WEBDESIGN Rekorde der Ignoranz

Trotz Globalität und Geschwindigkeit des Internet hat sich die hohe Kunst des Webdesigns noch kaum nach Deutschland mitgeteilt.

Das angesehene US-Webzine "Atlas" , bekannt für seine brilliante Kombination von qualitativ hochwertigen Inhalten und innovativem Einsatz von Web-Technologie, führt eine wöchentlich aktualisierte Liste von "Best Uses of the Web" namens "Cybordello" . Bislang firmiert nur einer der dreißig Einträge unter einer ".de"-Domäne: "4rk" .

Ein weiterer typischer Fall von US-Zentrismus? Es ist kaum überraschend, daß die zahllosen Listen von "Cool Sites of the Day"  und die typischerweise mit amerikanischen Prominenten aufgepeppten Preisverleihungen für Webdesign  nahezu ausschließlich US-Sites vorstellen. Aber gibt es nicht eine Reihe von deutschen Unternehmen und Einzelpersonen, die eifrig gute Arbeit leisten, und deren Produkte einfach die verdiente Aufmerksamkeit nicht bekommen haben?

Wenn man sich bei "4rk", deren Kundeliste "Nivea"  und "Blond Magazine"  umfaßt, nach einer Antwort umsieht, trifft man auf ein halb deutsches, halb amerikanisches Team. "Bei allem Respekt vor den deutschen Agenturen - ich glaube nicht, daß es in Deutschland erstklassige Webdesign-Agenturen gibt", sagt "4rk"s Jeremy Abbett, einer der Amerikaner. "Mir fällt keine in Deutschland gestaltete Website ein, die ich regelmäßig wegen ihres Designs aufsuche."

"Da sind uns die USA um Meilen voraus", bestätigt Ralph Segert aus deutscher Sicht. Segerts eigene Projekte, die unter der URL "Rare.de"  zusammengefaßt sind, haben für ihren schlanken, dunklen Minimalismus, der sich deutlich von "4rk"s hellen, wilden Experimenten unterscheidet, viel Lob  erhalten. Doch obwohl Segert das amerikanische Webdesign aufmerksam verfolgt - er nennt als Einflüsse den Bestsellerautor David Siegel und den Design-Rebellen Lance Arthur  - interessiert er sich hauptsächlich für die Design-Szene in Deutschland.

"Webdesign in Deutschland ist extrem unterentwickelt", beklagt er sich. "Man schaue sich die Websites von vielen grossen Unternehmen an. Die tun so, als ob jeder ein Kabelmodem hätte. Manchmal werden nicht einmal die einfachsten Dinge beherrscht, zum Beispiel, daß man nicht allzuviel Text und massenweise Grafiken in eine Tabelle packt, oder daß man die Größenangaben von Grafiken mit angeben sollte, damit die Seite schneller erscheint. Über die schlampigen, phantasielosen Layouts und überladenen Grafiken will ich lieber schweigen."

Dennoch rezensiert und empfiehlt Segert in einem nahezu täglich aktualisierten Journal namens "KriT"  deutsche Homepages, von denen er glaubt, daß sie die eigentliche Quelle von Kreativität im Web sind. Er nimmt auch an "Webschrift-Talk"  teil, einer Mailingliste, die von der österreichischen Agentur Suxess  betrieben wird. "Die Liste hat über hundert Teilnehmer, zum grossen Teil Firmeninhaber, die sich sehr formal über Qualitätsstandards und technische Fragen austauschen."

Doch trotz dieses zweifellos fruchtbaren Ideen-Austauschs verweist Segert auf einen Artikel, den er im August 1996 geschrieben hat: "In den Niederungen des Web-Business"  - eine pessimistische Analyse des Webdesigns in Deutschland, die, wie er meint, "nach wie vor aktuell" ist.

Die Berliner Designerin Claudia Klinger, ebenfalls Mitglied der Mailingliste, deren aufgeräumte und dennoch attraktive Website "Die Weltrevolution nach Flusser"  einen selbstbewußten und kompetenten Umgang mit dem Medium beweist, teilt sowohl Segerts Enthusiasmus als auch seine Kritik gegenüber dem deutschen Webdesign.

"Mir scheint, in den USA ist man viel experimentierfreudiger, nicht nur die Designer, sondern auch die Auftraggeber", sagt sie. "Natürlich gibt es dort auch ein kommerzielles Standard-Design, aber selbst das wirkt perfekter und selbstverständlicher. Hierzulande meinen noch unzählige Leute, es genüge, mit einem Wysiwyg-Editor eine Seite produzieren zu können - und schon bieten sie mit großen Sprüchen die 'professionelle Gestaltung Ihres Internet-Auftritts' an, oft auf Websites, die vor Fehlern und Design-Sünden strotzen."

