UMTS-Tagebuch Boulevard of Broken Dreams
Die Zeiten, in denen Mobiltelefone Prestigeobjekte waren, sind doch noch nicht vorbei: Wenn ein Handy genug kann, erntet es auch Aufmerksamkeit. Und zwar nicht nur wegen seiner Features, sondern auch wegen der Probleme, diese tatsächlich zum Leben zu erwecken.
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Neidisch, oder was?
Quizfrage: Was haben die Städte und Orte Siegburg (im Rheinland), Dinslaken (am Niederrhein), Duisburg (im Ruhrpott), Köln (Südstadt) und Winterscheid (Bergisches Land) gemeinsam? Richtig, sie haben keinen UMTS-Empfang, jedenfalls nicht überall. Also übe ich mich sowohl mir selbst als auch anderen gegenüber im Konjunktiv: "Hier, schau mal, wenn ich hier drücke, müsste eigentlich folgendes passieren..." Das tut es aber nicht. So scheitert der fleißige MMS-Versand des Kollegen Hillenbrand ("Versand", "versendet", "versandet"), weil ich den Weblink, über den ich die Dateien abholen soll, nicht aufrufen kann; so enden meine Versuche, ihm diverse Bildchen oder Filme per E-Mail zuzuschicken, nicht minder erfolglos. E-Mail ist nicht drin, der Browser läuft nicht, Vodafone live heißt zwar so, ist es aber nicht überall - und so weiter, und so fort: Schnell komme ich zu meinem ersten Fazit: Fein mag sie sein, die UMTS-Ära, für alle, die da in großen Städten wohnen - doch auf dem Land bleibt man außen vor. Dass das Netz so löchrig ist, dass selbst ja nur im weitesten Sinne ländlich zu nennende Gegenden wie die Kölner Südstadt offline bleiben, enttäuscht mich dann doch. Denn tatsächlich beginnt mich mein kleines Testspielzeug zu faszinieren: Zwanzig Mini-Tasten und ein Navigationsring für die Auswahl Oben-unten-recht-links eröffnen eine Funktionsfülle, die erst einmal erschlossen sein will. Das weckt das Kind im Manne. Und wie auf dem Schulhof sammeln sich um mich herum die Neugierigen. "Wie, auch mit Film?", höre ich da, "Schönes Design!" oder "Wat kosten dat?". Kein Zweifel: Im Gegensatz zu dem Handy-Knochen, mit dem ich sonst telefoniere, besitzt diese kleine Klappkiste durchaus Prestigewert. Schnell sind siebzehn kleine Videos produziert und der interne Speicher damit bis zur Obergrenze gefüllt. Die Qualität ist mehr als durchwachsen, aber durchaus geeignet, ein karnevalistisches "Happy Birthday" an Birgit zu schicken, die ja zurzeit in Ägypten weilt. Das ist gar nicht mal so teuer: Alles, was mit weniger als 300 kb auskommt, kostet pauschal 79 Cent. Kann man mal machen. Wenn dann noch statt eines Telefonklingelns "Boulevard of broken dreams" erschallt, wird sogar meine Tochter neidisch. Solche polyphonen Klingeltöne sind 20 Sekunden kurze, aus einem elektronisch gespeicherten Lied herausgehackte Soundschnipsel. Als brennbare Datei in CD-Qualität könnte man die für nur 99 Cent in voller Länge bei diversen Online-Musikshops kaufen, doch das tun nur wenige. Millionen aber leisten sich den 20-Sekunden-Fetzen für 2,49 Euro. Übers Handy kostet die vollständige Datei übrigens 1,99 Euro. Doch was soll es? Technische Innovationen sind dann sinnvoll, wenn sie a) uns das Leben erleichtern ("Werkzeug") oder b) dazu beitragen, dass wir uns besser fühlen ("Spielzeug"). In Kategorie b) besteht mein Testgerät ohne Frage, was a) angeht, habe ich immer noch keine Nutzanwendung neben der normalen Telefonie gefunden, die ich ab sofort nicht mehr missen möchte. Das schließt Videotelefonie ein, die uns von Land zu Stadt zumindest einmal gelingt: "Du siehst aus," sagt der Hillenbrand, "als hättest Du unter einer Brücke geschlafen." Stimmt. Abgesehen davon, dass man sich vielleicht nicht vor jedem Telefonat rasieren möchte, nützt das auch wenig: Man sieht nämlich immer so aus, wenn man von einer Handykamera von leicht schräg unten aus einem Abstand von unter 40 Zentimetern gefilmt wird. Fazit: Ab und zu vielleicht witzig, aber generell? Nein, danke! So hinterlassen die ersten, stochernden Versuche einen durchwachsenen Eindruck. Zwar erschließen sich so einige Anwendungen der mobilen Onlinewelt auch "ganz normal" per GPRS oder gar im Schneckentempo, so richtig befriedigend ist das alles aber nicht. Stets verbringt man Minuten damit, auf der Tastatur herumzufummeln und sich durch nur langsam aufbauende Menüs zu klicken - nur, um am Ende nochmal Wartezeiten überbrücken zu müssen, während das Handy mit dem Download (wenn er denn funktioniert) beschäftigt ist. Warten aber ist langweilig und somit eine Spaßbremse bei all den netten spielerischen Angeboten. Keine Frage, es wird Zeit, sich in die richtig harten Anwendungen zu stürzen und das, was richtig kostet, mal auf Herz und Nieren zu prüfen: mehr dazu morgen, im UMTS-Tagebuch. Frank Patalong |
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Mö!, Mö!, Mö!
