Vertagt Bundesrat verlangsamt schnelles Internet

Bis Ende 2010, hatte die Regierung beschlossen, soll wirklich ganz Deutschland eine schnelle Internet-Infrastruktur bekommen - zur Not per Funk. Nun funkte der Bundesrat dazwischen. Er vertagte die Entscheidung über den Ausbau zwecks Klärung einer offen Frage: Wer soll das bezahlen?


Berlin - Der Bundesrat hat seine Entscheidung über eine bessere Versorgung ländlicher Regionen mit schnellen Internet-Verbindungen vertagt. Das Thema wurde bei der Sitzung am Freitag von der Tagesordnung genommen. Die Länder wollten zunächst mit dem Bund darüber beraten, wer die Kosten für die Umstellung trage, hieß es aus Bundesratskreisen in Berlin. Wahrscheinlich werde das Thema auf der nächsten Sitzung Mitte Juni behandelt.

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Das Bundeskabinett hatte im März beschlossen, Funkfrequenzen für Breitband-Mobilfunkanwendungen freizugeben. Die Bundesregierung will erreichen, dass schnelles Surfen im Internet bis Ende 2010 in ganz Deutschland möglich sein soll. Der entsprechenden Verordnung muss die Länderkammer aber noch zustimmen. Schätzungen zufolge sind etwa fünf Millionen Bundesbürger vom schnellen Internet abgeschnitten.

Nach Angaben des Hightech-Verbandes Bitkom gibt es in Deutschland noch rund 800 Kommunen, in denen schnelles Internet bislang nur über Satellit verfügbar ist. Diese "weiße Flecken" müssten schnell geschlossen werden. Dazu müssten die freigewordenen Funkfrequenzen genutzt werden, um ländliche Regionen mit preiswerten und schnellen Internet-Zugängen zu versorgen. Die Frequenzen werden nach Verbandsangaben derzeit kaum genutzt.

Background: Es ist weit schlechter, als zugegeben wird

Die viel beschworene DSL-Lücke beginnt darum oft schon wenige Kilometer außerhalb der größeren Ballungsräume. Als versorgt gelten Gebiete dann, wenn ihnen prinzipiell Möglichkeiten für schnelle Netzanbindungen offenstehen - ob diese dann für Verbraucher bezahlbar sind, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Telekommunikationsunternehmen bauen die Strukturen nur dann aus, wenn sich das für sie rechnet.

Beispielsweise die Deutsche Telekom bietet im ländlichen Raum eine Art "DSL Light" an (ADSL über ISDN), das weniger Ansprüche stellt, allerdings auch nur doppelte ISDN-Geschwindigkeit erreicht - und damit etwa ein 150tel von dem, was die Telekom maximal in Ballungsräumen zu bieten hat. Auch solche Angebote werden schon als Breitband-Internet gezählt und kommen der Statistik verschönernd zugute: Ohne sie stünde Deutschland im EU-Vergleich deutlich schlechter da.

DSL (kurz für "Digital Subscriber Line") ist eine Technik, bei der räumliche Nähe zwischen dem Anschluss des Endverbrauchers und der Vermittlungsstelle gegeben sein muss. DSL ermöglicht breitbandige Internet-Verbindungen über herkömmliche Telefon-Kupferkabel. Die haben aber auch Schwächen: Das übertragene Signal verliert mit wachsender Entfernung zur Vermittlungsstelle an Stabilität und Performance. Die Leitung muss direkt zur Vermittlungsstelle führen und darf nicht durch Multiplexer unterbrochen sein. Sie darf außerdem Maximallängen nicht überschreiten, derzeit ca. sechs Kilometer.

Kupferkabel übertragen die Daten auch nur auf der sogenannten letzten Meile zum Telefonanschluss: Ab Vermittlungsstelle braucht es eine Glasfaseranbindung, um die nötigen Bandbreiten zur Verfügung stellen zu können. Doch nicht nur daran kann DSL im ländlichen Raum scheitern: Verfügt die Vermittlungsstelle nicht über genügend Ports zur Anbindung der Kunden, erledigt quasi die Nachfrage das Angebot.

Seit 2006 hilft der Staat beim Ausbau der Infrastruktur finanziell nach, doch längst noch nicht genug: Im internationalen Vergleich steht Deutschlands Infrastruktur eher mittelmäßig da, der Breitband-Ausbau ist nur deshalb leicht überdurchschnittlich, weil auch die schwächlichen Light-Leitungen hinzugezählt werden.

dpa/pat



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