Uhr einstellen". Dann braucht man mindestens fünf Klicks mit der Fernbedienung, um sich durch das eingeblendete Einstellungsmenü für Zeitzone, Jahr, Monat, Tag und Zeit bis zum OK-Knopf zu hangeln.

Wer die Uhr korrekt einstellt, ist noch viel länger beschäftigt - aber wer will das schon, der DVD-Abspieler vergisst die Uhrzeit ja sowieso, wenn er nicht im Standby-Modus läuft.

Kann das denn so schwierig sein?

Seit 1923 gibt es auf diesem Planeten Automatikuhren - da kann man doch erwarten, dass eine immer funktionierende Uhr in einem 300 Euro teuren HD-DVD-Player steckt. Aber nein - wer seinen Toshiba HD-EP10 nicht ständig laufen lässt, wird bei jedem Start aufgefordert, die Zeit neu einzustellen. Der Hersteller hat sich offensichtlich den Miniakku für die Zeitpufferung gespart.

Natürlich lässt sich die nervige Zeitstell-Ermahnung nicht abschalten.

Aber immerhin lässt sich beim Toshiba-Player die Uhrzeit ohne größere Probleme einstellen (wenn auch jedes Mal neu). Das endet bei anderen Geräten oft im totalen Chaos. Denn selbst die teuerste Alltagstechnik beherrscht eine der simpelsten und ältesten Aufgaben kaum - die Zeitmessung.

Senile Xbox, Zeitreise-Handy, Kilometer-Uhrzeit - SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Designer an der Zeitumstellung scheitern.

Xbox vergisst ohne Standby die Uhrzeit

Der DVD-Player ist nicht unbedingt auf die aktuelle Zeit angewiesen, um Filme abzuspielen. Anders ist das bei Microsofts etwa 250 Euro teuren Spielkonsole Xbox 360 - hier ist eine konstante Zeitmessung ganz sinnvoll, damit die Software nachvollziehen kann, welchen Spielstand die Besitzer zuletzt gespeichert haben.

Aber auch Microsoft hat offensichtlich am Zeitpuffer gespart. Viele frustrierte Spieler beklagen das in Internetforen:

  • "MS geizt da wohl an einer Knopfzelle. Dabei ist die Uhrzeit bei diesem Gerät sogar richtig sinnvoll - sie wird bei Spielständen mitgespeichert und angezeigt." ( Heise-Forum )
  • Die Folge sind Speicherprobleme, wie sie ein Leser des Spielemagazins "Gamepro" im Titel "Far Cry Instinct" beklagt: " Egal wie weit ich im Level vorankomme, das Spiel speichert zwar, aber ich werde immer zu der Stelle mit dem LKW zurückversetzt." ( Gamepro-Forum )

Zumindest bietet die Microsoft-Konsole eine leidlich brauchbare Alternative zum Dauer-Standby oder ständigem Neustellen der Uhr: Wenn die Konsole online ist, holt sich die Software die aktuelle Uhrzeit nach dem Einschalten automatisch von einem Microsoft-Server.

Es klingt vielleicht ein wenig umständlich, ein Netzwerkkabel in einen Router zu stöpseln, um die aktuelle Uhrzeit abzurufen. Aber das ist geradezu komfortabel im Vergleich zu den Methoden, die manche Handyhersteller ausgetüftelt haben.

LG-Handy stellt die Uhr nur im Winter korrekt

Obwohl Mobiltelefone ja die meiste Zeit online sind und in fast jedem Mobilfunknetz die aktuelle Uhrzeit abfragen könnten, machen das noch lange nicht alle Geräte. Und wenn sie es versuchen, klappt es nicht immer. Beim Test des aktuellen LG-Handys HB620T zum Beispiel versagte die Funktion "automatisch aktualisieren" im Menü "Datum & Zeit": Wer um neun Uhr deutscher Zeit so die "aktuelle" Uhrzeit abruft, ist laut LG-Handy plötzlichin einer Zeitzone, in der es acht Uhr früh ist.

Erklärung: Die Software des 300-Euro-Handys kommt mit der Sommerzeit einfach nicht zurecht. Wer die Uhrzeit seines LG-Telefons "automatisch aktualisieren" will, kann das nur, wenn Winterzeit gilt. Für die anderen Monate hat das LG Handy im Uhrzeitmenü ganz am Ende die Option "Sommerzeit" (in der logischen Abfolge nach "Zeit", "Datum" und "Autom. Aktualisieren"). Da muss man dann zwischen den auf Anhieb wenig aussagekräftigen Optionen "Aus", "1 Stunde" und "2 Stunden" wählen.

Zeitzonen verwirren Palm-Smartphone komplett

Die leichte Sommerverwirrung des LG-Handys ist nichts im Vergleich zum Zeitchaos bei einigen Smartphones des legendären Taschencomputer-Bauers Palm. Das Treo-Modell 750 hat schon einige Redakteure bei SPIEGEL ONLINE verzweifeln lassen, weil das Gerät immer wieder Termine nach einer nicht zu durchschauenden Systematik einen halben Tag zurückverlegte, gerne auch Notiztermine zu Geburtstagen, so dass die Glückwünsch-Anrufe einen peinlichen Tag zu früh kamen.