Das Leben in einer Großstadt wie Hamburg oder Berlin hat viele Vorteile. Erstens, es gibt eine U-Bahn. Zweitens stellt sie nicht schon um zehn Uhr abends den Betrieb ein. Drittens, es ist überhaupt mehr los. Und viertens, das kürzlich für teuer Geld erworbene UMTS-Handy funktioniert, dank tadelloser Netzabdeckung. Sollte man denken. Nach gut zehn Tagen Herumspielerei mit dem Vodafone-Testgerät habe ich allerdings so meine Zweifel. An meinem Arbeitsplatz in der Hamburger Innenstadt geht alles problemlos. Videoversand, Nachrichtenabruf, E-Mail - flutscht. Zuhause in Rahlstedt, einen Kilometer vor der Stadtgrenze, ist es ebenfalls okay. Während ich über die Mönckebergstraße (Hamburgs Haupteinkaufsmeile) schlendere, wird mir jedoch klar, dass Patalong in der Außenstelle Rheinisch Uganda nicht der einzige ist, der Probleme mit dem UMTS-Netz hat. Dreimal scheitere ich bei dem Versuch, das News-Angebot des "Handelsblatts" auf dem Handy aufzurufen. Angeblich ist irgendetwas mit meinem ISP (Internet Service Provider) nicht in Ordnung. Will sich da jemand rausreden? Mein ISP ist schließlich Vodafone . Und laut der Karte auf der Vodafone-Seite gibt es in der Freien und Hansestadt Hamburg keine Netzlücken. Schon gar nicht auf der Mö. Ebenfalls enttäuschend ist, dass mein Handy in der Bahn alle Netze von sich streckt. Sowohl GPRS als auch UMTS verabschieden sich komplett. In der U-Bahn ist das auch bei herkömmlichen Telefonen der Fall, aber in der Regionalbahn, die ich allmorgendlich benutze, liefert mir mein altgedientes P800-Handy immerhin textbasierte Nachrichtenseiten. Die UMTS-Funke kann hingegen keinerlei Verbindung aufbauen, während der Zug gemächlich durch Hamburgs größten Stadtteil Wandsbek zuckelt - was mich zwingt, ganz altmodisch Zeitung zu lesen. Ich fühle mich, als ob ich in Sprockhövel oder uh, Siegburg wohnen würde. Toll, ein blaues G Probleme habe ich ferner mit dem Aufrufen von Internetseiten. Man kann herkömmliche URLs wie www.google.de in das Handy eingeben, und der Browser fängt nach kurzer Zeit auch an, diese zu laden. Dann erscheint jedoch in der Regel die Fehlermeldung "Seite kann nicht geöffnet werden". Einer der wenigen Sites, die ich geladen bekomme, ist die Textversion des BBC-Nachrichtenportals. Google geht auch, wird allerdings in PC-Monitorgröße geöffnet: Entsprechend sehe ich auf meinem Winzdisplay nur ein Stück des Google-Gs. Beim Versuch, eine Suchabfrage zu starten, hängt sich der Schmalspur-Browser dann endgültig auf. Ich hatte ja erwartet, dass Websurfen nur mit Abstrichen bei der Qualität möglich ist - aber ein bisschen mehr hatte ich mir schon erhofft. Denn ich möchte meine breitbandige UMTS-Verbindung eigentlich vor allem nutzen, um im großen, weiten, anarchischen Web herumzustrolchen. Das aalglatte, von Marketinexperten entworfene Vodafone-Portal mit seinen ausgestanzten Seiten, auf denen fast jedes Angebot Geld kostet, betrachte ich als zweite Wahl. Eher als dritte. Es gibt einen exzellenten Handy-Browser namens Opera, der Webseiten für die Anforderungen kleiner Displays ummodelt. Man kann ihn umsonst herunterladen. Vielleicht klappt das mit dem Surfen ja doch noch. Also sauge ich mir die Datei auf meinen Rechner und maile sie dann an mein UMTS-Handy - soweit so gut. Leider scheint das Format nicht mit dem V800 kompatibel zu sein - die Installation schlägt fehl. Also muss ich weiter Vodafone live! benutzen. Was den Protzfaktor angeht: Einen Prestigewinn habe ich bisher anders als der Kollege zur Linken noch nicht ausmachen können. Manchmal glaube ich zwar, dass mich die Menschen in der Bahn argwöhnisch mustern, wenn ich mit meinem vom Netz getrennten Handy kämpfe. Vielleicht ist das aber auch nur Paranoia. Sagen tut keiner was. Bewunderung schlägt mir auch keine entgegen. Patalong scheint in dieser Hinsicht mehr Glück zu haben. Man könnte darüber sinnieren, ob es an der dörflichen Struktur des Rheinlandes liegt, dass dort ein UMTS-Handy ein solch großes Hallo auslöst. Machen wir aber jetzt nicht. Thomas Hillenbrand |