Windows Media Center Edition Entfesselte Faulheit

Wie macht man den Menschen das Stubenhocken schmackhaft? Man nennt es "Genuss in Lean-Back-Qualität" und entwickelt Software, die einem selbst den Gang zum CD-Regal erspart. Szenen einer Produktpräsentation.
Von Niels Kruse

Armin Cremerius-Günther ist der deutsche Windows-Chef und ein etwas fahriger Geselle. Seine Gestik passt nicht so recht zu dem, was er gerade sagt und er sagt Sätze wie: "Der Integrationsdruck im Wohnzimmer wird immer größer." Dabei schiebt er die Arme zur Seite, als wolle er den Integrationsdruck zum Tanze bitten.

Erstaunlich, dass jemand wie Cremerius-Günther ein Wort wie Druck überhaupt kennt. Die von ihm verantwortete Produktpalette Microsoft Windows verkauft sich von selbst und hat mit deutlich mehr als 90 Prozent "einen hohen Marktanteil", wie die offizielle Sprachregelung im Hause Microsoft lautet. "Es gehört also nicht zu meinen vordringlichsten Aufgaben, Marktanteile zu steigern", sagt Cremerius-Günther, der sich im Grunde also entspannt zurücklehnen könnte.

Überhaupt, so der Windows-Chef, sei es ja nicht so, dass der Softwarekonzern in allen Bereichen des Lebens präsent wäre. Glaubt man Cremerius-Günther, ist sogar das Gegenteil der Fall. "Nur zwei Prozent der weltweit genutzten Software stammt von uns." Eine erstaunliche Zahl, deren Quelle wohl nur den Amerikanern bekannt ist, man also nicht glauben muss, für die Redmonder aber Ansporn genug ist, sich mal wieder auf die Suche nach neuen Windows-Märkten zu machen.

"PCs werden immer digitaler"

Einen davon hat Microsoft nun gefunden. Cremerius-Günther hat deshalb 50 Journalisten ins Edelfettwerk im Hamburger Westen eingeladen, um ihnen die neueste Software zu präsentieren. Der Windows-Chef steht also auf der Bühne und spricht von diesen sonderlichen Dingen wie wohnzimmerlichem Integrationsdruck, immer digitaler werdenden PCs, und davon, dass sein Unternehmen den Leuten das Leben erleichtern wolle, weshalb es sie nun mit der "Windows XP Media Center Edition" beglücken wolle.

Das Programm vereint im Grunde bekannte Multimedia-Anwendungen, wie digitale Fotoalben, Platten- und Videosammlungen und DVD-Player in einem so genannten Entertainment-PC. Der soll, von Herstellern wie Fujitsu-Siemens und Hewlett Packard in hübsche Kisten verpackt, künftig als Zentrallager für alle Medien dienen. Und weil der Rechner an den Fernseher angeschlossen wird, haben die Redmonder noch einen digitalen Videorekorder dazuprogrammiert.

Rhetorikschlachten wie aus TV-Shoppingshows

Viele Funktionen, die natürlich einer ausführlichen Produktpräsentation bedürfen. Choreograf Cremerius-Günther hat sich dazu etwas Besonderes einfallen lassen: Mitarbeiter entdecken ihre verborgenden schauspielerischen Talente. Sehr tief verborgende Talente, wie sich schnell herausstellte.

Die Wahl fiel auf die beiden Marketingleute Andreas Schönberger und Sascha Hancke, die sich Rhetorikschlachten, wie aus nächtlichen TV-Shoppingshows lieferten: "Andreas, ich war im Urlaub und habe Bilder gemacht." "Sascha, das ist ja toll." "Ja, Andreas." "Lass sie uns doch sofort angucken, Sascha." "Andreas, das ist ja super. Du hast einen PC im Wohnzimmer, mit dem man Fotos angucken kann?" "Ja, Sascha!" "Andreas, ich bin total begeistert."

Nicht der einzige undankbare Job für Andreas. Denn vor dieser Info-Konversation zeigte die Media Center Edition schon einmal, dass sie ein waschechtes Microsoft-Produkt ist: Sie stürzte ab.

Schönberger gab einer grauen Funkmaus die Schuld, murmelte etwas von Vorführeffekten und beeilte sich, schnell Bob Marleys "Jamming" zu spielen, denn so Reggae macht ja auch gute Laune.

Nun ist so ein Absturz zwar nervig aber selten etwas wirklich Schlimmes. Wozu gibt es die beliebte Neustart-Tastenkombination Alt + Strg + Entf? Das Problem dabei ist nur, dass die Entertainment-PCs nicht per Tastatur, sondern per Fernbedienung gesteuert werden.

Einerseits schön bequem, anderseits schlecht zum Schreiben von E-Mails oder Briefen. Denn dazu kann man den Rechner natürlich auch nutzen. "Es ist ja schließlich auch ein ganz normaler PC", wie Schönberger mehr als nur einmal betont. Von irgendwelchen Tastaturen war allerdings nie die Rede.

Der lästige Gang zum CD-Regal soll nun entfallen

Macht aber auch nichts. Denn mit dem Media Center folgt Microsoft dem Trend zum Stubenhocken, neudeutsch: Cocooning. Genau genommen setzt Microsoft damit eigentlich einen Trend. Nämlich dem zum Couch-Cocooning. Ist erst mal alle die Musik- und Filmsammlung auf der Festplatte, "entfällt das lästige Aufstehen, um zum CD- oder Videoregal gehen zu müssen", sagt Andreas Schönberger euphorisiert. "Sie haben alle digitalen Medien, auch Fotos und TV-Shows, abgespeichert auf einer Festplatte."

All in one, sozusagen. Gesteuert einfach per Fernbedienung - der Traum jeder Couchpotatoe wird wahr. Und da ist auch wieder dieser Integrationsdruck. Weil die Kunden verstärkt Wert auf "Genuss in entspannter Lean-Back-Qualität" legen, also faul herumhängen wollen, gilt es möglichst Unterhaltungsmedien in einem Gerät zu bündeln.

Und offenbar meint es Microsoft ernst mit den Entfesselungsplänen für die Faulen. Armin Cremerius-Günther jedenfalls ließ zu einem denkwürdigen Satz hinreißen: "In diesem Fall ist uns die Kundenzufriedenheit wichtig."

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