Wandel im Wohnzimmer Das Verschwinden der Stereoanlage

In den Wohnzimmern hat ein technischer Generationswechsel begonnen: PC-Technik und Pantoffelkino üben Kooperation – und die Stereoanlage wird zum Relikt. Die andere Technik verändert auch den Umgang mit der Ware Musik.
Von Michael Voregger

Der Speicher des Handys ist randvoll mit aktuellen Musikstücken im MP3-Format, und die lassen sich nicht nur unterwegs anhören. Per Bluetooth wird der Sound in perfekter 5.1-Surround-Qualität zum Fernseher mit angeschlossenem Verstärker und Boxensystem übertragen.

Das ist keine Zukunftsmusik, sondern technisch längst möglich, auch wenn es bisher nur wenige Menschen praktizieren dürften. Allerdings rücken Fernsehanlage und Computer immer mehr in den Mittelpunkt der heimischen Audio-Unterhaltung, wo bisher überdimensionale Hi-Fi-Türme die Wohnzimmereinrichtung beherrschten. Die musikalischen Monumente aus Receiver, CD-Player, Radio, Kassettendeck und Verstärker haben noch nicht ausgedient - aber sie sind Auslaufmodelle.

In den Vereinigten Staaten gingen die Umsätze mit den klassischen Abspielgeräten im ersten Halbjahr 2003 um ein Drittel zurück, in den letzten fünf Jahren ist der Umsatz auf ein Zehntel geschrumpft. Dabei wird nicht weniger Musik gehört, allein die Wege von der Signalquelle zum menschlichen Ohr haben sich geändert.

Digitalisierung macht es möglich, Musik auf allen Computern zu speichern und auch abzuspielen. Chiptechnik macht immer mehr Geräte zu "Computern" und damit auch zu potenziellen Stereoanlagen. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob es sich um Handy, Laptop oder Organizer handelt. Der Hauptkonkurrent der klassischen Stereoanlage aber steht unter dem Fernseher.

DVD: die "Killer-Applikation"

Mehr als fünf Millionen DVD-Player stehen inzwischen in deutschen Wohnzimmern, und die kleinen Kisten können weit mehr, als "nur" bewegte Bilder abspielen. Sie sind wahre Künstler bei der Verarbeitung verschiedener Formate: Egal, ob der Sound als MP3, WAV oder als selbst gebrannte Audio-CD vorliegt, DVD kann's. Schon halten Soundformate wie Ogg Vorbis Einzug, und natürlich bedienen mittlerweile selbst Billig-Player die Lieblings-Brennformate der Filmdownloader: SVCD und DivX sind schon fast Standard. Damit kann der DVD-Player deutlich mehr als seine technischen Vorfahren Videorekorder und Stereoanlage - und entpuppt sich als entsprechend attraktiv.

Die Abspielgeräte haben Konjunktur, die Verbraucher gaben allein in den ersten sechs Monaten 2003 mehr als 274 Millionen Euro dafür aus. Eine Steigerung von 17 Prozent zum Vorjahr. Das - zumindest in diesem Segment - traditionell gute Weihnachtsgeschäft ist dabei noch nicht berücksichtigt.

"Ob Fernsehgerät oder DVD-Spieler, Satellitenempfangsanlage, Camcorder oder Hi-Fi-Anlage - Geräte der Unterhaltungselektronik sind in den europäischen Haushalten nach wie vor gefragt. Rund 240 Euro gab der durchschnittliche europäische Haushalt im vergangenen Jahr für diese Geräte aus", heißt es in einer Presseerklärung der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) über das Jahr 2002. Dass Deutschlands Verbraucher dabei gegen den Trend und unterdurchschnittlich wenig ausgeben, sagt weniger über deren Kaufverhalten, als etwas über die Preise in deutschen Elektronik-Läden.

Zurzeit stehen bei den Käufern vor allem DVD-Player, Camcorder und Breitbildfernseher auf dem Wunschzettel. CD-Player und einzelne Bausteine für die Stereoanlage folgen abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Ihre Qualitäten kann die digitale Technik vor allem im Wohnzimmer ausspielen, wo sie die elektronischen Unterhaltungsgeräte ergänzt oder sogar vollständig ersetzt.

"Streaming" für den Hausgebrauch

Das hat weit reichende Implikationen, die sich für die Musikindustrie in Umsatzrückgängen und Stellenstreichungen ausdrücken. Denn Musik wird in mehr als nur einer Hinsicht "anders" konsumiert. Während die Hardwarehersteller vom Digital-Musikboom profitieren, verdient die Musikindustrie daran herzlich wenig.