Die übertriebene Eile, sich in den Markt zu stürzen, ist laut Klinger eines der Hauptprobleme. "Zu viele durchaus talentierte Aktive versuchen zu früh, kommerziell zu werden - ohne sich auf Webdesign richtig eingelassen zu haben, geschweige denn, zu einem eigenen Stil gekommen zu sein", meint Klinger. In Deutschland herrsche auch "eine Art 'vorauseilender Gehorsam'. Wenn ein paar Printmedien verkünden, das Web habe jetzt gefälligst ein nützliches Info- und Shoppingmedium zu sein und sonst nichts, dann vertiefen sich die Leute brav in Datenbank-Anbindungen und Bestellformulare."

Jeremy Abbett von "4rk" räumt der Fairneß halber ein, daß das deutsche Web "gerade erst langsam in Gang" komme, während die Amerikaner sich "schon seit geraumer Zeit voll auf das Medium eingelassen haben". Es sei nur natürlich, daß die Szene hierzulande der amerikanischen um "zwei oder drei Jahre" hinterherhinke.

Dennoch, das Web ist berühmt für seinen globalen Charakter. Ideen, Innovation und Inspiration sollten sich dort eher schneller als im Funk, Fernsehen oder Printbereich ausbreiten. Doch genau an Inspiration fehlt es laut Abbett, und das sei im wesentlichen ein Problem, das mit der deutschen Unternehmenskultur zusammenhängt.

"Um zu interessanten Ideen und Designs zu kommen, muß man unterschiedliche Perspektiven einnehmen können", merkt er an. "Einer der Gründe, warum das Webdesign hierzulande meist so uninteressant und in manchen Fällen geradezu langweilig ist, liegt daran, daß die Leute, die die Sites produzieren, sich alle gleichen. Es gibt zu wenig Kontrast zwischen den verschiedenen Agenturen."

Selbst in deutschen Werbeagenturen hat Abbett bemerkt, daß "die Leute alle denselben Hintergrund und dieselben Interessen haben. So kommt es zu langweiligen Agenturen und langweiliger Arbeit. Inspiration entsteht, wenn man Dinge sieht, die nicht der Norm entsprechen. Inspiration kommt von Dingen, die normalerweise nicht funktionieren, aber es dann irgendwie doch tun."

Was Claudia Klingers Design einzigartig macht, ist, daß sie, um sich inspirieren zu lassen, nicht auf das starrt, was andere im Web tun. Sie sucht ihre Anregungen "in der Stadt, in der Natur, in Büchern und Bildbänden. Die archaische Hintergrundfigur auf der Leitseite von 'Missing Link'  zum Beispiel ist ein 2500 Jahre altes 70 Meter grosses Landschaftsbild aus Sussex, England. Das 'Human-Voices'-Logo davor zeigt die Variation eines peruanischen Dämons und die außerirdisch wirkende Figur des 'Webgesprächs'  stammt von den Fidschi-Inseln."

Natürlich gibt es auch in der ".de"-Domäne ein paar Orte, an denen frisch drauflos gedacht und experimentiert wird. Gerd Marstedts "Fine Site"  zum Beispiel ist eine von Ralph Segerts Lieblingssites: "Marstedt wird nicht müde, erstklassige, schnelle Grafiken und abwechslungsreiche Layouts zu entwickeln. Zudem setzt er kreativ und nutzbringend die Frametechnik ein."

Insgesamt jedoch bilden derartige künstlerische Ambitionen eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ob im bandbreitenhungrigen Feld des Avantgarde-Designs oder im kommerziellen Sektor, wo schnelle Ladezeiten, logische Navigation und benutzerfreundliche Interfaces überlebensnotwendig sind - in den meisten Fällen schlägt das deutsche Webdesign alle Rekorde der Ignoranz.

Francis Ford Coppola hat einmal bemerkt, daß der Ton 50 Prozent des Films ausmacht - die weniger offensichtliche aber deswegen nicht weniger wichtige Seite des Mediums. Viele deutsche Unternehmen und Einzelpersonen haben verstanden, daß es nicht ausreicht, einfach im Web zu sein. Man muß etwas anzubieten haben, entweder Inhalte oder Produkte oder Unterhaltung. Aber solange die weniger offensichtliche andere Hälfte des Mediums - ein funktionales und attraktives Design - zu kurz kommt, wird die deutsche Web-Szene weiterhin eine Menge Nachholarbeit zu leisten haben, sowohl handwerklich-künstlerisch als auch ökonomisch.

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