TV-Ausblicke Hauptsache einfach und billig

Wer heute Videos und TV-Streams direkt auf dem Fernseher sehen will, kann dies tun: Settop- und Stream-Boxen gibt es genug. Allerdings keine wirklich billigen oder komfortablen, dabei geht das durchaus, wie die Firma Roku in den USA zeigt: Deren einfache Stream-Box ist für knapp 63 Euro zu haben.

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Die kleine Kiste mag nicht viel können, aber das, was sie kann, kann sie gut: Als in der letzten Woche die Firma Roku in Kooperation mit der Netz-Videothek Netflix den Vertrieb ihrer neuen Streaming-Box begann, überschlug sich die Presse fast mit Würdigungen. In dieser Kiste, schrieb Saul Hansell im Tech-Blog der "New York Times", könne man "die Zukunft des Videos" entdecken. Sein Kollege David Pogue, Amerikas populärster Tech-Journalist, sah das ähnlich und gönnte der Box einen langen Artikel plus Video-Blog auf der Webseite der "New York Times": "Sechs Minuten, nachdem ich das Ding ausgepackt hatte, sah ich einen Film."

Eine Minute schneller, behauptet Danny Dumas bei Wired, habe er dieses Kunststück fertig gebracht, und genau das bringt die Sache schon auf den Punkt: Die Roku-Box ist so funktionsreduziert, das sie fast primitiv erscheint, und so billig, dass man sie auch im Baumarkt verkaufen könnte. Genau so etwas braucht das Fernsehen via Internet wahrscheinlich, um wirklich seinen Durchbruch bei der Masse zu erleben. Kein beeindruckendes Hightech-Schmuckstück mit einer Funktionsvielfalt, die man erst einmal "navigieren" muss, sondern ein pragmatisches Konzept zum kleinen Preis.

Denn prinzipiell sind die meisten von uns längst technisch dafür gerüstet, Videos aus dem Web in hoher Qualität direkt auf dem Fernseher anzeigen zu lassen. Je nachdem, wer da schätzt, werden heute zwischen 60 und 80 Prozent aller Deutschen in die Schublade "ist Online" sortiert. Einigkeit besteht darüber, das längst rund 60 Prozent aller Internet-Nutzer im Lande über Breitband-Verbindungen verfügen. Wer in den letzten Monaten einen neuen Anschluss bestellt hat, weiß, dass die Anbieter mit dem Ausbau kaum hinterher kommen.

"Triple Play" aus der Mottenkiste

Dass dadurch immer mehr der 30 bis 40 Millionen deutschen Breitband-Internet-Nutzer natürlich auch Videos bis hin zum neuesten Kino-Blockbuster online beziehen, ist eine Binse - dass dies meist noch illegal geschieht, auch. Doch noch sind die hiesigen legalen Angebote auch ziemlich durchwachsen - ein Mix aus TV-Kanälen, die man sowieso per Satellit oder Kabel bekommt - und Kintopp aus der Mottenkiste. Kein Wunder, dass hiesige "Triple Play"-Angebote mit TV via Internet nach wie vor auf kleiner Flamme köcheln.

Wobei hier das eine das andere bedingen mag. Wer kauft eine Box, wer schließt ein Abo ab, wenn das Programm noch nicht stimmt? Und wer stellt ein attraktives Programm auf, wenn es keiner sieht?

Auf der Programmseite jedoch scheinen die betroffenen Firmen zunehmend entschlossen. IPTV könnte zum Boomgeschäft werden, wenn man Programm in HD bietet: Im letzten Jahr setzten Elektronikfirmen in Europa satte 25 Milliarden Euro nur mit dem Verkauf von Flachbildfernsehern um - und das sind, man muss das einmal klar sagen, bei der Wiedergabe herkömmlicher TV-Signale Geräte, die ein deutlich schlechteres Bildergebnis zeigen als herkömmliche Röhrenfernseher. Die Verbraucher sind also längst in Vorlage gegangen und haben in eine HD-Zukunft investiert, die noch gar nicht wirklich begonnen hat.