Denn in vielen Fällen führt der Weg der Musikdaten von der Festplatte des Computers über selbst gebrannte CDs oder DVDs ins heimische Wohnzimmer. Und mittlerweile gibt es weit bequemere technische Lösungen, die Video- oder Musikdateien blitzschnell per Netzwerk vom PC auf den Fernseher oder die Hi-Fi-Anlage zaubern.

"Diese Streaming-Boxen bestehen im Wesentlichen aus einem Netzwerk-Adapter. Sprich: Sie empfangen das Ganze, was sie auf den Fernseher oder die Stereo-Anlage geben sollen, per Kabelnetzwerk oder in manchen Fällen sogar per Wireless LAN, also per Funk", erklärt Volker Zota, Redakteur beim Computermagazin c't. "In den Boxen steckt ein kleiner Chip, der dafür verantwortlich ist, eben bestimmte Audio- und Videoformate zu dekodieren und sie dann über die üblichen Analogleitungen zum Fernseher oder der Hi-Fi-Anlage weiterzureichen".

Noch einfacher ist es, den eigenen Rechner gleich neben dem Fernseher aufzustellen. Quadratisch, praktisch, stilvoll und vor allem schön leise sind die Kleinstrechner, die man sich ins Wohnzimmer oder ins Büro stellen kann.

Gernot Knapp aus Tamm hat so einen Computer entwickelt. Die schwarze Kiste gleicht einem etwas zu groß geratenen CD-Player und fügt sich optisch anstandslos in das Fernsehregal ein. Festplatte und Lüfter werkeln zunächst mit erhöhter Lautstärke. Erst als die Betriebstemperatur nach einigen Sekunden erreicht ist, dringt kein störendes Geräusch mehr nach außen. "Ursächlich für die Entwicklung war eigentlich persönlicher Ärger, dass die Geräte sich im Wohnzimmer stapeln. Und dann noch einen Computer aufstellen, so eine hässliche graue Kiste?", sagt der Entwickler.

Gestiegene Ansprüche

Der Wunsch nach einem PC neben dem Fernseher ist nicht exotisch. DVDs anschauen, MP3s hören und zwischendurch im Netz surfen, das möchte man auch vom Fernsehsessel aus tun. Dabei beherrscht der Rechner auch das zeitversetzte Aufnehmen, bei dem der Zuschauer seine Lieblingssendung bereits anschauen kann, während sie noch aufgezeichnet wird. Die Kapazität der eingebauten Festplatte reicht für bis zu 30 Filme in bester digitaler Qualität. Mit dem eingebauten CD-Brenner können die Lieblingsfilme und Musikstücke auf einem Datenträger gespeichert werden. Zum Glück der multimedialen Anwender fehlen nur noch ein leistungsfähiger DVD-Brenner und ein guter Preis, denn die 1200 Euro schrecken viele Käufer ab.

Mit dem zunehmenden Download einzelner Songs verändern sich auch die Hörgewohnheiten. Seit der Einführung der Langspielplatte 1950 mühen sich die Musiker um die Zusammenstellung eines Gesamtkunstwerkes namens "Album", dass durch die Anordnung einzelner Songs und die Gestaltung des Covers entsteht. Mit den winzigen Booklets einer CD hat sich die Bedeutung des Covers bereits in Wohlgefallen aufgelöst. Das wohl durchdachte Album könnte das nächste Opfer der technischen Entwicklung sein. Zumal auch die Musikindustrie hier ihren Teil beiträgt, denn nichts ist für den Musikliebhaber ärgerlicher, als neue Veröffentlichungen, die mit musikalischer Qualität geizen und nur wenig akzeptable Stücke anbieten.

DVD-Playern und Computern ist es zumeist egal, wie der gebrannte Rohling zustande kam und ob der Anwender einen Kopierschutz umgangen hat. Per Mausklick oder Fernbedienung können in Sekunden Playlisten der gespeicherten Songs zusammengestellt und abgespielt werden. Die Musikindustrie reagiert mit gewohnter Behäbigkeit auf die technologische Entwicklung und mit der Forderung nach weiteren Kopierschutzgesetzen. CDs sind immer noch zu teuer, Kopierschutzmaßnahmen lassen sich weiterhin umgehen, die Musik zum legalen Download ist kostspieliger als ein gekauftes Album und die Qualität der Neuerscheinungen lässt zu wünschen übrig - alles Kritikpunkte, die dem Trend zum digitalen Entertainment-Center im Wohnzimmer Flügel verleihen.

Nur die Seele kommt dabei ein wenig kurz, bemängeln Nostalgiker: Wer das Knacken und Knistern seiner ersten selbst gekauften Vinylscheibe hören möchte, der ist weiterhin auf einen klassischen Plattenspieler angewiesen. Neuere Produktionen hingegen kann man digital mit Vinyl-Knistern aufhübschen, wenn man will - per Software.

Mehr lesen über