TV-Zukunft So will ich IP-Fernsehen!

Internetfernsehen verspricht eine Menge: Hunderte Kanäle aus aller Welt, Sendungen dann schauen, wenn man Zeit hat und nicht dann, wenn sie gesendet werden. Aber nicht alles, was technisch machbar ist, wird auch so gemacht. Schade!

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Ich bin ein Zapper vor dem Herrn. Deshalb habe ich am liebsten 100 Kanäle in der Kiste, von mir aus auch 200 - und zwar aus möglichst vielen verschiedenen Ländern. Italienische Fernsehshows sind der Hammer. Dort laufen so viele knapp bekleidete Blondinen herum, dass man ziemlich schnell realisiert, wie seriös doch eigentlich RTL 2 und Kabel 1 sind. Ein Hoch auf die deutschen Medienwächter! Oder auch auf die deutsche Ernsthaftigkeit!

Fernsehen: Hauptsache schnell zappen
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Fernsehen: Hauptsache schnell zappen

Russisches Fernsehen macht ebenfalls Laune. Oder arabisches - man muss nicht immer alles verstehen. Mit einer Satellitenschüssel sind derartige Zapporgien kein Problem - mit IPTV, dem Fernsehen über die DSL-Leitung sollte es erst Recht keins sein. Ein geradezu unbeschränktes Fernsehvergnügen wird für die Zukunft versprochen - ich würde es gern nehmen.

Aber ich will nicht nur viele Kanäle - ich möchte auch Zugriff auf die Harald-Schmidt-Show vom vergangenen Mittwoch, die ich verpasst habe. Und auf den Film, der am Samstag lief. Weil die IPTV-Anbieter nicht unendlich viel Festplattenplatz haben, könnte der Zugriff von mir aus auf die vergangenen sieben Tage begrenzt werden.

Ein Muss für das Fernsehen der Zukunft ist eine Brennfunktion. Sendungen, die einem gut gefallen, muss man abspeichern und auf DVD archivieren können.

Natürlich muss es IPTV wahlweise in hoher Auflösung (HD) geben - wozu hängt sonst ein 45-Zoll-Monster an der Wand? Mit einer elektronischen Fernsehzeitung (EPG), über die man Aufnahmen mit einem Knopfdruck programmieren kann, mindestens eine Woche im Voraus, macht das Fernsehen der Zukunft erst richtig Spaß - sie ist ebenfalls ein Muss.

Das sind viele Wünsche, die technisch durchaus umsetzbar sind. Um die IPTV-Server nicht heißlaufen zu lassen, könnte der Download älterer Sendungen über ein Peer-to-Peer-Netzwerk wie bei Tauschbörsen organisiert werden. Dann bräuchte man natürlich eine Festplatte - entweder in der IPTV-Settopbox oder im PC. Wo man IPTV schaut, am PC oder am Fernseher, sollten die Anbieter besser den Zuschauern überlassen.

Triple-Play oder Fernsehen am PC?

So einfach könnte IPTV sein - die Wirklichkeit ist allerdings wesentlich komplizierter. Es gibt ein Nebeneinander ganz verschiedener Konzepte: vom browserbasierten Internetfernsehen, speziellen IPTV-Programmen für den PC unabhängig vom Browser bis hin zu Lösungen mit einer speziellen Settopbox, die ausschließlich an den herkömmlichen Fernseher angeschlossen werden kann.

Auflösungen, wie wir sie vom "echten" Fernsehen kennen, sind unter den webbasierten Anbietern äußerst rar. Meist geht es um Fenster der Größe 320 mal 240 Pixel. Hunderte Kanäle in PAL- oder gar HD-Auflösung wird es wohl zunächst nur für Kunden bestimmter Provider geben - und via Settopbox.

Swisscom und T-Online planen solche Angebote als Teil ihrer Triple-Play-Strategie. In Belgien ist Belgacom bereits mit IPTV am Start. Zuschauen können aber nur die Kunden des jeweiligen Providers. IPTV findet also nicht mehr im globalen Internet - sondern nur im Netz des Providers statt. Die hohen Investitionen in VDSL-Netze mit 50 MBit/s schnellen Glasfaserleitungen müssen halt bezahlt werden.

Für notorische Zapper müssen sich die Programmierer aber noch einiges einfallen lassen. Denn ein Kanalwechsel braucht - anders als bei einem herkömmlichen Analog-TV - seine Zeit. Bei PCCW, einem IPTV-Anbieter aus Hongkong mit einigen hunderttausend Kunden, dauert das Umschalten von Kanal zu Kanal beispielsweise zwischen einer und zwei Sekunden. Zappen kann man das nur bedingt nennen.

Mit technischen Rafinessen, etwa durch das parallele Abgreifen mehrerer Videostreams, soll die Umschaltzeit verringert werden. Der Branchenriese Microsoft, der ebenfalls auf dem IPTV-Markt mitmischt, hat eine Technik zum Patent angemeldet, die das sofortiges Umschalten ermöglichen soll. Mal schauen, ob's funktioniert.

Ein weiteres Hindernis für IPTV sind die Ängste der Filmindustrie und der TV-Sender, ihre Inhalte könnten durch die digitale Verbreitung noch schneller den Weg in illegale Tauschbörsen finden. Und selbst die Privatkopie auf der heimischen Festplatte ist vielen Contentanbietern ein Dorn im Auge, weshalb die Videostreams per DRM geschützt werden sollen. Speichern, Brennen auf DVD, Time-Shifting, Überspringen der Werbepausen - all das lässt sich per DRM leicht verbieten. Und es wird verboten werden - zumindest beim sogenannten Premiumcontent.

TV-Perlen und Pixelblöcke

Solange Triple-Play-Lösungen in Deutschland nicht verfügbar sind, kann man nur durch die diversen webbasierten IPTV-Angebote stöbern - etwa von Comedy Central. Auch auf deutschen Servern finden sich Perlen - etwa Ehrensenf. Im Vergleich zu dem, was noch vor einigen Jahren an unscharfem Gewusel im Web als Video zu bestaunen war, sehen heutige Angebote immerhin schon richtig gut aus.

CNN.com geht noch einen Schritt weiter und verschenkt seine Videostreams nicht im Netz, sondern bietet sie als kostenpflichtiges Abo an. Ein Monat des Pipeline genannten Dienstes kostet drei US-Dollar, dafür ist das Angebot werbefrei. Parallel dazu gibt es auf CNN.com auch Gratisvideos - allerdings nur eine Handvoll.

In Full-Screen-Auflösung sieht man nach wie vor Pixelblöcke, etwa bei Comedy Central. Aber in einem kleineren Fenster stimmt die Schärfe. Ärgerlich ist nur, dass eine Vielzahl von Playern und Oberflächen für IPTV existiert. Ein einheitlicher Standard wäre hilfreich. Aber den kriegt die IT-Branche ja nicht mal beim Nachfolgeformat der DVD hin.

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