UMTS-Tagebuch Klingeling, hier kommt der Eiermann

Die einen halten Klingeltöne für superlustig, die anderen für die Geißel des Mobilfunks. Dank UMTS kann man sich jetzt noch größere, lauterere und schrillere Sounddateien auf sein Handy laden. Thomas Hillenbrand und Frank Patalong wagen einen Rundgang durch die Welt der akustischen Luftverschmutzung.

Zwischen Schweinkram und mein Kram


Häufig höre ich mein Telefon nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Gerät nicht am Körper trage, sondern in meiner Tasche unter Zeitungen und anderem Geraffel versenkt habe. Oder ich bin dank meines iPod (extralaute US-Version) bereits ertaubt. Erschwerend kommt hinzu, dass etwa 70 Prozent aller Redaktionsmitglieder denselben Klingelton verwenden - zumindest kommt es mir so vor.

Deshalb habe ich mir aus Gründen der besseren Hörbarkeit und interpersonalen Distinktion vor einigen Monaten einen Klingelton heruntergeladen: "Right here in my arms" von H.I.M. Ein schönes Rockstück, allein: Als sogenannter polyphoner Sound klingt es, als versuche jemand auf einer Heimorgel Gitarrenmusik zu machen. Das ganze ist fürchterlich peinlich, und jedes Mal, wenn die Funke klingelt, steigt mir die Schamesröte ins Gesicht. Zwar verpasse ich jetzt keine Anrufe mehr. Dafür komme ich mir wie ein Depp vor.

Gott sei Dank können neuere Geräte wie das von uns verwendete Testhandy V800 nicht nur Bontempi-Gefiepe von sich geben, sondern auch vollwertige Sounddateien abspielen. Derzeit schmettert bei jedem Anruf "Numb" von Linkin Park aus dem Handy, was meine Ressortkollegen vermutlich tierisch nervt - aber es ist ja nicht so, als ob ich das zum Spaß machte. Die Soundqualität entspricht der eines Kofferradios mit eingetretenem Lautsprecher, aber besser als der polyphone Düdelton ist es allemal.

Kochende Klöten

Über das Vodafone-Portal habe ich Zugriff auf Hunderte weiterer "Ringtones". Mobilfunkanbieter lieben Klingeltöne. Zu Recht, denn es gibt wohl kaum ein anderes Produkt, bei dem es den Verkäufern gelungen ist, eine derart freche Preisgestaltung durchzusetzen. Die Kosten solch eines Digitalschnipsel liegen bei, sagen wir, zwei Cent. Verkauft wird der Ton jedoch für knapp zwei Euro, also das Hundertfache. Da es sich um ein Testgerät handelt, muss mich dieses polyphone Raubrittertum jedoch im Moment nicht weiter kratzen. Ich kann downloaden, bis das Handy raucht.

Ich fange also an, nach interessanten Tönen zu suchen. Es gibt Musik aller Art - sogar Kölsche Karnevalslieder für den Kollegen Patalong. Weiters finde ich Rubriken wie "Tierstimmen", "Real Sounds" oder "Real Voices". Schon nach kurzer Sichtung der Auslage lässt sich konstatieren: Der deutsche Klingelton will vor allem lustig sein. Aber was ist lustig? Antwort: Schweinkram. Der zweitmeist heruntergeladene RealAudio-Klingelton ist laut Vodafones Ranking ein viel versprechender Schnipsel namens "Frauenorgasmus". Wem das zu laut und zu obszön daherkommt, der kann auf die Piano-Variante "Vorstufe des Frauenorgasmus" ausweichen. Da kreischt das Handy nicht ganz so hysterisch.

Die Hoffnung, etwas für Freunde des subtileren Humors zu finden, hatte ich beim Durchstöbern des Portals schon zu dem Zeitpunkt aufgegeben, als ich auf folgenden RealVoice-Clip stieß. "Uh baby, my balls are cooking!". Aber dennoch war ich guten Mutes, zumindest etwas von Monty Python herunterladen zu können - doch leider Fehlanzeige. Aus der Comedy-Ecke gab es dafür diverse Erkan & Stefan-Clips, bei denen es vornehmlich um das schon bekannte Sujet ging: "Hey Du, brauchst Du hart, oder?"

Dann lieber den irren Kinski

Klingeltöne gut und schön, aber muss es unbedingt dieser Goldkettchen-Humor sein? Ich hoffe zwar inständig, dass "Vorstadium des Frauenorgasmus" (klingt irgendwie nach Oswald Kolle) nur von kichernden 13-jährigen Jungs mit Akne gekauft wird - aber vermutlich gibt es auch viele Erwachsene, die das zum Brüllen finden. Zumindest funktioniert dieser Unsinn technisch gesehen relativ einwandfrei.

Glücklicherweise kann man auf dem V800 problemlos seine eigenen Klingeltöne installieren. Das geht so: Man fischt sich aus dem Netz eine Wav-, Midi- oder MP3-Datei (eine legale!). Wer weiß, wie so etwas geht, rippt sich alternativ ein Musikstück von einer CD und schneidet den gewünschten Refrain-Schnipsel heraus. Dann schickt man das Ganze per E-Mail an sein UMTS-Handy, speichert das Attachement und lädt es als Klingelton. Testweise habe ich mir John Cleese installiert, der immer wieder "I want to buy some cheese" sagt. Lustig.

