Überblick Trends der Cebit 2000

Seit sich die Cebit durch Auslagerung der Cebit Home zur mehr oder minder reinen Business-Messe mauserte, spielen Geschäftskonzepte eine immer größere Rolle. Trotzdem ist und bleibt die Cebit eine Leitmesse für technologische Trends.

Das Wirtschaften im Internet steht im Mittelpunkt der weltgrößten Computermesse Cebit, die dieses Jahr schon am 24. Februar ihre Tore öffnet. Die Abwicklung der Geschäfte im Netz verlangt immer leistungsstärkere Elektronik, Software und Leitungstechnik. Beim Zugang zum Internet hingegen liegen kleine Endgeräte im Trend. Wenn dann auch die Bedienung der Technik endlich einmal einfacher wird, kann sich der allseits vernetzte Mensch so selbstverständlich im Internet tummeln wie der Fisch im Wasser.

Die Verbindung zwischen komplexer Technik im entfernten Computernetz und dem intelligenten Kleingerät in der eigenen Hand zeigt zum Beispiel die Stuttgarter Software-Firma Brokat, einer von 7515 Ausstellern der Cebit. Sie hat eine Software-Plattform entwickelt, die den Graben zwischen technisch unterschiedlichen Geräten überbrückt: Auf der einen Seite ein Wap-Handy, auf der anderen das SAP-System einer Bank. So wird es möglich, unterwegs den Kontostand abzurufen oder eine Überweisung zu veranlassen. "Die Grundidee ist, die schwerfälligen Hochleistungssysteme mit mobilen Geräten unkompliziert zu verbinden", erklärt Firmensprecher Rainer Hill.

Wap ist das Stichwort für einen der wichtigsten Cebit-Trends: Das "Wireless Application Protocol" verbindet Mobiltelefon und Internet. Nach der verzögerten Markteinführung der ersten Wap-Handys im vergangenen Jahr überschlagen sich die Firmen jetzt mit Angeboten für das World Wide Web in der Jackentasche: Siemens bietet dem finnischen Pionier Nokia mit zwei neuen Wap-Handys Paroli - nachdem der Elektrokonzern zunächst ein Handy für den bereits überholten Standards Wap 1.0 entwickelt hatte. Auch Handheld-Computer werden inzwischen mit einem Wap-Browser ausgestattet, so dass die Grenzen zwischen Computer und Telefon verschwinden. Dieser Unterschied wird mit "Voice over IP", der Sprachübertragung mit Hilfe des Internet-Protokolls, sowie mit den Fortschritten in Spracherkennung und Sprachausgabe ohnehin hinfällig.

Bei den kleinen, intelligenten Netzzugangsgeräten verläuft die technische Entwicklung derzeit weit rasanter als beim PC, wo sich die Diskussion zunehmend auf Design und Preise beschränkt. Wer jetzt mit der Anschaffung eines neuen Hightech-Handys warten kann, erhält bald ein Mobiltelefon der dritten Generation, das nicht nur Webseiten mit zwei Megabit pro Sekunde aus dem Netz holt, sondern über den "Bluetooth"-Standard auch mit anderen Geräten Daten austauschen kann. "In den nächsten Jahren wird es wahrscheinlich nicht mehr möglich sein, ein Handy zu kaufen, das nicht internetfähig ist", sagt der Vizepräsident von AOL-Europe, Christopher Hill. Inzwischen wird auch die Entwicklung spezieller Prozessoren für Kleingeräte forciert vorangetrieben - der in Hannover vermutlich noch nicht zu sehende mobile Internet-Prozessor "Crusoe" der kalifornischen Firma Transmeta soll Taktraten bis 700 Megahertz erreichen. Für die Abwicklung der im Netz getätigten Geschäfte werden aber auch für PC und Server schnelle Prozessoren benötigt. Hier liefern sich Intel und AMD einen spannenden Wettbewerb. Die Messlatte liegt derzeit bei 800 Megahertz, doch wird dieses meistverwendete Maß für die Arbeitsgeschwindigkeit der Chips wahrscheinlich in diesem Sommer die Schwelle von 1000 Megahertz (ein Gigahertz) erreichen. AMD meldete am 8. Februar, dass der Athlon-Prozessor des Unternehmens diese Marke im Laborversuch überschritten habe.

Auf den Außenbahnen haben Compaq und IBM dieses Rennen noch nicht aufgegeben. Die Entwicklung des ersten Intel-Chips mit einer 64-Bit-Architektur wird vor allem diejenigen beschäftigen, die mit riesigen Datenbanken im Umfang von mehreren Terabytes (Billionen Bytes) hantieren müssen. Der mit dem Codenamen Merced bezeichnete Prozessor verarbeitet in seinen Operationen nicht nur digitale Häppchen von 32 Bit, sondern 64 Bit breite Datensätze.

In der Welt der Betriebssysteme meldet sich Microsoft mit neuem Elan zurück: Der Stand des Softwarekonzerns in Halle 2 steht ganz im Zeichen von Windows 2000, das eine Woche nach den USA am ersten Tag der Cebit seine Deutschlandpremiere feiert. Neben anderen Partnerfirmen will allein IBM, das ansonsten auch mit Linux flirtet, zum Start des NT-Nachfolgers mehr als 300.000 Lizenzen von Windows 2000 vertreiben. Hauptvorteile sind erhöhte Stabilität und Sicherheit.

Als größter Nachteil gilt die eingeschränkte Zusammenarbeit mit Geräten im Firmennetz, die unter Unix und anderen Systemen laufen. Hier erfreut sich das einst als Hacker-Betriebssystem verrufene Linux, das auf der Cebit in einem eigenen Pavillon in Halle 6 zu Hause ist, zunehmend kommerzieller Unterstützung. In die Schlagzeilen geriet Windows 2000 zudem, weil Microsoft bereits vor Veröffentlichung des Betriebssystems einen ersten Sicherheits-"Patch" anbieten musste. Doch die Windows 2000-Pakete liegen bereits vertriebsbereit in den Lagern: Es bleibt dem User überlassen, das Betriebssystem nach dem Kauf zu "reparieren".

Neue Vielfalt: Das Ende der Monopole?

Ob große Konzerne oder kleine "Start-up Companies" - alle arbeiten eifrig an dem Ziel, der Informationstechnik die Richtung vorzugeben, maßgeblich an den Standards der Zukunft mitzuwirken. Die Zeit der Alleinherrscher ist vorbei - selbst das einstige Wintel-Imperium von Microsoft und Intel hat abgedankt. Stattdessen zeichnet sich in der Informationstechnologie derzeit eine vielschichtige Arbeitsteilung ab.

Die Arbeit am Schreibtisch-PC wird weiterhin von Microsoft dominiert, das mit Windows 2000 endlich ein sauber arbeitendes Betriebssystem anbieten kann. Die Großrechner im Unternehmen versorgen IBM, Hewlett-Packard und Compaq mit ihren Lösungen. Linux ist die erste Wahl für die Masse der Internetrechner. Bei mobilen Kleingeräten geben Mobiltelefonanbieter und Softwareanbieter für Handheld-Computer wie Palm oder Psion mit dem Betriebssystem Epoc die Richtung an. Und verbunden wird das alles mit der in jede Richtung offenen Software-Technik Java.

Peter Zschunke