Als digitaler Verbreitungskanal bietet sich das Internet an. Was jetzt noch fehlt, ist das Schließen der so genannten Wohnzimmerlücke: Wie kommt das digitale Video aus dem Web auf den Fernseher? Die bisher vorliegenden Lösungen haben vor allem zwei Nachteile: sie sind nicht Großmutter-kompatibel, weil zu kompliziert, und sie sind relativ teuer.

Flatrate statt Leihgebühr

Auftritt Roku: Der Entwickler bietet seit letzter Woche in den USA eine Settop-Box an, die per Ethernet-Kabel oder W-Lan mit Inhalten der Netz-Videothek Netflix befüttert wird. Was die Technik-Rezensenten begeistert: Sie ist wahrhaft Plug & Play. Die Fernbedienung kommt mit wenigen elementaren Funktionen aus (siehe Bildergalerie). Zu sehen ist ein "Home"-Symbol, das ins Netflix-Menü führt. Mit vier Pfeiltasten und einem OK-Knopf manövriert man dort durch Genrelisten, auf der nächstunteren Ebene blättert man durch DVD-Hüllen. Markiert, gewählt - und nach rund 20 Sekunden, sagen die Tester, beginnt die ruckelfreie Übertragung des Bildes.

Das soll ab DSL mit zwei MBit gute TV-Qualität haben, man kann es anhalten, Vor- und Zurückspulen. Das war's schon fast.

Denn der eigentliche Vorteil des Kooperationsangebotes ist, dass diese Box ihren Zugriff auf rund 10.000 Videos innerhalb eines Abos bietet. Man kann Filme also jederzeit noch einmal sehen, ohne erneut zu zahlen. Es gibt keine Haltbarkeit der Daten, wie bei den meisten anderen Angeboten in den USA oder in Deutschland, wo gewählte Inhalte ebenfalls nach 24 Stunden verfallen. Und man kann in Inhalte hineinschauen, ohne dass Mehrkosten entstehen: Wie viele Filme im Monat man ansehen darf, hängt nur vom Abomodell ab. Ein uneingeschränkter Zugang ist bei Netflix ab 8,99 Dollar zu haben.

Keine Lust auf Handbücher

Das ist attraktiv und leidet wie in Deutschland nur am Inhalte-Angebot: Auch bei Netflix, mäkelt David Pogue, muss man sich die Film-Perlen aus dem Misthaufen heraussuchen. Das aber dürfte sich sehr schnell ändern. Roku hofft, bis Jahresende Hundertausende Geräte, wenn nicht eine Millionenstückzahl an den Mann zu bringen. Mit dem so entstehenden Massenmarkt wird wahrscheinlich, dass auch andere TV- und Filmfirmen dem Vorbild von Warner folgen werden, Net-Videos parallel zum Beginn der DVD-Veröffentlichung anzubieten.

Auch in Deutschland hat der Filmriese damit soeben begonnen - auch, wenn das bisher kaum jemand sieht. Eine "Box für DAUs" - Tech-Zynismus für "Dümmste anzunehmende User" - wäre da genau richtig: Nach Feierabend sind wir alle doch gerne DAUs, die von ihren Geräten erwarten, dass sie einfach funktionieren und nutzbar sind, ohne dass man vorher ein 150-seitiges Handbuch lesen müsste. Cool auch der Rest des Konzeptes, einfach zum pauschalen Preis einmal stöbern zu können, statt für jeden einzelnen Video-Aufruf zur Kasse gebeten zu werden.

Roku will seine Kiste national wie international auch anderen VoD-Anbietern anbieten. Wie viel die dann zuschießen müssen, um den Verkaufspreis von umgerechnet 63 Euro möglich zu machen, ist nicht bekannt. Ob das Pauschalpreis-Modell zu halten ist, wenn wirklich Millionen sich auf solche Angebote einlassen, auch: Erfolg weckt schnell die Begehrlichkeiten der Entertainment-Industrie.

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