Zu gut versorgt Im Osten nix Neues

Zumindest in Sachen technische Infrastruktur machte man bei der Wiedervereinigung der deutschen Staaten Nägel mit Köpfen: Per Glasfasernetz wollte man blühende Daten-Landschaften schaffen. 50 Milliarden Mark kostete der Spaß - und verhindert heute den Fortschritt.

Von Mario Gongolsky


Glasfaserkabel: Theoretisch ermöglicht die Technologie Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit...
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Glasfaserkabel: Theoretisch ermöglicht die Technologie Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit...

Freude im Westen, dank ADSL geht's mit 768 Kilobit durchs Netz. Ärger im Osten, denn im nach Experten-Schätzungen 50 Milliarden teuren, ultramodernen Glasfasernetz ist bei ISDN-Tempo schon Schluss. Welche Technik bringt die teure Glasfaser in Schwung?

1990 wurde beschlossen, bei der Modernisierung der Telefoninfrastruktur in den neuen Bundesländern sofort auf die zukunftsweisende Glasfasertechnik zu setzen. 1995 wurde das auf den Namen OPAL (Optische Anschlussleitung) getaufte Glasfasernetz in Betrieb genommen.

Dabei handelt es sich um ein hybrides Netz (HFC), bei dem nur für die Strecke zwischen dem Hausanschluss und der Telefondose eine Kupferleitung benutzt wird. Das dahinter liegende Netz besteht aus Glasfaserleitungen. Insgesamt existieren bundesweit etwa zwei Millionen Glasfaseranschlüsse, 800.000 davon in den neuen Bundesländern.

Glasfaser: Eine Technik der Zukunft, aber keine der Gegenwart?

Was bei der Verbindung der Hauptadern des Internet mit ihrem großen Datenvolumen gängige Technik ist, lässt sich nicht ohne Probleme zum Endkunden bringen. Dabei sind die denkbaren Datenprotokolle wie ATM (Asynchronous Transfer Mode) und VDSL (Very High Bitrate DSL) grundsätzlich verfügbar.

Schon heute findet man am ADSL-Splitter der Telekom einen ATM-Anschluss. Im Geschäftskundenbereich vermarktet die Telekom bereits Ihr Produkt T-ATM, auf Glasfaser wie Kupferleitungen. Für Privatkunden liegt die Technologie mit Preisen zwischen 5000 und 10.000 Mark allerdings außer Reichweite.

VDSL hingegen könnte auf hybriden Netzen, die auf den letzten Metern in die Wohnung des Kunden mit Kupferleitungen arbeiten, eingesetzt werden. Und bei dem OPAL-Netz handelt es sich um ein solches Netz.

Das Netz als technisches Sammelsurium

Da ist es zunächst schwer zu verstehen, dass weder die Telekom noch andere Anbieter diese Techniken in den OPAL-Gebieten auf den Markt bringen. Doch es gibt Gründe.

Das Hightech-Netz in Deutschland-Ost ist offensichtlich ein technisches Sammelsurium. Schon vor einigen Jahren traten Probleme bei der Installation von V.90-Modems auf. Nur bestimmte Haushalte konnten an Ihrem OPAL-Anschlusskasten im Keller ein V.90-Modem installieren. In manchen Kellern ist erst gar kein Installationskasten zur Übergabe vom Kupferdraht auf die Glasfaser vorhanden. Stattdessen wurden Kabelverzweiger irgendwo vor dem Haus verbuddelt.

So hat das OPAL-Netz verschiedene Kupferkabelwege zwischen der Glasfaser und der Wohnung und wohl auch unterschiedlich arbeitende Kabelverzweiger.

Der Schlüssel zur Lösung der Probleme wurde im Vorgarten verbuddelt

Die seinerzeit beteiligten Firmen wie Siemens, Alcatel, Raychem und andere geben heute keine Auskünfte darüber, was sie damals im Auftrag der Deutschen Telekom vergraben haben. Mehr noch, auf die Frage, mit welcher Technik im OPAL-Netz private Internetzugänge auf Trab gebracht werden könnten, verfallen die Firmen in nebulöse Auskünfte über fehlende Standards und teure, unausgereifte Technik, während auf den Webseiten alle nur denkbaren Lösungen angepriesen werden.