Im Netz findet man schnell Anschluss zur großen Leidensgemeinschaft von Treo-Zeitzonen-Opfern. Einige der Klagen:

  • "Immer wenn man in der Uhrzeit und Weckereinstellung Änderungen vornimmt, springt die Zeitzone auf "GMT -8 zurück. Meine 8 Uhr Termine stehen dann immer auf 23 Uhr einen Tag vorher", schreibt der Bochumer Informatiker Michael Recht in seinem Blog .
  • Ein Treo-Besitzer berichtet in seiner Amazon-Rezension  des Geräts: "Das neue Teil ändert selbsttätig die Uhrzeit. Mit schöner Regelmäßigkeit werde ich ohne jegliche Aktivität nach Seattle "gebeamt" incl. der Verlegung sämtlicher Termine um +8 Stunden. Ein Zurücksetzen der Uhrzeit und der Zeitzone hält zwischen 5 Minuten und 2 Tagen. Dann das gleiche Spiel wieder."

Die Lösung dieser Macke ist so absurd wie das Problem selbst: In den Einstellungen des Palm-Unterwegstelefons muss man die Uhr-Optionen "Zuhause" und "Besucht" auf dieselbe Zeitzone stellen. Was immer das bewirkt - den meisten Treo-Opfern in den Leidensforen scheint dieser Trick geholfen zu haben.

Aber es geht noch einfacher: Palm hat nach Bekanntwerden des Problem einen Patch für das betroffene System veröffentlicht, der sich kostenlos von der Palm-Seite  laden lässt.

Autos, Kühlschränke, Aquarien - das totale Uhrenchaos

Zähle ich die Uhren in meiner kleinen Wohnung durch, komme ich auf ein gutes Dutzend. Nicht jede ist so kompliziert zu stellen wie der chinesische Radiowecker in Kühlschrankform, der fünf völlig gleich aussehende Knöpfe (abgesehen von den Buchstaben A bis E) hat und deren Bedienung mit schönen Sätzen wie diesem erklärt:

"Press Button A x 6 to set the time (hour). PS. Press Button B or C to adjust the hour."

Das Problem bei all diesen Uhren ist, dass jede einer anderen, nicht intuitiv zu erfassenden Bedienlogik folgt.

Besonders fies ist die Digitaluhr in meinem Citroen Saxo: Die Bedienung wirkt auf den ersten Blick so simpel wie einleuchtend: Neben der digitalen Uhranzeige ragt ein Knopf aus dem Armaturenbrett. Die Intuition sagt: Dreht man nach rechts, stellt man die Uhr vor. Die Bedienungsanleitung sagt etwas ganz anderes:

"Durch Druck auf den Knopf A wird zwischen der Anzeige des Gesamtkilometerzählers und des Tageskilometerzählers umgeschaltet. Durch langes Drücken des Knopfes wird der angezeigte Tageskilometerzähler auf Null gesetzt."

Knopf A ist tatsächlich der Knopf neben der Uhr - den Schalter für die Zeitumstellung haben die Designer ganz rechts, neben dem Drehzahlenmesser versteckt. Und man dreht ihn nicht, sondern drückt. O-Ton Bedienungsanleitung:

"Die Einstellung der Uhrzeit erfolgt bei eingeschalteter Zündung und abgestelltem Motor durch Drücken des Knopfes B für mehr als drei Sekunden. Kurzer Druck, langsamer Durchlauf. Wenn der Knopf fünf Sekunden lang nicht gedrückt wird: Die Stunde wird gespeichert, die Minuten blinken."

Warum muss man hier drücken, wenn man doch von jeder Armbanduhr das Drehen zur Zeiteinstellung verinnerlicht hat?

Probanden brauchen 15 Minuten fürs Schaltuhr-Stellen

Solche wenig intuitiven Methoden zur Zeitumstellung scheinen bei Alltagstechnik die Regel zu sein. Detlef Zühlke, Informatiker, Ingenieur und Leiter des Zentrums für Mensch-Maschine-Interaktion am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, berichtet in seinem Buch über das Mensch-Technik-Dilemma "Der intelligente Versager" von einem Versuch mit elektronischen Steckdosen-Schaltuhren zur Licht- bis zu Aquariensteuerung.

Ein Student ließ 16 Testpersonen drei verschiednen Modelle testen. Sie sollten eine Einschaltzeit für das Wochenende einstellen. Ergebnis laut Zühlke: "Die Probanden benötigten bei der am schlechtesten bewerteten Schaltuhr sage und schreibe zwischen 11 und 15 Minuten für diese simple Aufgabe. Und auch bei der am besten bewerteten waren es noch zwischen vier und sechs Minuten." Und das bei einem Gerät, das die Uhr nicht als Nebenbei-Funktion integriert, sondern ausschließlich zur Zeitumstellung da ist.

Jede Uhr hat eine eigene, nicht-intuitive Bedienlogik

Zühlkes Fazit: "Als Kunde fragt man sich, wieso sich die Industrie nicht auf einige wenige Grundprinzipien der Handhabung elektronischer Geräte wie zum Beispiel eine einheitliche Zeiteinstellung einigen kann."

Oder zumindest auf ein paar unterschiedliche, aber dafür intuitiv erfassbare Methoden - das Phänomen Uhr gibt es ja nun schon wirklich einige Zeit.

Versteckte Einschaltknöpfe, verwirrende Anleitungen, verrückte Automaten - in der Reihe "Fehlfunktion" stellen wir in loser Folge Technik-Ärgernisse vor, die Millionen nerven. Schicken Sie uns Ihre Anregungen mit einer kurzen Begründung. Am besten per E-Mail  .

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