Web-TV Der Fernsehturm in der Telefondose

Immer größere Bandbreiten machen das Internet zu einem ernsthaften Konkurrenten für TV-Kabel und Satellit. Es kann weit mehr als Sender live streamen: Per Mausklick könnten Zuschauer auch Zugriff auf alle Sendungen vergangener Tage bekommen.

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Als die ersten Bewegtbilder im Internet auftauchten, wurden sie von den meisten belächelt. Dieses unscharfe Gewackel im Briefmarkenformat sollte die Zukunft des Fernsehens sein? Zuschauer und TV-Manager wandten sich angewidert ab. Mittlerweile dürfte der Hochmut verschwunden sein. Die zunehmende Verbreitung von DSL-Anschlüssen und die sinkenden Traffic-Kosten machen die einst belächelte Vision vom Internetfernsehen wahrscheinlicher denn je.

Software OnlineTV 2: Sendepause im Netz beim ZDF

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Bestes Beispiel dafür ist die britische Senderkette ITV. Seit einigen Wochen senden zwei Lokalstationen - Hastings TV und Brighton TV -, testweise ihr Programm in bestechend guter Qualität über das Internet. Die Berichte über Schweinezucht auf einer Farm bei Brighton oder den Halbmarathon in Hastings mögen außerhalb Südenglands kaum jemand interessieren - sie begeistern aber durch ihre vergleichsweise hohe Auflösung und gute Tonqualität. Selbst im Full-Screen-Modus sieht man kaum Kompressionsartefakte.

Mit einer schnellen DSL-Leitung ist Fernsehen über Internet technisch kein Problem mehr, wie der Videoexperte Nico Jurran von der Computerzeitschrift "c't" erklärt: "Ab einer Datenrate von 1,5 bis 2,0 MBit/s erreicht das übertragene Video etwa DVD-Qualität". Schnelle DSL-Anschlüsse bieten Downloadgeschwindigkeiten von 5 MBit/s und mehr. Engpässe könnten also am ehesten noch beim Streamingserver auftreten, der im ungünstigsten Fall jeden einzelnen Zuschauer direkt mit Datenpaketen beliefern muss.

Einen derartigen Flaschenhals will die altehrwürdige BBC mit intelligenter Verteilung nach dem P2P-Prinzip vermeiden. Mit dem Interactive Media Player, kurz iMP, können Zuschauer alle Sendungen der vergangenen sieben Tage schauen. Gewählte Sendungen werden nicht gestreamt, sondern als Datei herunter geladen. Der Download geht dank File Sharing sehr flott. User laden ihren gewünschten Film parallel bei mehreren anderen iMP-Kunden herunter, die den Film bereits auf Platte haben.

Film zerstört sich selbst

Im Unterschied zu KaZaA & Co. sind die Videos jedoch mit einem Digitalen Rechtemanagement (DRM) geschützt. Man kann sie sich zwar beliebig oft anschauen, allerdings nur innerhalb von sieben Tagen nach der Live-Ausstrahlung. Danach zerstört sich die Datei quasi selbst.

Was die BBC derzeit mit einer beschränkten Nutzergruppe testet, könnte sich schon bald zu einer neuen Fernsehgewohnheit für viele Zuschauer entwickeln: Dann eine Sendung sehen, wenn man Zeit hat und nicht dann, wenn sie gerade läuft. Und den Film, von dem alle Kollegen am Morgen geschwärmt haben, sich einen Tag später anschauen.

IMP ist im Grunde nichts anderes als ein digitaler Videorecorder, wie die in den USA weit verbreiteten Tivo-Geräte. Mit zwei Unterschieden: Die Festplatte steckt in einem Server der BBC und nicht im Tivo-Gerät zu Hause. Und iMP nimmt nicht nur ein paar Sendungen aus dem BBC-Programm auf - sondern jede der vergangenen sieben Tage.

