Vista-Nachfolger Windows 7 bekommt iPhone-Interface

Microsoft-Chef Ballmer erlaubt erste Einblicke in das Windows der Zukunft. Per Fingerzeig statt mit der Maus soll man künftig Objekte über den Bildschirm schieben, Ordner öffnen und Aktionen auslösen. Hört sich an wie eine Kopie von Apples iPod-Oberfläche, ist aber doch ganz anders.

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Die künftige Windows-Benutzeroberfläche wird sich deutlich von dem unterscheiden, woran Anwender bis heute gewöhnt sind. Im Rahmen der Branchenkonferenz "D: All Things Digital" haben Microsoft-Gründer Bill Gates und Firmenchef Steve Ballmer dem Publikum einen ersten Blick auf neue Funktionen des Vista-Nachfolgers gewährt. Ganz ähnlich wie Apples iPhone oder der MP3-Player iPod touch soll man die Benutzeroberfläche künftig mit den Fingern statt mit der Maus steuern können.

Wie man sich das künftig vorstellen könne, zeigte die Microsoft-Managerin Julie Larson-Green. Sie demonstrierte eine bunte Mischung aus Funktionen, die man vom iPod touch und dem iPhone kennt. Da wurden Bilder rotiert, per Fingerzeig vergrößert, verkleinert und umsortiert, ganz wie man es auch aus den Apple-Demos für das iPhone kennt. Vor allem aber war es der Managerin wichtig zu zeigen, dass der Bildschirm tatsächlich die Bewegungen mehrerer Finger gleichzeitig auswerten kann. Wie mit digitalen Fingerfarben malte sie auf dem Bildschirm.

Das erinnert in vielerlei Hinsicht an das, was man schon von Apple kennt, doch gibt es einen wichtigen Unterschied zur Apple-Technologie: Während das Unternehmen um Steve Jobs in seine iPhones und iPods spezielle Multitouch-Bildschirme einbaut, wird Microsofts Mehrfingerbedienung auch mit herkömmlichen, sogar mit bereits eingeführten berührungsempfindlichen Displays funktionieren. Quasi als Beweis wurde Microsofts Touch-Interface auf einen ganz normalen Dell-Laptop mit Touchscreen gezeigt. Das lässt hoffen, dass die Fingerbedienung kein teures Extra, sondern ein massentaugliches Standard-Feature wird.

An der Umsetzung dieser Idee arbeitet der Konzern schon seit Jahren. Enthusiastisch führte Microsoft 2001 die sogenannten Tablet PCs ein. Doch den elektronischen Schreibtafeln, letztlich nichts anderes als Notebooks mit drehbaren Touchscreen, blieb bis heute der große Durchbruch versagt. Wohl auch, weil es an Anwendungen mangelt, die den berührungsempfindlichen Bildschirm wirklich ausnutzen können.

Gleichzeitig entwickelte die Firma das Konzept eines Tisch-PCs, des sogenannten Surface Table, dessen Kernstück ebenfalls eine fingerbedienbare Benutzeroberfläche, Microsoft Surface genannt, ist. Allerdings wird hier die gesamte Oberfläche eines Tisches zu Bildschirm und Eingabemedium zugleich. Erste Exemplare dieses Computertisch-Tischcomputers sollen in der Spielerstadt Las Vegas in Casinos als elektronische Spieltische zum Einsatz kommen.

Ein Problem bleibt allerdings bislang ungeklärt: Wie soll man einen Touchscreen im Alltag sinnvoll bedienen? Julie Larson-Green ist zwar überzeugt, dass die Fingerbedienung "viel schneller als mit einer Maus" vonstatten geht, und mag damit auch Recht haben - einige Fragen bleiben jedoch ungeklärt.

So zum Beispiel, wie ein solcher Touchscreen künftig aufgestellt werden soll. Steht er senkrecht vor dem Nutzer, so wie aktuelle Monitore, dürfte der Arm schneller erlahmen, wenn man ständig mit ausgestreckter Hand auf der Bildfläche herumrührt. Liegt das Display dagegen flach oder angeschrägt auf dem Schreibtisch, verfällt man in eine unnatürlich gekrümmte Kopfhaltung, Kopfschmerzen sind vorprogrammiert. Überdies würde einer solchen Konstruktion der Platz für eine Tastatur fehlen.

Elektronik statt Mechanik

Doch auch die könnte man ersetzen. Das One-Laptop-per-Child-Projekt macht vor, wie so etwas aussehen könnte. Deren nächster Dritte-Welt-PC soll mit zwei Touch-Displays ausgestattet werden, wobei der untere über eine eingeblendete Tastatur als Eingabefläche dienen könnte. Dieses Prinzip ließe sich problemlos auch für künftige Windows-7-Computer umsetzen. Vielschreiber allerdings würden eine solche Bildschirmtastatur, die keinen fühlbaren Druckpunkt ausweist, hassen.

Aber auch an der Lösung dieses Problems wird schon gearbeitet. Bei der Immersion Corporation hat man ein System entwickelt, dass Anwendern von Touchscreens ein sogenanntes taktiles Feedback gibt, sie also mit den Fingern spüren lässt, dass sie beispielsweise ein bestimmtes Symbol auf dem Bildschirm berührt haben. Noch aber steckt diese Technologie in den Kinderschuhen, bringt kaum mehr als ein seichtes Vibrieren zustande und ist zudem nur mit speziellen Displays realisierbar.

Ausblick in eine mauslose Zukunft

Doch noch haben die Entwickler ja etwas Zeit, sich etwas einfallen zu lassen. Nach aktuellem Stand der Dinge will Microsoft Windows 7 gegen Ende 2009 veröffentlichen. Bis dahin, daran lässt der Konzern keinen Zweifel, wird es nur spärliche Informationen über das nächste Windows geben. Offenbar haben die Strategen in Redmond aus dem Vista-Debakel gelernt. Schon Jahre vor dessen Veröffentlichung, als der XP-Nachfolger noch als "Windows Longhorn" bezeichnet wurde, kursierten detaillierte Funktionsbeschreibungen im Web und in der Presse, schürten eine enorm hohe Erwartungshaltung.

Diese frühe Offenheit scheint man nun bei Microsoft für einen Fehler zu halten, will künftig vorsichtiger mit Informationen umgehen. Nur einer versteht es weiterhin trefflich, seine Kunden auf eine rosige PC-Zukunft einzuschwören. Der im Juli scheidende Microsoft-Vorsitzende Gates bezeichnete die neue Benutzeroberfläche als einen ersten Schritt einer Evolution weg von der Maus. "Heute findet fast die gesamte Interaktion mit dem PC per Tastatur und Maus statt", sagte Gates. Doch nach seiner Meinung wird "in den kommenden Jahren die Rolle von Sprache, Blicken und Schrift zunehmen - und große Veränderungen bringen".

Doch jetzt kommt erst mal die Fingerbedienung. Als erster Schritt in eine mauslose Zukunft, sozusagen.



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