Misserfolge beim Spielen "Verlieren zu können, ist eine wichtige Eigenschaft fürs Leben"

Wer Videospiele spielt, verliert auch mal. Aber nicht jeder kann gut damit umgehen. Ein Gespräch mit der Spielewissenschaftlerin Linda Breitlauch über Wut, Anerkennung und schlecht ausbalancierte Games.
Ein Interview von Nora Beyer
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Foto: Clive Rose - Gran Turismo/ Gran Turismo via Getty Images

Niemand verliert gern. Doch es gibt Unterschiede darin, wie Spielerinnen und Spieler auf Niederlagen und Misserfolge reagieren. Manche schalten sofort die Konsole aus, andere starten einfach das nächste Spiel. Und wieder andere lassen ihren Emotionen freien Ruf.

Tyler "Ninja" Blevins, einer der populärsten Streamer und E-Sportler der Welt, erregte vor einiger Zeit mit der Aussage Aufsehen , es zeuge von Schwäche, wenn man sich über das Verlieren in Spielen nicht aufregt. Die Wurzel allen Übels sei der Satz "Ist ja nur ein Spiel", so "Ninja". Wen eine Niederlage nicht mehr wütend mache, der verliere gleich doppelt.

Nehmen manche Spieler Games also nicht ernst genug? Oder ist das Gegenteil der Fall, und sie werden oft zu ernst genommen? Zeit für einen Anruf bei Linda Breitlauch, Deutschlands wohl bekanntester Videospielforscherin.

Zur Person
Foto: Linda Breitlauch

Dr. Linda Breitlauch, Jahrgang 1966, ist Medienwissenschaftlerin und Professorin für Game Design. Sie lehrt und forscht an der Hochschule Trier, mit besonderem Fokus auf interaktivem Storytelling, Serious Games, Gamification und Dramaturgie. Als sie 2007 an die Mediadesign Hochschule in Düsseldorf berufen wurde, war sie Europas erste Professorin für Game Design. Seit 2017 ist Breitlauch Teil der "Hall of Fame" des Deutschen Entwicklerpreises.

SPIEGEL: Frau Breitlauch, gehören Verlieren und Wut beim Videospielen zusammen?

Breitlauch: Verlieren ist ein Teil der meisten Spiele, Wut nicht unbedingt. Außer, damit ist Ärger über sich selbst gemeint. Der gehört zum Verlieren schon dazu, weil man mit dem Verlieren zum Ausdruck gebracht hat, dass man nicht gut genug war. Diese Art von Ärger würde ich dann aber nicht als Wut bezeichnen: Sie treibt einen schließlich auch an: Ich versuche, besser zu werden, damit ich gewinne.

SPIEGEL: In einem Videokommentar zu seiner umstrittenen Aussage  sagte "Ninja", jeder, der beim Verlieren die Ausrede "Es ist nur ein Spiel" benutze, sei "einfach ein schrecklicher Mensch". Was halten Sie davon?

Breitlauch: Der Satz "Es ist nur ein Spiel" wird oft benutzt, um zu sagen, dass das Spiel außerhalb der Realität steht, dass es keine Konsequenzen für das echte Leben hat. Das ist grundsätzlich aber nichts Schlechtes: Spiele haben eine ganz wichtige Funktion, und das ist eben genau die, dass man in ihnen gefahrlos lernen kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Der Satz ist, so verstanden, also sehr positiv. Natürlich kann er aber auch abwertend benutzt werden, in dem Sinne, dass das Spiel nicht als ernst zu nehmendes Medium anerkannt wird. Spiele sind aber sehr wohl ernst zu nehmen. Sigmund Freud sagte einmal: Das Gegenteil von Spiel ist nicht Ernst, sondern Wirklichkeit. In solch einem abwertenden Sinne scheint "Ninja" den Satz zu verstehen.

SPIEGEL: Wie wird man zu einem guten Verlierer?

Breitlauch: Verlieren zu können, ist eine wichtige Eigenschaft fürs Leben. Und die kann im Spiel hervorragend trainiert werden. Wenn wir im Leben verlieren, ist das häufig schlimmer, als wenn wir im Spiel verlieren. Eigentlich sind gute Verlierer diejenigen, die das Verlieren als eine Herausforderung für sich selbst sehen und nicht gleich den Controller an die Wand werfen, sondern es einfach noch mal probieren. Und das ist ja auch das, was Spaß macht. Denn: Schaffe ich es sofort, ist es auch keine Herausforderung.

SPIEGEL: Welche praktischen Tipps können helfen, mit Niederlagen besser umzugehen?

Breitlauch: Spiele beanspruchen zumeist motorische oder kognitive Fähigkeiten. Da hilft es, die Tätigkeit zu wechseln. Nach einem verlorenen Actionspiel also etwa ein Strategiespiel zu spielen. Körperliche Aktivität ist ebenfalls hilfreich, um danach wieder fokussierter zu spielen.

SPIEGEL: Wie wichtig sind Rituale für das Verlieren?

