"Voice over IP" Die Zukunft gehört der Internet-Telefonie

Seit Jahren versprechen die Entwickler den Beginn einer neuen Ära: Das Telefonieren übers Internet soll weltweite Ferngespräche zum Ortstarif ermöglichen, doch noch kämpfen die Hersteller der Voice-over-Internet-Protokoll-Technik (VoIP) mit nicht unerheblichen Problemen.

Von Niels Gründel


Callcenter: Die Kosten der Servicetelefone ließen sich durch VoIP drastisch reduzieren
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Callcenter: Die Kosten der Servicetelefone ließen sich durch VoIP drastisch reduzieren

Vor allem für Unternehmen besteht der Vorteil der Voice-over-IP-Technologie darin, dass nur ein einziges Netz zur Übertragung von Sprache und Daten benötigt wird. Telefoniert wird dabei über den Computer, entweder mit Headset oder Telefon. Trotzdem ist es möglich, gleichzeitig zu telefonieren und mit dem eigenen Personalcomputer im firmeneigenen Netzwerk Daten zu übermitteln.

Nach der alten Technik sind stets zwei Leitungen notwendig: Zum einen das herkömmliche Telefon, das an der firmeninternen Telefonzentrale, und zum anderen der PC, der an einem firmeneigenen Server hängt. Beide müssen separat verkabelt werden.

Doch das sind nicht die einzigen Vorteile von "VoIP"-Lösungen. Voice over IP senkt nicht nur die direkten Verbindungskosten, es hat auch das Potential, mehrere Gespräche über eine einzige Leitung zu "bündeln". Während man bei der klassischen Telefonie im Grunde zwei Leitungen für die Dauer des Gespräches fest "mietet" (von A nach B und zurück), setzt VoIP auf Internet-Protokollen auf und "zerhackt" die Sprachinformation zu Päckchen. Vorteil: Selbst über eine einzige analoge Leitung lassen sich so die Sprachdaten mehrerer Gespräche paralell übertragen.

Und es geht noch weiter: Mit der IP-Telefonie können sich Unternehmen zwar nicht den Aufbau eines eigenen Netzwerkes für Ihre Hardware ersparen, doch in Zukunft entfällt das teure Nachrüsten der Telefonanlagen. Stattdessen wird das Telefon der Zukunft ein einfaches Netzgerät, und nur die Server-Software bedarf noch regelmäßiger Updates.

Marktführer im Bereich der Internet-Telefonie ist derzeit das Unternehmen Net2Phone. Im letzten Jahr machte die Firma einen Umsatz von immerhin rund 60 Millionen Mark - und fuhr Verluste von rund 40 Millionen Mark ein. Der Gesamtumsatz der jungen VoIP-Branche wird vom Marktforschungsunternehmen International Data Corp. (IDC) auf rund 480 Millionen Dollar für 1999 geschätzt. Binnen fünf Jahren soll der Umsatz auf satte 19 Milliarden Dollar steigen.

Drei Milliarden für ein Defizit-Unternehmen?

Eine Mondzahl? Die großen Telekommunikationsunternehmen sehen die "kleinen Konkurrenten" durchaus als ernstzunehmende Bedrohung ihrer Stammmärkte. AT&T, Amerikas größter Telekommunikationsdienstler investierte präventiv in Net2Phone - und ließ sich 32 Prozent der Aktien stolze drei Milliarden Mark kosten. Mittelfristig will AT&T diesen Aktienanteil auf 39 Prozent ausbauen. Auch AOL und Yahoo investierten in Net2Phone-Anteile: das VoIP-Unternehmen gilt selbst in Zeiten der Internet-Ernüchterung noch als echter Tipp.

Wenn das Potential alsoso groß ist, was behindert noch den Durchbruch der VoIp-Technologien? Das Hauptproblem ist im Moment das mangelnde Zusammenwirken der unzähligen Produkte. Und dieses beruht auf dem viel zu unscharf gefassten Standard "H.323" der International Telecommunications Union (ITU), der als Basis für die Interoperabilität für Produkte von verschiedenen Herstellern dient.

Bei der Verabschiedung war man noch davon überzeugt, dass der Standard die Hersteller bei ihren Entwicklungen zur Unterstützung von kompatiblen Voice-Produkten verpflichten würde. Tatsächlich wurde dabei aber übersehen, dass gewisse Punkte gar nicht geregelt sind: Heute gibt es zu viele Interpretationen von H.323, die sich in zu vielen Details unterscheiden.

In der Praxis bedeutet dies, dass die Anwender im firmeneigenen Netzwerk zwar jederzeit problemlos über VoIP Gespräche führen können, doch sobald das Gespräch in ein Fremdnetz geht, funktionieren viele Leistungsmerkmale wie Anklopfen oder Rufnummernerkennung nicht. Oft - und das betrifft auch Privatanwender - bleiben die Telefonate auch eine "Einbahnstraße" oder die Verbindung wird ganz abgebrochen - spätestens dann, wenn der gesprächspartner auf fünf-, sechmaliges "Hallo?" keine Antwort erhält. Da wird die VoIP-Telefonie schnell zum "anonymen Anruf".

Den VoIP-Vorreitern unter den Unternehmen und Privtanwendern bleibt so nichts, als die herkömmliche Telefonanlage bis zu einem nahtlosen Übergang erst einmal weiterzubetreiben.

In Zukunft abhörsicher

Internet-Telefonie ist interessant für Kunden, die häufig Ferngespräche führen. Neue Verschlüsselungstechniken sollen die IP-Telefonie zudem abhörsicher machen
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Internet-Telefonie ist interessant für Kunden, die häufig Ferngespräche führen. Neue Verschlüsselungstechniken sollen die IP-Telefonie zudem abhörsicher machen

Einen neuen Schub erhält die Internet-Telefonie aber gerade durch die nächste Generation des IP-Protokolls IPv6. Im Vergleich zur Vorgängerversion beinhaltet die Fortschreibung einen nahezu unendlich erweiterten Adressraum, eine Bandbreitenreservierung und durch eine eingebettete Verschlüsselung erstmals das Potential für gesicherte Gespräche.

Auch wenn viele Anbieter schon angetreten sind, den großen Telekommunikationsfirmen mit sehr niedrigen Gebühren die Kunden abzujagen, so stecken sowohl VoIP als auch IPv6 noch am Anfang ihrer Implementierung. Beide Technologien werden wahrscheinlich zusammen auf Erfolgskurs gehen.

Von den Problemen abhalten lässt sich bei dem ausgemachten Milliardenmarkt so schnell niemand: So bietet Siemens, um den Weg ohne Neuinvestition in die "New World" zu ebnen, einen kostengünstigen Plug-and-Play-IP-Adapter, der die bereits 7,5 Millionen ausgelieferten "optiset E-Systemtelefone" zu echten IP-Telefonen macht.

Net2Phone hat seine Software bereits als neuen Bestandteil im Netscape Navigator 6, Preview Release 1 Anfang April präsentieren können. "Das erste Mal können Internet-User rund um die Welt direkt Anrufe aus ihrem Browser tätigen. Ein Button in der Personal Toolbar des Netscape Navigator ist von höchster Wichtigkeit für das Internet, und wir freuen uns sehr über die Integration in Netscapes Browser", schwärmt Howie Balter von Net2Phone.



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