Wertstoff PC-Schrott Windows-Rechner für 15 Euro

Nicht selten fallen alte, durchaus funktionstüchtige PCs dem eBay-Verkauf in Einzelteilen zum Opfer. Heraus kommen Erlöse in Peanuts-Höhe - und jede Menge Sondermüll. Ob Firmen- oder Privatrechner, es ist Zeit für sinnvolle Entsorgungsalternativen frei nach dem Motto "Verschenken, von der Steuer absetzen und Gutes tun".
Von Mario Gongolsky
Mit Spaß dabei: Mitglieder der PC-Recycling-Initiative Mookwat entladen einen "Spendenlaster"

Mit Spaß dabei: Mitglieder der PC-Recycling-Initiative Mookwat entladen einen "Spendenlaster"

Foto: Mookwat e.V.

Der umweltfreundlichste PC ist der, den man nicht wegwerfen muss. Doch wenn schließlich der Bildschirm schwarz bleibt, der Hauptprozessor den Hitztod gewählt und das Netzteil nur auf die geeignete Spannungsspitze gewartet hat, um den Ruhestand zu erzwingen, stellt sich die Frage, wie man Umweltgifte wie Blei, Cadmium und Brom grundwasserneutral aus der Wohnung schafft. Gleich mehrere Initiativen verleihen dem PC-Schrott gesellschaftlichen Wert.

Beschäftigung auf Rügen

Mit einem gemeinnützigen Ansatz beschreitet zum Beispiel das Projekt "Second Circle " der Jugendinitiative e-Werk e. V. in Sassnitz auf Rügen neue Wege. Nach der vollständigen Löschung von Restdaten auf der Festplatte werden die angelieferten Rechner geprüft und gereinigt. Mit einem frisch installierten und über das Microsoft-Fresh-Start-Programm  lizenzierten Windows-98- oder Windows-2000-Betriebssystem warten die aufbereiteten Altrechner auf ihren neuen Einsatz.

Neben sechs Facharbeitern beschäftigt Second-Circle derzeit sechs jugendliche Arbeitslose, um ihnen ein fundiertes, berufsvorbereitendes Praktikum zu verschaffen. Sogar ein kleines Taschengeld gibt es für den Einsatz an der Müllvermeidungsfront. Die Recycling-PCs gehen an Schulen und gemeinnützige Einrichtungen und sorgen für eine extrem kostengünstige EDV-Modernisierung. Die Alt-PCs spendende Firma erhält im Gegenzug eine Spendenquittung der Schule oder des gemeinnützigen Vereins, der dem Rechner sein zweites Leben einhaucht.

Wöchentlich verlassen etwa 200 PCs diese Art der Wiederaufbereitung. "Es könnte viel mehr sein", räumt Oliver Thoma, Leiter der IT-Abteilung beim e-Werk Sassnitz ein: "Von der technischen Kapazität her könnten wir bis zu 2000 Rechner pro Monat hier durchschleusen, aber die Logistik ist ein echtes Problem."

Die Entsorgung à la Second-Circle kostet die ausmusternden Firmen nur die Transportkosten. Wenn keine Transportverpackungen mehr vorhanden sind, steigt der Aufwand für Transportverpackungen oder den alternativen LKW-Transport.

Schulen oder andere gemeinnützige Einrichtungen können bei Second-Circle einen kompletten Windows-PC inklusive Betriebssystem zu Preisen zwischen 15 und 17 Euro erstehen.

Viel besser als "Tüten kleben"

Nach ähnlichem Muster - aber mit anderer Zielgruppe - arbeitet seit Ende 1997 das ECO-PC-Projekt , betrieben vom evangelischen Bildungsträger Die Wille gGmbH in Berlin. Die ECO-Projekte sind vorwiegend in Justizvollzugsanstalten untergebracht, um jungen Haftinsassen eine Resozialisierungsperspektive zu bieten.

Die Idee stammt aus Belgien, wo das Konzept schon seit 1996 erfolgreich ist. An der JVA Spremberg befassen sich 15 junge Häftlinge mit der PC-Aufbereitung, während bei ECO-PC Berlin gleich in zwei PC-Werkstätten gearbeitet wird. Projektziel ist eine Berufsvorbereitung für inhaftierte Frauen und jugendliche Straftäter. Eine Werkstatt ist in der Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee und die andere in der JVA Frauen Berlin-Pankow installiert.

Diese Werkstätten bieten immerhin 22 Inhaftierten die Möglichkeit, eine Qualifikation zu erwerben, mit der die Chancen auf eine Wiedereingliederung in das Berufsleben steigen. Ergänzt werden diese Werkstätten durch ECO-PC "Schwarze Pumpe", ein Projekt für jugendliche Arbeitslose, gefördert mit Mitteln des Arbeitsamtes. Im Rahmen dieser Maßnahme erwerben 20 Teilnehmer den Europäischen Computerführerschein. Die eine Hälfte der Zeit wird gebüffelt, die andere Hälfte wird an alten Rechnern geschraubt.

Derzeit schafft man die Aufarbeitung von rund 1000 PCs pro Jahr, die zu gestaffelten Preisen von 5 bis 35 Euro an Berliner Schulen und zu gemeinnützige Institutionen geliefert werden. Doch auch Aydogan Özatilgan, Leiter von ECO-PC bei Die Wille, hat Sorgenfalten auf der Stirn: "Obwohl die PC-Entsorgung bei uns kostenlos ist und wir auch für eine professionelle und protokollierte Datenlöschung sorgen, ist es zunehmend schwierig, geeignete Gerätespenden zu bekommen." Insofern freut man sich bei ECO-PC auch über funktionstüchtige Privat-PC-Spenden.

In Hamburg mook man wat!

Mit 16 ABM-Stellen in der PC-Werkstatt, vier Praxisanleitern für PC-Wiederaufbereitung und Support/Schulung ist die PC-Initiative Mookwat e.V.  seit 1999 in und um Hamburg aktiv. Innerhalb der Stadt werden alte, aber funktionstüchtige PCs per Sammeltransport abgeholt und bei Mookwat für Sozialschwache, gemeinnützige Träger und natürlich für Schulen wieder hergerichtet.

Die Spender-PCs können sowohl aus Privathaushalten als auch von Firmen stammen. Kosten entstehen dem Spender nicht, auch nicht für die bei Firmen erforderliche, protokollierte Datenlöschung. Etwa 400 bis 500 Mookwat-PCs verlassen pro Jahr die Hamburger Werkhallen: "Dazu muss man wissen, dass wir unsere Rechner individuell nach Kundenwunsch konfigurieren. Die alten Rechner werden also technisch ergänzt", erklärt Projektmanagerin Martina Nolte.

Die zehn Monate, in denen die Frauen und Männer bei Mookwat arbeiten, dienen auch dazu, einen Europäischen Computerführerschein und das A+ Zertifikat für PC-Support und Service zu erwerben. Auf diese Weise kann Mookwat sogar einen "After-Sales-Service" bieten. Man liefert also nicht nur 20 Rechner an eine Schule, sondern administriert und betreut ganze Klassennetzwerke.

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