Web-Filter Die Schere im Rechner

Das Internet soll selbst für Eltern zur sorgenfreien Zone werden. Eine neue Software, maßgeschneidert nach den Wünschen der Anwender, blockiert Sex-, Gewalt- oder Drogen-Seiten. Damit das klappt, müssen Homepage-Betreiber ihre Inhalte allerdings selbst kennzeichnen.


Schnipp: Filter schneiden aus dem Web, was Kind (oder Angestellter) nicht sehen soll
[M] DPA

Schnipp: Filter schneiden aus dem Web, was Kind (oder Angestellter) nicht sehen soll

Wer früher Filter-Software fürs Internet nutzte, ärgerte sich oft genug schwarz. Wer etwas über das südenglische Middlesex erfahren wollte, konnte schnell an den plumpen Voreinstellungen der Programme scheitern. Schließlich machten die drei letzten Buchstaben aus einer Grafschaft bei London einen potenziellen Kinderverderber. Und der wurde blockiert.

Jetzt steht ein neues Programm in den Startlöchern, das solche Fehler vermeiden und Kinder im Internet dennoch lückenlos schützen soll.

ICRAplus heißt die Filter-Software, und auch gestresste Eltern sollen in der Lage sein, sie einzusetzen. Der Grundgedanke: Während der Internet-Nutzer einen Filter einsetzt, kennzeichnen auch die Website-Betreiber ihre Seite und sorgen so für eine Kategorisierung ihres Angebotes.

ICRA schafft ein Web im Web

Der beschreibt anhand eines Fragenkatalogs, was auf seiner Seite zu sehen ist. Dabei geht es um Nackt- und Gewaltdarstellungen, Sprachgebrauch, Tabak oder Alkohol. Diese Seitenbeschreibung wird in den Quellcode der Internetseite geschrieben ("gelabelt") und durch die Filter-Software erkannt und gelesen. Das Programm filtert ausschließlich Angebote des World Wide Web, aber keine Newsgroups.

Auf der anderen Seite installieren die Internet-Nutzer ICRAplus auf ihrem Rechner, und das Programm lässt nur noch dem Anwender genehme Angebote passieren. Die Eltern klicken selbst an, welchen Inhalten sie ihre Kinder aussetzen wollen. Wer nicht etliche Fragen einzeln beantworten möchte, kann auch Voreinstellungen auswählen, die Organisationen ihres Vertrauens zuvor erstellt haben.

Klingt gut, aber die Bewährungsprobe steht dieser Filter-Software noch bevor. Schließlich hängt vieles davon ab, ob die Anbieter mitspielen. Ihnen ist es überlassen, wahrheitsgemäß die Inhalte ihrer Seiten zu beschreiben.

Was für Eltern Warnung ist, ist für Sexsucher Werbung

Entwickelt hat das Programm die Internet Content Rating Association (ICRA), eine internationale Non-Profit-Organisation. Aus Sicht von Phil Archer, dem

Technischen Direktor von ICRA, sind falsche Kennzeichnungen insbesondere durch Sex-Anbieter kein Problem: "Die Sex-Sites wollen ja, dass möglichst viele Nutzer wissen, was auf ihren Internetseiten zu sehen ist." Das so genannte Self-Labeling sei also in ihrem Sinne. Seit Beginn der Probephase vor einem halben Jahr gebe es keine Beschwerden von verärgerten Eltern.

Hinter der ICRA stehen Fördergelder vieler Internet-Konzerne, unter anderem Microsoft, AOL, T-Online und Yahoo. Dazu kommen Mittel der EU. In Deutschland vertritt der Verband der Deutschen Internetwirtschaft (Eco) die ICRA.

"Fünf Prozent der Internetseiten wickeln 95 Prozent des Internet-Verkehrs ab", sagt Thomas Rickert von Eco. Deswegen sei die Mitarbeit vieler kleiner Website-Betreiber nicht unbedingt nötig. Vor allem die großen Unternehmen müssen beim neuen Filter-Programm mitziehen. Phil Archer gibt zu: "Auch in zehn Jahren werden nicht alle Internetseiten gekennzeichnet sein."

Doch ICRAplus verlässt sich ja auch nicht ausschließlich auf die freundliche Kooperation, die nicht von jedem Smut-Anbieter erwartet werden kann. Ergänzend greift die ICRA-Software auf die Programme "Filterix" und "Optenet" zurück, weitere Filter können frei inkooperiert werden.

Einschränkungen der Meinungsfreiheit im Internet befürchten die Macher von ICRAplus derweil nicht. Im Gegenteil: Schließlich bestimmten die Nutzer selbst, welche Seiten sie zu sehen bekommen. Im digitalen Nirvana verschwindet keine der ausgefilterten Seiten, vielmehr wird dem User gemeldet, dass und warum eine Seite nicht angezeigt wird. Rechts neben der Filtermeldung: Ein Eingabefenster für ein "override"-Passwort, mit dem man auch ausgefilterte Seiten jederzeit anzeigen lassen kann (und das man den lieben Kleinen natürlich nicht mitteilt).

Die Hersteller der Filter-Software wollen mit ihrem Programm auch den deutschen Gesetzgeber erfreuen. Seit April gelten neue Regelungen zum Jugendmedienschutz. Bisher hat noch kein Programm die Hürden der Anerkennung durch die zuständige Kommission genommen. ICRA und Eco wollen die Ersten sein.

Einige Vorzüge hat ICRAplus: Es ist sowohl für Webmaster als auch für Internet-Nutzer kostenfrei. Zudem ist es weltweit einsetzbar, weil Sprachbarrieren durch die Selbstkennzeichnung der Seiten entfallen. Middlesex könnte also bald auch bei Kindern bekannter werden.

Matthias Lohre



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