Vernetzte Schnitzeljagd Software für die Stadt

Die Videospielfans der ersten Generation zieht es hinaus auf die Straße. "Pac Manhattan" war nur der Anfang - die "Big Games" machen Städte zum Spielfeld. Mit Mobiltelefon und Satellitennavigation sollen Hightech-Schnitzeljagden Stadtbewohner zusammenbringen.

Von Frank Magdans


Kevin Slavin ist mit seinen 36 Jahren immer noch ein verspielter Bub. Einer, den es auf die Straße zieht. Mit seinem Freund Frank Lantz will er die "Big Games" professionalisieren, Hightechspiele für die Metropolen der Welt. Dabei verwandeln eigens entworfene Karten und Netzwerktechnologien das urbane Straßennetz in ein Spielbrett.

"Wir schicken hunderte Spieler durch die Straßen. In Teams aufgeteilt, müssen sie dann beispielsweise einen Schatz finden. Das kann als Event oder im Kleinen aufgezogen werden", erzählt Slavin im Interview. Wer dabei "Schnitzeljagd" denkt, der liegt gar nicht so falsch. Im Grunde gehen er und seine Kollegen zurück zu den Wurzeln. "Spielen fand schon immer in einem räumlichen Kontext statt. Architekten machen die Hardware, die Gebäude; wir schreiben die Software für die Stadt als Ganzes."

Im Jahr 2003 zum Beispiel schickte Frank Lantz Spieler mit acht Meter großen Mensch-ärgere-Dich-nicht-Figuren durch Minneapolis. Das "Big Urban Game" sollte die Städter dazu bringen, ihre Umwelt mit neuen Augen zu betrachten, "sich über die Gestaltung des urbanen Raums Gedanken zu machen", so die Initiatoren. Jedes von drei konkurrierenden Teams hatte die Aufgabe, seine Spielfigur so schnell wie möglich an diversen Checkpoints vorbei zum Ziel zu bringen.

Telefonische Abstimmung über jeden Spielzug

Für jeden Spielzug konnte jedes Teammitglied via Handy oder Internet abstimmen, welche von zwei Routen vermutlich die schnellere wäre. Der Weg, für den die meisten Stimmen eingingen, wurde dann genommen, die benötigte Zeit gestoppt. Tagelang schmückten die gigantischen Spielsteine abends Straßenecken und wurden zu temporären Kunstobjekten im öffentlichen Raum. Auch am berühmt gewordenen Großstadt-Spiel "Pac Manhattan" war Lantz beteiligt. Inzwischen ist die Technik noch weiter - und die Konzepte werden aufwendiger.

Mittendrin – das ist die Devise der Firma area/code, die Slavin und Lantz Anfang 2005 gründeten. Slavin hatte zuvor etwa für IBM, Compaq, Dell, Time/Warner und Microsoft als Kommunikator gearbeitet. Heute sieht er die Welt mit anderen Augen. In gewisser Weise habe sie das Internet längst überholt: Neue Technologien verbinden nicht nur Objekt mit Objekt und bringen Menschen mit anderen zusammen - einfach alles wird mit jedem vernetzt.

"Denken Sie nur an das Handy in Ihrer Tasche. Gewöhnlich nutzen es die Leute zum Telefonieren oder zum Verschicken von Nachrichten. Aber dank der kommerziellen Technologien kann dieses besondere Gerät genau feststellen, wo es sich auf dem Planeten befindet, Dinge mit der Linse wahrnehmen und obendrein hören sowie sprechen." Nutzt man diese Möglichkeiten zum Spielen, dann kommen die "Big Games" dabei heraus. "Mittlerweile ist auch Wi-Fi zunehmend von Bedeutung", fügt Slavin hinzu. Über diese drahtlose Technik verfügen etwa gängige Mobilkonsolen wie Sonys Playstation Portable oder Nintendos DS.

Großstadt-Golf mit virtuellem Ball

Bei "Urban Golf", der aktuellen Entwicklung von area/code, die eben bei der Messe "Wireless Japan 2006" vorgestellt wurde, schlägt man den virtuellen Ball auf seinem Handy. Je nach Stärke des Schlags fliegt das runde Ding einige oder mehrere Meter weit und landet wie beim realen Sportereignis in einiger Entfernung. 18 Löcher sind über die ganze Stadt verteilt. Überträgt man das Ganze nun auf Tokio, dann kann einem bei dieser Vorstellung schon schwindelig werden. Trotz des simplen Prinzips darf sich der Spieler da auf einen größeren Fußmarsch durch das Großstadtdickicht einstellen, immer dem unsichtbaren Golfball hinterher.

Beim Lokalisieren kommt GPS zum Einsatz, wobei die Navigation dank einer Technologie des Unternehmens GeoVector eine individuelle Orientierung zulässt. Dazu ist eine Internetverbindung nötig, die satellitengesteuerte Software erfasst dann genau das Gebäude, auf das der Anwender mit seinem Handy zeigt. Eigentlich soll die Technik etwa das Buchen eines Hotelzimmers vereinfachen - nun wird damit Golf gespielt.

Das nächste Projekt ist schon in Arbeit: Gemeinsam mit Skyhook, einem Team, das ebenfalls an drahtloser Navigation werkelt, erarbeiten Slavin und seine Kollegen ein Spiel, das im September beim Big-Games-Festival "Come Out and Play" in New York seine Premiere feiern soll. "Wir grübeln noch über das Konzept. Sicher ist, dass es auf dem Laptop gespielt wird. Aber abhängig davon, wo man sich gerade befindet, ändern sich die Dinge", sagt Slavin. "Mit Skyhook lässt sich der Standort des Laptops nämlich mit außerordentlicher Exaktheit bestimmen", schwärmt Slavin.

"Die Türen zum Pausenhof aufgerissen"

So fortschrittlich das Ganze sein mag, im Grunde sind die "Big Games" eine Rückkehr zur Frühzeit des Spielens. Schon immer mussten sich die Menschen organisieren und treffen, um dann gegeneinander anzutreten, ob zum Boxen, für Fußball oder Tennis. Nur die Technik ist aufwendiger geworden. Area/code verfolgt im Grunde eine soziale Aufgabe: Interaktion statt Isolation - und wer an den "Big Games" teilnimmt, tut sogar etwas für seine Gesundheit. Außerdem bietet das Sich-zurechtfinden im urbanen Dschungel mit seinem Schilderwald neue Reize fürs Gehirn.

Uneigennützig sind die Stadtspiel-Entwickler aber nicht: Auf die Frage, was nun für die Zukunft geplant sei, fühlt sich Kevin Slavin wieder sofort in seinem alten Metier zu Hause, in der Werbebranche, denn letztlich soll ja Geld verdient werden: "Wir wollen unser Konzept ausbauen und Kontakte zu existierenden Medien- und Unterhaltungsstrukturen knüpfen. Seien es Fernsehkanäle, Musikfirmen oder Anbieter konventioneller Videospiele. Wir brauchen den spielerischen Dialog mit der echten Welt." Mit dem Big Game "ConQwest" etwa wurde für einen Mobilfunkanbieter geworben.

Die "Business Week" kommentierte die Pläne der spielerischen Vermarkter so: "Wenn Werbung versucht, uns alle in hungrige Kinder zu verwandeln, dann gibt uns area/code wenigstens einen Spielplatz und reißt die Türen zum Pausenhof auf."



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