Unterwegs in Digitalien Always online und ungenutzt

Digitaltechnik hat unseren Alltag so weit durchdrungen, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Manchmal, entdeckt SPIEGEL-ONLINE-Autor Helmut Merschmann, geht das so weit, dass sie sogar kaum noch genutzt wird.


Einsam steht sie da in der Kollwitz-, Ecke Sredzkistraße und leuchtet magentafarben vor sich hin – die "MultimediaStation" der Deutschen Telekom. Auf zwei Meter zwanzig ein kleines Glasdach, in Augenhöhe ein 17-Zoll-Bildschirm mit Touchscreen und virtueller Tastatur. Sogar an eine Ablage fürs Portemonnaie wurde gedacht und an den seitlich angebrachten Windschutz, der bei diesem Wetter freilich gar nichts nützt. Noch nicht mal fremde Blicke wehrt er ab, denn er ist aus Glas.

Telekiosk der Telekom: An vielen Orten zu sehen, aber selten bemerkt. Die ersten Geräte wurden bereits 2000 installiert
DPA

Telekiosk der Telekom: An vielen Orten zu sehen, aber selten bemerkt. Die ersten Geräte wurden bereits 2000 installiert

Warum nicht zurück zur guten alten Telefonzelle, frage ich mich? Bei einer Surfstation, an der man doch möglichst lange verweilen soll, wäre das sinnvoll. Stattdessen hält die Telekom am gläsern-offenen Image fest. Den öffentlichen Raum und das private Telefongespräch sollen keine gelben Plastikwände stören. Telefonzellen gibt es nur noch auf eBay - oder bei der Konkurrenz.

In T-Com-Kreisen haben solche multimedialen Terminals sicherlich einen internen Namen. Vielleicht heißen sie "MMS06" oder "Clicktivity" - offiziell heißen sie aus schwer nachzuvollziehenden gründen "Telekiosk".

Sonderlich viel herumgeklickt wird darauf aber nicht. Die Telekom gibt sich dennoch "sehr zufrieden" und verweist auf bislang 24 Millionen Page-Impressions. Zieht man in Betracht, dass allein in den letzten zwei Jahren sukzessive 1100 Standorte im ganzen Bundesgebiet mit den Terminals eingerichtet worden sind, entfallen rein rechnerisch auf jeden einzelnen Standort 21.818 Seitenaufrufe. Damit zufrieden zu sein, zeugt von erfrischender Bescheidenheit: Das Klickvolumen entspricht der Größenordnung eines vernachlässigten Garten-Blogs oder den Aufrufen eines weniger stark beachteten Artikels bei SPIEGEL ONLINE - pro Stunde, versteht sich.

WWW = Wozu, wozu, wozu?

Mein Terminal Kollwitz-, Ecke Sredzkistraße hat noch niemand benutzt, zumindest nicht, wenn ich vorbeikomme. Das mag am miesen Wetter liegen. Wer steht schon gerne bei schattigen Temperaturen, steifem Wind oder nieselndem Regen auf offener Straße und schreibt E-Mails, simst oder surft im Web? Mit der eingebauten Kamera ließen sich auch Videogrüße versenden oder Nachrichten und Verkehrsvorhersagen im Vorbeigehen durchlesen. Dazu hat man sich einen Autofahrer vorzustellen, der blitzschnell in die Bremsen steigt, flink zur Station hechtet, Staumeldungen abruft und mit quietschenden Reifen wieder davonbraust.

Auch momentan ist alles ruhig. Ich sitze im Café gegenüber und starre die Multimediastation durchs Fenster an. Annähernd 140 solcher Kommunikationsdiener hat die Telekom allein in Berlin stationiert. Wahrscheinlich an ähnlich zugigen Orten. Die Liste steht im Internet und lässt sich auch am Terminal abrufen. Wenn es nicht so kalt wäre, würde ich jetzt rausgehen und so lange andere Stationen per Video-Call anrufen, bis irgendein vorbeieilender Passant rangeht und mit mir spricht. Das wäre sicherlich sehr komisch, ich müsste mir nur etwas Mut antrinken.

Multimediastationen halte ich für eine Schnapsidee. Es gibt einfach zu viele Internetcafés. In Berlin-Prenzlauer Berg muss man nie mehr als fünfhundert Meter laufen, um im Warmen zu sitzen. Ganz zu schweigen von weniger bürgerlichen Stadtteilen, wo die Netzcafé-Dichte deutlich höher ausfällt. Bei mir im Kiez sitzen die Leute in Cafés herum und klappen ihr Notebook auf. Stellt sich heraus, dass der Betreiber zu geizig für ein bisschen W-Lan ist, lohnt es sich, die Gegend nach verlorenen Funkwellen abzuscannen. Irgendein offenes Netzwerk findet sich fast immer und man kann für lau surfen.

An der Station kostet die Minute zehn Cent. Telefonieren schlägt mit 23 Cent pro Minute zu Buche und eine SMS mit dreißig. Letzteres erscheint mir eine vollkommen überflüssige Funktion. Wo sonst, wenn nicht im eigenen Mobiltelefon, hat man Handy-Nummern abgespeichert?

Hightech, die eigentlich schon zu Nostalgie einlädt

Ich glaube, das Phänomen der Multimediastationen geht auf eine Zeit zurück, als viel von "vernetztem Stadtraum" die Rede war und "grenzenlosem Surfen". Einmal um die Welt! Die Entscheidung zur "Bereitstellung exzellenter Kommunikationsmöglichkeiten", wie die Telekom die Dinger anpreist, ist zur Jahrtausendwende gefallen. Damals war nicht abzusehen, dass Internetcafés wie Pilze aus dem Boden schießen und W-Lan-Netze sich wie Schuppenflechten ausbreiten. Man hatte sich vorgestellt, dass die Leute überall und in jeder Situation technisch kommunizieren wollen. Das tun sie auch - bloß auf eigenen Geräten. Und der Rest sucht nicht erst im Virtuellen nach einem guten Restaurant, wenn er schon vor einem steht.

Mir fallen nur wenige Situationen ein, in denen ein solches Terminal von Vorteil wäre. Beispielsweise im Urlaub. Wie oft bin ich stundenlang durch fremde Straßen geschlichen, Ausschau haltend nach einem Internetcafé. Dort steht man dann nochmal so lange in der Schlange, und will doch nur ein paar Mails abrufen. Doch im Ausland: Fehlanzeige - von Multimediastationen keine Spur. Bisweilen ist man über jeden Briefkasten froh.

Vorstellbar ist auch, dass die Terminals große Bedeutung fürs anonyme Surfen erlangen. Wer vermeiden möchte, dass seine Privatkorrespondenz und Internet-Streifzüge auf Vorrat gespeichert werden, geht kurz auf die Straße und wählt sich dort ein.

Aber macht man sich auf diese Weise nicht gleich sehr verdächtig? Sieht es nicht schnell so aus, als hätte man etwas Illegales vor? Mit den Handschuhen wiederum, die man bei winterlicher Kälte tragen sollte, würde man wenigstens keine Fingerabdrücke hinterlassen. Doch dann funktioniert der Touchscreen nicht.



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