Virtuelle Weinprobe "Einige wollen nur die Weinkönigin sehen"

Clevere Winzer verkaufen nicht nur Spitzenweine im Internet, sie bieten auch virtuelle Weinproben an. Während eingeweihte Fachkenner per Web-Cam über Wein fachsimpeln, gesellen sich andere aus purer Neugierde ins Internet. Mit dem Konzept "Wein, Web und Chat" soll traditionellen Weinkellern offenbar der Rang abgelaufen werden.

Von Mareike Zoll


Carina Dostert wurde vor knapp einem Jahr zur Deutschen Weinkönigin 2000/2001 gekürt
DPA

Carina Dostert wurde vor knapp einem Jahr zur Deutschen Weinkönigin 2000/2001 gekürt

Hamburg - Die Zeit der muffigen Gemäuer und kalten Schemel ist vorbei. Für einen spritzigen Riesling oder vollmundigen Bordeaux begiebt sich der Weinkenner nicht mehr zum Winzer in den Keller, er öffnet seine Flasche selbst vor dem Computer und erkundet die faszinierende Welt des Weins im Cyberspace. Verkaufstüchtige Winzer nutzen die Informationsstärke des Internets aus, um mit virtuellen Weinproben Profit zu schlagen. Doch was in Deutschland seit mehreren Monaten gang und gäbe ist, bleibt jenseits des Rheins vielerorts verpönt. In Frankreich bezeichnen alteingesessene Winzer die so genannte Web-Dégustation noch als apokalyptischen Unfug.

Eine Web-Weinprobe bedarf einiger Vorbereitungen: Gläser, Korkenzieher und zuvor im Internet bestellte Probierflaschen müssen rechtzeitig vor dem Computer platziert werden. Dann schaltet sich der Weinliebhaber via Web-Cam live zu Önologen (Weinkundlern) und lauscht deren Beurteilungen und Empfehlungen. Die Zeit vergeht ratzfatz. Eben noch geschwenkt und gerochen, läuft der alkoholische Hochgenuss dem Surfer schon die Kehle herunter. Eile ist geboten, denn die Ersten haben bereits begonnen, über Gaumenfreude und weltweite Weinanbaugebiete zu plaudern. Unterdessen werden die Präferenzen der Konsumenten unauffällig erforscht. "Wein schmeckt auch vor dem Computer gut", lautet die Zauberformel vieler Weinhändler, die immer noch auf einen Goldrausch durch E-Commerce hoffen.

Bei der Online-Weinprobe kredenzt sich jeder seinen Wein selbst
GMS

Bei der Online-Weinprobe kredenzt sich jeder seinen Wein selbst

Neue "Zielgruppen erschließen" und "Verkaufskanäle unterstützen" sind in der Weinbranche offenbar keine verpönten Strategien mehr. Statt auf Exklusivität und Gemütlichkeit, setzen die Weinverkäufer zunehmend auf die Kaufkraft junger Surfer. Rainer Bormuth vom Winzerverband Rheinland-Pfalz hat aus diesem Grund vor gut einem Jahr eine Internetplattform für Winzer ins Leben gerufen. Etwa 150 Betriebe sind dort bereits aktiv. "Langfristig könnte das Internet eine wichtige Einnahmequelle werden", vermutet Bormuth. Allerdings seien die Web-Weinproben bislang noch "recht oberflächlich". Wahre Insiderstimmung komme selten auf. "Während manche Surfer Interesse am Wein äußern, wollen andere nur die Weinkönigin sehen", sagt Bormuth.

Französische Winzer halten sich von den Weinproben im Internet bewusst fern. Roland Bascot aus Beaune in Burgund hält eine "Web-Dégustation für Spielerei". Frühestens in drei bis vier Jahren sei ein derartiges Projekt in seiner Winzergemeinschaft durchführbar, schätzt er. "Bis eine Web-Cam tatsächlich so viel Charme versprüht, wie unsere Weinkeller, wird noch einige Zeit vergehen." Nichtsdestotrotz bietet Bascot Wein im Internet zum Verkauf an. Bislang sind seine Online-Kunden jedoch "fast ausschließlich junge Menschen ohne Weinkenntnis". Etwa vier Prozent seiner Anfragen kommen aus Deutschland. Die Bestellungen beschränken sich aber meist auf nur sechs bis neun Flaschen; bei weitem nicht genug, "um dem Verkauf im Laden um die Ecke den Platz streitig zu machen".

Das sinnliche Vergnügen einer Weinprobe könnte bald der Vergangenheit angehören.
AP

Das sinnliche Vergnügen einer Weinprobe könnte bald der Vergangenheit angehören.

"Die Konsumenten sind noch misstrauisch beim Kauf von Wein per Internet", glaubt auch Monique Achard von der "Académie de vin de Bordeaux". Wahre Weinliebhaber bevorzugten es nach wie vor, zum Weinhändler oder Winzer zu gehen, "um dort den Wein zu fühlen und seine Farbe zu bewundern", sagt die Mitarbeiterin des Weininstituts, das in dem größten Weinanbaugebiet der Welt für Qualitätswein liegt. Einige Weinclubs aus Bordeaux und Umgebung hätten sich zwar dem Internet angenommen, räumt Achard ein, sie hätten aber schnell gemerkt, dass sie damit noch "auf verlorenem Posten stehen".

Auch für Eva Raps vom Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter geht nach wie vor nichts über eine "gemütliche Weinprobe im Kreise von Fachkennern". Dennoch lehnt ihr Verband eine Dégustation im Internet nicht generell ab: "Das Produkt Wein braucht die Persönlichkeit des Winzers", betont die Geschäftsführerin. Diese könnte durch eine virtuelle Weinprobe zwar zu kurz kommen. Sollte sich aber mit Hilfe des Mediums eine "neue Zielgruppe" erschließen lassen, dürfte die Branche dem Trend nicht entgegenstehen.

Traditionelle Winzer können sich nicht vorstellen, dass sich durch das Internet tatsächlich ihre Welt verändern wird. Erst wenn auch das Keltern des Rebensafts und das Winzerfest im Cyberspace stattfinden können, werden sie sich möglicherweise ihren heute so fortschrittlich anmutenden Kollegen anschließen und auch auf E-Commerce als Einnahmequelle setzen.



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