...praktisch bremst die Glasfaser den Datenfluss
AP

...praktisch bremst die Glasfaser den Datenfluss

Ganz so, als wäre OPAL ein uneheliches Kind der Wiedervereinigung.

Im Rahmen des Programms "Aufbau Ost", bestand die Aufgabe lediglich darin, schwach versorgte Gebiete mit Telefonanschlüssen in moderner Technik auszurüsten. Der Aktionismus jener Tage ließ ein funktionierendes Netz entstehen, was aus heutiger Sicht als Feldversuch für den Lichtleiter verstanden werden könnte.

Ein Wettbewerb der Technologien

Doch inzwischen haben die Unternehmen, die einst das Glasfasernetz forcierten, ihre Wunschzettel längst abgespeckt. Mittlerweile gibt es Technologien, die sehr anständige Leistungen aus alten Infrastrukturen herauskitzeln können - und darum weit preiswerter sind als die gläsernen Stränge.

"Die Telekom in Bonn setzt auf T-DSL", heißt es heute stereotyp. Wann und mit welcher Technik man der Glasfaser zu neuem Leben verhelfen will, ist noch vollkommen offen. Die Telekom betont, dass diese technische Lücke nun auch durch andere Technologieanbieter zu füllen sein könnte: "Wir wünschen uns einen Wettbewerb der Technologien".

Doch da die Mietgebühr für eine Glasfaseranschlussleitung auf der "letzten Meile" zum Kunden mehr als doppelt so viel wie eine Kupfertelefonleitung kostet, sind konkurrenzfähige Technikangebote anderer Diensteanbieter nicht eben wahrscheinlich.

Regionale Provider im OPAL-Vernetzungsgebiet sehen keine vertretbare Lösung für einen Alleingang: "Da die Technik noch teuer ist, übersteigen die nötigen Investitionen unsere Leistungsfähigkeit", erklärt Manfred Luttmann von der Dresdner Advis GmbH. Man unterbreitete der Telekom technische Lösungsansätze, die in der Telekom-Regionaldirektion durchaus nicht auf taube Ohren stoßen. Die Entscheidungen werden aber in Bonn gefällt - und dort stehen die Weichen klar auf ADSL-Technik mit Kupferleitungen. So richtig auf verlorenem Posten stehen also die Kunden, bei denen kein Kupferkabel als reaktivierbare Alternative zur Verfügung steht.

Eine Runde aussetzen?

Eine oft diskutierte Theorie vermutet in Sachen Politik schneller Internetzugänge einen stillschweigenden Konsens der Netzanbieter. Bei T-DSL hängt die mögliche Geschwindigkeit im wesentlichen von der Strecke zwischen Hausanschluss und Ortsvermittlung ab. Die anzutreffende Dichte an Vermittlungsstellen lässt eine Geschwindigkeit von 1,5 Megabit durchaus praktikabel erscheinen. Ein zu schnelles Aufstocken der Nutzerbandbreite könnte eine unerwünschte Entwicklung darstellen, denn der Ast darf nicht dicker werden als der Baumstamm, wenn das System Internet funktionstüchtig bleiben soll.

Klingt zunächst logisch, trotzdem ist ein solcher Konsens eher unwahrscheinlich, denn Tempolimits auf der Datenbahn haben mit dem Übertragungssystem nichts zu tun.

Doch steht, trotz denkbarer technischer Lösungsansätze zu befürchten, dass die Glasfaser-Kunden wider Willen eine Geschwindigkeitsrunde aussetzen müssen. Die fünf neuen Bundesländer stehen damit auf absehbare Zeit in Sachen Telekommunikations-Infrastrukturen auf der Verliererseite - und dass, gerade weil man ihnen eine Investition von 50 Milliarden Mark gegönnt hatte.

Die liegen nun sicher in den Vorgärten verbuddelt und warten darauf, dass ihre Stunde endlich schlägt: Glasklar, dass dort eine blühende Infrastruktur-Zukunft wartet. Im Augenblick sind und bleiben die Aussichten mau. Kommt einem irgendwie bekannt vor.



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