www im Dunkeln Internet für Blinde

Die Blindenschule in Marburg gilt als Zukunftswerkstatt. Laptops gehören dort zum Unterricht wie andernorts die Tafel. Doch das Internet kann die dicken Bücher in Brailleschrift noch nicht ablösen.


Braille-Tastatur für den Computer
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Braille-Tastatur für den Computer

Für Michael hat der Herbst im hessischen Marburg keine Farben, dafür riecht für ihn die feuchte Jahreszeit besonders intensiv. Michael, (17), ist seit seiner Geburt blind. Wenn sich der Gymnasiast zwischen den verschiedenen Gebäuden der Blindenstudienanstalt bewegt, wenn er Schreibunterlagen aus gestanzter Pappe und seinen Laptop aus dem Spint im Schulflur nimmt und damit in die Lateinstunde geht, dann kann man allerdings kaum glauben, dass der blonde Junge nichts sieht.

Michaels Methode, zu "sehen", ist kompliziert und erfordert "Fingerspitzengefühl". Heute steht der Konjunktiv auf dem Lehrplan. Flink huschen Michaels Finger über die erhabenen Punkte der so genannten Brailleschrift, die in 160-Gramm-Karton gestanzt sind. "Hier, das ist ein Cicero-Text", kommentiert er das Gelesene. An der Carl-Strehl-Schule, dem einzigen Vollgymnasium für Blinde, verhelfen gestanzter Karton und andere Techniken zum Sehen – Papier als Brücke zur Welt.

Die Lehrbücher, ob für Latein, Mathematik oder Deutsch, kommen aus der hauseigenen Blindenschriftdruckerei. Dort werden seit 80 Jahren herkömmliche Bücher in die 1824 von dem Franzosen Louis Braille entwickelte Punktschrift übersetzt. Dank Computertechnik können die meisten Originaltexte heute zwar eingescannt werden, bevor Lektoren, Korrektoren und schließlich die Drucker an die Arbeit gehen. Doch bei Grafiken, Tabellen oder Musiknoten für blinde Nutzer hilft die moderne Technik nicht. Sie müssen entweder in Textform übersetzt und per Hand eingegeben werden. So entsteht in einem kostenintensiven Prozess ein mit den Fingern tastbares Reliefbild.

Nachdem ein blinder und ein sehender Korrektor schließlich das "übersetzte" Werk geprüft haben, stanzen die Spezialmaschinen fünf bis 50 Exemplare. Nur von Zeitschriften und Zeitungen wie dem Stern, Das Beste aus Reader’s Digest oder der Zeit werden größere Auflagen "gedruckt", neuerdings wird dort auch für Banken, Kosmetik oder Hundefutter in Blindenschrift geworben.

Bücher in Blindenschrift sind dick, groß und typische Leihartikel. Die Bibel in Punktschrift zum Beispiel füllt 42 Bände, denn Braillezeilen sind einen halben Zentimeter groß. Da passt eben nicht allzu viel auf eine Seite. "Würde man alle Bücher kaufen, bräuchte man nach drei Jahren ein neues Haus", sagt Rudi Ulrich von der Marburger Blindenanstalt. Nur gut ein Fünftel der 155.000 Blinden in Deutschland beherrschen die komplizierte Lesemethode mit den Fingerspitzen. Dazu gehören vor allem jene nicht, die erst im Alter erblinden. Von den etwa 70.000 Buchneuerscheinungen im Jahr werden nur zwei bis drei Prozent in Punktschrift oder als Hörbücher angeboten. Für Michaels ebenfalls blinde Schwester Verena, 16, ist das manchmal ärgerlich: "Ich hätte zum Beispiel so gern "Schindlers Liste" gelesen, nachdem ich in den Film gegangen bin", erzählt sie. Als sie John Tolkiens "Der Herr der Ringe" lesen wollte, hat sie das Buch kurzerhand selbst eingescannt und über die metallene Leseleiste, die Informationen vom Computerbildschirm in Brailleschrift wiedergibt, gelesen. Über diesen Weg steht das Informationszeitalter schon länger den Blinden offen. Korrektorin Gisela Lütgens arbeitet in der Druckerei gerade am "Friedhof der Kuscheltiere" von Stephen King. Ein halbes Jahr müssen die Leser noch darauf warten. Bei Kings neuestem Werk "Riding the bullet", das nur über das Internet beziehbar ist, ist die Sache demnächst einfacher: Homepage aufrufen, auf die Festplatte laden, den Text über eine spezielle Software laufen lassen und mittels Sprachausgabe hören und Braillezeile tasten. weiter



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