Obwohl - wenn alle lustige Klingeltöne haben, dann will ich eigentlich keinen. Man muss ja Zeichen setzen. Irgendwo habe ich noch "Kinski spricht Rimbaud" auf CD. Das gibt einen Klingelton. Ich kann, ihr Wellen, eingehüllt in euer Schlagen / Nicht mehr im Kielwasser der Baumwollschiffe ziehn / Noch den Hochmut der Fahnen und Wimpel ertragen / Noch des Brückenboots schrecklichen Augen entfliehn ...

Thomas Hillenbrand

Klingeltöne kann man auch selbst machen: Mit kommerziellen Produkten wie "ringtone maker" oder mit MP3-Dateien aus dem Netz

Klingeltöne kann man auch selbst machen: Mit kommerziellen Produkten wie "ringtone maker" oder mit MP3-Dateien aus dem Netz

Balzzeit in Handyland




"Ist schon gut", sage ich, "ich gehe schon."
Also wieder einmal raus aus den warmen Decken, über den Korridor, rechts ab: Anklopfen nicht vergessen. "Augenblick!" bittet Töchterchen.

Um 23.20 Uhr? Auf keinen Fall.

Ich setze mein "Ich bin gutmütig und finde das ja auch irgendwie lustig aber jetzt her mit dem Handy und zwar sofort"-Gesicht auf und öffne die Tür. Das leuchtende Nokia-Teilchen verschwindet mit der Geschwindigkeit einer panischen Feldmaus unter der Decke, sie gleich mit.

"Schatz", sage ich, "es reicht jetzt wirklich."
"Ach bitte, nur die eine SMS", bettelt sie und ich setze mich aufs Bett. "Ok, aber mach schnell."

Sie tippt weit schneller, als ich das je könnte, eine kurze Nachricht, versendet den Kram und schaltet das Handy aus. Bevor ich ihr eine Gute Nacht ("Jetzt aber wirklich!") wünsche, erzählt sie mir, dass er ihr schon 42 SMS geschickt habe.

Heute?

Kein Zweifel, es ist Balzzeit in Handyland, und gerade die, die damit noch wenig Erfahrung haben, versuchen es wie eh und je erst einmal textlich. Wir Eltern kriegen das heute besser mit als früher.

Denn verschiedene Formen der Handy-Kommunikation werden von verschiedenen Geräuschen begleitet: Was mich in dieser Nacht aus dem Bett jagte, war ihr "Juchu, noch 'ne SMS"-Handyton: Irgendwas von Maroon 5. Der Klingelton ist immer auch eine Rückmeldung über die Verfassung des Handybesitzers. Die "Ringtones" meiner Tochter signalisieren "Ich bin cool" (normales Telefonat: Linkin Park, siehe auch Kollege Hillenbrand) respektive "Die Post von ihm ist da!" (Maroon 5).

Entscheidend ist, was da bimmelt

Ihre Bereitschaft, für solche individuellen Signale viel Geld auszugeben, ist unerschöpflich. Kein Zweifel: Würden wir Deutschen uns endlich wieder mehr Kinder leisten, wäre nicht nur das Rentenproblem gelöst, sondern auch das der Refinanzierung der Kosten der UMTS-Lizenzen. Heranwachsende sind im Lauf des letzten Jahrzehnts zu einer Art "Duck Dich, Telefonfirma: Ich werfe Dir all mein Geld zu!"-Truppe mutiert.

Bequemlichkeit spielt dabei eine große Rolle, die hysterisch-alberne Qualität vieler Ringtones ebenfalls. Was die Musik angeht, die könnte Töchterchen ja selbst von ihrer Maroon-5-CD rippen und zum Ringtone machen (solange das Werk nicht kopiergeschützt ist): Für so was bietet die Industrie sogar eigene Programme an. Magix beispielsweise hat mit "ringtone maker" ein Programm im Angebot, das nicht nur beliebige Musikstücke zu Klingelton-Häppchen hackt, sondern auch "über 500 Fun Sounds und Musik Loops extra" bietet.

Mir erscheint das vernünftig: Für 29,99 Euro (zurzeit in Angeboten auch ab 19 Euro) bekommt man ein Programm an die Hand, mit dem man wahrhaft individuelle Klingeltöne selbst produzieren kann. Wer mit Sound-Tools umgehen kann, lädt sich (wie Kollege Hillenbrand beschrieb) stattdessen einfach legale MP3-Dateien aus dem Netz und schickt sie sich aufs Handy. Kostenlos.

"Ähähhh", sagt dazu die Tochter. "Cool. Sag mal, darf ich mir Sweety runterladen?"

Während ich noch einmal versuche, ihr a) die Vorzüge wirklich kostenloser Ringtones und b) die Nachteile von Jamba-Abos zu erklären, dämmert mir, dass Klingeltöne in der Balz eben nicht nur Rückmeldung über die Verfassung des Handybesitzers geben (siehe oben), sondern auch einen akustischen Schmuck darstellen. Wie im Wald tragen hier alle Brunftenden eine Art Geweih, und zwar nicht irgendeines: Es geht gar nicht darum, einen wirklich individuellen Klingelton sein Eigen zu nennen, sondern den richtigen.

Was den Klingelton-Terror nun doch noch rundum erklärt: Er hat weder was mit Hören, noch mit Hirn zu tun, sondern ist rein hormonell bedingt. Mit Vernunft ist da kaum was zu wollen.

Frank Patalong






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