Breitlauch: Sehr wichtig. Das kommt allerdings ganz stark auf das Spiel an: Ist es ein kompetitives Spiel, also antagonistisch? Oder ist es ein kooperatives Spiel? Da gibt es unterschiedliche Rituale. "Eve Online" ist ein interessantes Beispiel: Das Weltraum-Onlinespiel ermöglicht den Spielern, sich gegenseitig zu betrügen, indem sie andere etwa ausrauben. Das ist spielerisch aber gar nicht so einfach. Gelingt es einem Spieler trotzdem einmal, einen anderen zu überlisten, gratuliert man ihm. Hier gibt es also das Ritual des Respekts, im Sinne einer Anerkennung der Leistung des anderen, auch wenn das auf meine Kosten geht.

Weltraumsimulation "Eve Online": Betrügen ist nicht unbedingt verpönt

Weltraumsimulation "Eve Online": Betrügen ist nicht unbedingt verpönt

Foto: CCP Games

SPIEGEL: Ist es also gut für alle, wenn man der Leistung anderer durch solche Rituale Respekt zollt, auch wenn man selbst eine Niederlage verkraften muss? Ist man sonst ein Spielverderber?

Breitlauch: Es gibt einen Unterschied zwischen Spielverderbern und Falschspielern. Das Falschspielen, also das Cheating, als Brechen von Regeln zuungunsten anderer, wird in Spielen meist unterbunden. Spielverderber halten sich zwar an die Regeln, versuchen aber, anderen das Spiel zu vermiesen. Das wird in der Regel aber auch nicht gern gesehen. Deshalb haben sich in vielen Spielen Rituale etabliert, anderen den Sieg zu gönnen.

SPIEGEL: In manchen Onlinespielen werden Spieler, die ohnehin schon verlieren, auch noch angefeindet.

Breitlauch: Es gibt sogenannte MOBAs , in denen zufällig zusammengewürfelte Teams gegeneinander antreten. Wer da schlecht spielt, wird schon mal für die Niederlage des gesamten Teams verantwortlich gemacht. So etwas kommt aber auch in anderen Multiplayerspielen vor, je nachdem, ob es durch Tracking-Programme sichtbar gemacht wird, wenn Spieler Fehler machen. In Spielen, wo das nicht möglich ist, gehen die Communitys üblicherweise respektvoller miteinander um. Sofort angegriffen zu werden, weil man schlecht spielt, ist für manche Menschen schwer zu ertragen. Obwohl es bei der Kritik ja eigentlich nur isoliert um die Fähigkeiten als Gamer geht, trifft es viele trotzdem persönlich. Wenn man damit nicht gut umgehen kann, dann sollte man solche Communitys am besten meiden.

SPIEGEL: Macht es einen Unterschied, ob man gegen Computergegner oder Menschen verliert?

Breitlauch: Einen sehr großen sogar. Gegen menschliche Gegner können Niederlagen meiner Erfahrung nach leichter anerkannt werden. Verliert man gegen eine künstliche Intelligenz (KI), wird das häufiger als unfair empfunden. Das Spiel muss in jedem Fall die Erwartungshaltung erfüllen, dass es fair ist. Bei schlechtem Balancing kommt es schon mal vor, dass das Spiel als unfair empfunden wird. Schlechtes Gamedesign verdirbt den Spielspaß.

SPIEGEL: Fühlt sich Verlieren anders an, wenn es vor Zuschauern passiert, etwa in einem Livestream?

Breitlauch: Auf jeden Fall. Wenn YouTuber oder Streamer verlieren, haben sie entweder einen guten, souveränen Umgang damit oder es wird schon auch mal traumatisch - je nachdem, wie viele Follower man hat und wie die reagieren. Das kann, gerade für Streamer, die ihr Geld mit dem Spielen verdienen, zur echten Herausforderung werden. Für sie hat das Verlieren im Spiel so auf einmal doch Konsequenzen für das echte Leben.

SPIEGEL: Manche Streamer rasten nach einer Niederlage gern mal aus: Ist das ein Teil ihrer Show?

Breitlauch: Ja klar. Das ist aber auch sehr individuell: Ein Gronkh etwa inszeniert sich anders als ein LeFloid oder ein Ninja. Da gibt es ganz unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen, unterschiedliche Umgänge mit Niederlagen. Ein Stück weit gehört das Aufregen zur Selbstinszenierung natürlich dazu. Viele Zuschauer unterhält es, wenn jemand ausrastet. Das ist im Prinzip wie im echten Leben auch: Da sind in manchen Kontexten Show und Selbstinszenierung ganz bewusst mit dabei.

SPIEGEL: Welche Niederlagen in Spielen ärgern Sie persönlich am meisten?

Breitlauch: Ich spiele mehr Strategie- als Actionspiele. Das hat auch damit zu tun, dass mit dem Alter die Auge-Hand-Koordination nachlässt. Wenn ich Spiele mit besonderem Fokus darauf spiele und dann am Ende des Levels scheitere, bin ich genervt. Anders ist das bei Strategiespielen. Da trifft man oft am Anfang Entscheidungen, die sich erst später als schlecht herausstellen. In solchen Spielen habe ich dann auch kein Problem damit, wieder von vorn anzufangen und eine neue Taktik auszuprobieren.