Telefon-Software Skype Das Schreckgespenst der Telekoms

Für viele Surfer gilt Skype als Synonym für Internettelefonie. Mit dem vor allem in Estland entwickelten Programm verdient der neue Eigentümer eBay inzwischen sogar Geld. Doch ob der Sprung auf Handys gelingt, ist fraglich. Zudem könnte Skype Opfer seiner proprietären Technik werden.

Von , Tallinn


Ahti Heinla und Jaan Tallinn sind genauso, wie man sich landläufig Programmierer vorstellt. Etwas schüchtern, etwas weltfremd – und offensichtlich ziemlich genial. Den beiden Esten ist passiert, wovon eigentlich jeder Entwickler träumt: Sie haben 2003 eine Software geschrieben, die heute auf Millionen Rechnern weltweit installiert ist. 220 Millionen registrierte Nutzer hat Skype mittlerweile nach eigenen Angaben, im Schnitt acht Millionen Anwender nutzen das Internettelefonie-Programm gleichzeitig.

2005 übernahm das Auktionshaus eBay die kleine Firma für 2,6 Milliarden Dollar, die bis dahin vor allem für die Gratistelefonate zwischen ihren Nutzern bekannt war. Das Unternehmen Skype, das mittlerweile dank kostenpflichtiger Anrufe in Mobilfunk- und Festnetze sogar schwarze Zahlen schreibt, gilt als Musterbeispiel für ein erfolgreiches Start-up nach der Dotcom-Krise.

Doch mittlerweile, nachdem der Medienhype um IP-Telefonie verflogen ist, zweifelt so mancher am Geschäftsmodell von Skype. Nicht nur, dass Telekommunikationsanbieter längst auf die Konkurrenz auf dem Netz reagiert haben und etwa Anrufe ins Festnetz als Flatrate anbieten.

Skype will aufs Handy

Amerikanische Marktforscher von Jupiter Research prophezeiten jüngst gar das mittelfristige Aus für reine Voice-over-IP-Anbieter wie Skype. Kabelnetzbetreiber würden mit aggressiven Paketangeboten bestehend aus Telefonie, TV und Internet den Sprachpuristen das Wasser abgraben. Bisherige Preisvorteile würden verschwinden.

Die Skype-Entwickler Heinla und Tallinn könnten angesichts solcher Prognosen eigentlich ihren Job an den Nagel hängen – Geld haben sie längst mehr als genug verdient, wie viele andere der mittlerweile 300 Skype-Mitarbeiter in Tallinn. Doch die beiden programmieren weiter an der Software. "Das ist eine ständige Herausforderung", sagt Heinla. Auch sein Kollege Tallinn bleibt seinem Baby treu: "Ein Netz mit hundert Millionen Usern kann sehr komplex sein. Da muss man genau wissen, was man tut."

Im Skype-Management hält man von den Zweifeln der Marktforscher erwartungsgemäß wenig: Skype sei viel mehr als nur eine Software zum kostenlosen Telefonieren, sagt Firmengründer Niklas Zennström. "Es geht um Kommunikation. Wo auch immer ich bin, möchte ich mit meinem Freunden in Kontakt treten können." Man werde bald am Mobilgerät genauso erreichbar sein wie auf dem Desktop: über eine Buddy-Liste, die darüber informiert, ob man überhaupt online ist und wann man wie kontaktiert werden möchte.

Buddies permanent im Blick

Doch bis auf alle Mobiltelefone dieser Welt ist es noch ein weiter Weg. Die Netzbetreiber sind nicht gerade begeistert von der Idee, dass ihre Kunden mit einer Zusatzsoftware das klassische, auf Gesprächsminuten basierende Geschäft aushebeln könnten. Vor allem bei Telefonaten ins Ausland wäre Voice over IP deutlich günstiger – oder sogar gratis, falls der Angerufene einen Skype-Account hat.

In den USA hat Skype bereits Juristen bemüht, um bei den Carriern einen Fuß in die Tür zu bekommen – bislang vergeblich. Ganz so günstig wie am PC mit einer Datenflatrate ist die IP-Telefonie übers Handy allerdings nicht. Die Handybesitzer müssten Datenpakete bei ihren Providern kaufen, denn statt Minuten wie beim normalen Telefonieren wird bei IP-Telefonie der angefallene Traffic berechnet. Vodafone, T-Mobile und Co. könnten deshalb sogar von Skype profitieren. "Sie können mehr Datenpakete verkaufen", glaubt Zennström, der deshalb kaum Konflikte mit den Mobilfunkern sieht. Es werde eher eine Symbiose mit ihnen geben, sagt er.

Kaum jemand zweifelt noch am Siegeszug der IP-Telefonie. Die große Frage ist jedoch, ob ein Anbieter wie Skype am Ende als Sieger dasteht. Die Ausgangsposition dafür ist nicht die schlechteste: große Bekanntheit, erfahrenes Management, mit eBay ein finanzstarker Eigentümer im Rücken. Doch ein Faktor könnte sich als entscheidendes Hemmnis erweisen: Skype nutzt kein offenes Protokoll, weder bei der Internettelefonie noch bei seiner Chatfunktion.



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