Weggeputzt Kasparow schlägt den Rechner

Mit großem Selbstvertrauen und noch mehr Biss begann Garry Kasparow das Match gegen das Schachprogramm Deep Junior. Viel Chancen ließ er dem nicht: Schnell lief dem Rechner die Zeit davon.


Absolute Konzentration: Garry Kasparow, wie man ihn kennt

Absolute Konzentration: Garry Kasparow, wie man ihn kennt

Für die meisten Experten war Kasparow als Favorit in die Partie gegangen. Wie er den Rechner dann allerdings schlug, überraschte so manchen.

Seinem Ruf und Stil treu setzte Kasparow von den ersten Zügen an auf eine recht aggressive Strategie. Weiß spielend genoss er den leichten Vorteil der Eröffnung. Junior beantwortete die ersten Züge mit der Slawischen Verteidigung: Zu diesem Zeitpunkt freuten sich die Beobachter noch auf eine prickelnde Partie.

Was sie statt dessen zu sehen bekamen, war, wie Großmeister Rainer Knaak kommentierte, "eine souveräne Vorstellung von Kasparow", und das ist ja auch nichts Schlechtes.

Anders als im Match zwischen Kramnik und Deep Fritz lief die Uhr für den Menschen: Auffällig lang fielen die Denkzyklen des Rechners aus, der nach Angaben des Junior-Teams drei Millionen Züge pro Sekunde berechnen soll. Für den neunten Zug allein nahm sich Deep Junior eine Bedenkzeit von 25 Minuten.

Verblüffend, denn eigentlich hatte man erwartet, dass der Rechner die erste Phase des Spieles aus der Datenbank bestreiten würde. Kramnik war im Spiel gegen Deep Fritz nicht zuletzt deshalb unter Druck geraten, weil der Rechner stets weniger Zeit gebraucht hatte: Sowas macht nervös, wenn man laut Regel nur zwei Stunden Zeit hat für die ersten 40 Züge.

Auch für das Match gegen Deep Junior hatten im Vorfeld einige Experten als Hauptgefahr gesehen, dass Kasparow unter dem Zeitdruck nervös werden könnte. Wurde er nicht: Statt dessen nutzte er sein Denkorgan dafür, seine Strategie konsequent durchzuziehen und den Rechner permanent unter Druck zu halten. Der ließ sich vom forsch aufspielenden Großmeister in eine zunehmend aussichtlose Position manövrieren.

Die analysierte das Programm nach Kasparows 27. Zug als so hoffnungslos, dass es die Segel strich. 1:0 für Kasparow, fünf Partien folgen noch bis zum 7. Februar. Mit einem Sieg über den Rechner wollte Kasparow beweisen, dass der menschliche Geist der Maschine noch immer überlegen ist. Diesem Ziel ist der Großmeister nun einen Punkt näher gekommen - so eindeutig, wie er sich das nur wünschen konnte.



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