Dass Videos bei iMP nach einer Woche nicht mehr angeschaut werden können, ist unschön, muss aber kein Dauerzustand bleiben. Denkbar sind beispielsweise Abo-Modelle, die Aufnahmen dauerhaft frei schalten oder das Brennen auf DVD erlauben - mit DRM-Software ist derartiges kein Problem.

Quicktime, Real Media oder Windows Media?

Eine Schwierigkeit, mit dem das Fernsehen aus dem Netz derzeit zu kämpfen hat, sind die konkurrierenden Streaming-Formate. Ob Microsoft, Apple oder Realnetworks - jeder kocht sein eigenes Süppchen. Um möglichst alle Angebote sehen zu können, muss der Zuschauer Player für Quicktime, Real Video und Windows Media installiert haben - möglichst immer in der aktuellsten Version. Ein einheitlicher Standard existiert nicht. Einen Ausweg zeigt die Software OnlineTV 2, die gleich alle drei Player einbindet, um dem Nutzer das nervige Öffnen diverser Wiedergabeprogramme zu ersparen.

Ob sich Fernsehen über Internet durchsetzt, hängt aber auch davon ab, ob die Bild- und Tonqualität stimmt. Die Folgen einer zu starken Kompression kann man beispielsweise beim Webangebot von N24 besichtigen: Das Bild ist zwar ganz ansehnlich und wird immerhin mit einer Auflösung von bis zu 640 mal 480 Pixeln ausgeliefert, dafür klingt der Ton regelrecht gequetscht.

Datenkompression ist ohnehin ein zweischneidiges Schwert. Einerseits dampfen moderne Verfahren wie MPEG-4 oder H.264 den Bilderstrom erstaunlich ein, andererseits erhöhen sie aber den Rechenaufwand beim Auspacken. Je stärker ein Film komprimiert ist, umso mehr Leistung wird von den Prozessoren bei der Wiedergabe verlangt.

Wer Bandbreite sparen will, kann dies am leichtesten über die Bildgröße tun. Statt mit der Pal-Auflösung von 720 mal 576 übertragen viele Web-TV-Anbieter höchstens 320 mal 240 Punkte - das entspricht nicht einmal dem Video-CD-Standard von 352 mal 288. Auf einem hochaufgelösten Computermonitor erinnern solche Videos dann irgendwie doch wieder an die Briefmarkenfilmchen aus den Anfangstagen des Webfernsehens.

Die mehreren Hundert Web-TV-Kanäle, die man beispielsweise mit der Software OnlineTV 2 schauen kann, senden fast sämtlich in derartig niedriger Auflösung. Das reicht als nette Nebenbei-Unterhaltung - Fernsehen kann man das jedoch kaum nennen.

Superscharfes mit ADSL2

Umso ehrgeiziger erscheint da das Vorhaben, bald auch HDTV-Streams über Internet zu verbreiten. ProSieben und Sat.1 strahlen ihr Programm via Astra-Satellit bereits in der Auflösung von 1920 mal 1280 Punkten aus - Zuschauer gibt es mangels HD-fähiger Settopboxen jedoch vorerst keine. Die dringend benötigten Boxen soll es angeblich ab Anfang Dezember geben, wenn Premiere seine drei HD-Kanäle starten will - ebenfalls über Astra.

Das Internet böte sich als zusätzliches Medium an, das schnell auch die Zuschauer erreichen könnte, die keinen Satellitenanschluss haben. Allerdings haben die deutschen HDTV-Kanäle eine fünfmal so hohe Auflösung wie Standard-Pal-Fernsehen. Entsprechend höher ist auch die HDTV-Datenrate: 6 bis 8 MBit/s, oder gar noch mehr.

So schnelle Anschlüsse haben bislang nur wenige DSL-Kunden in Deutschland - zum Surfen allein sind sie völlig überdimensioniert.

Kein Wunder, dass DSL-Anbieter wie Arcor, T-Online oder Hansenet kräftig für Internet-TV trommeln. Das Fernsehen aus der Telefondose könnte zum schlagkräftigsten Verkaufsargument für teure Highspeed-Anschlüsse werden, etwa ADSL2 mit bis zu 16 Mbit/s.

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