40 Jahre Teletext Was wurde aus... Sex-Werbung im Videotext?

"Scharfe Hausfrauen" und "gierige Schülerinnen": Mit solchen Begriffen und vermeintlich erotischen Pixelhaufen wurden im Teletext einst teure 0190-Hotlines beworben. Was ist 2020 noch davon übrig?
Werbetafel aus dem RTL-II-Videotext: "Jung" beginnt meist bei 20 Jahren - warum, erfahren Sie im Text. Weitere Bildbeispiele finden Sie in unserer Fotostrecke

Werbetafel aus dem RTL-II-Videotext: "Jung" beginnt meist bei 20 Jahren - warum, erfahren Sie im Text. Weitere Bildbeispiele finden Sie in unserer Fotostrecke

Foto: RTL2

Das Weltgeschehen auf Texttafeln komprimiert: Diesen Montag wird der Videotext in Deutschland 40 Jahre alt. Das Angebot, das am 1. Juni 1980 zunächst bei ARD und ZDF testweise in Betrieb  ging, war einst ein Reichweiten-Gigant. Wetterberichte und aktuelle Nachrichten, aber auch Fußball-Liveticker - all das wurde vor dem Aufstieg des Internets und der Smartphones gern übers TV-Gerät angesteuert.

Und schon ab den Neunzigerjahren gab es neben News noch etwas, das zumindest den Videotext vieler Privatsender ausmachte: zahlreiche Werbeseiten für Telefonsex-Hotlines , das Text-Pendant zu nächtlichen "Ruf! Mich! An!"-Spots . Einsame Zuschauer sollten über diese Tafeln mit typischerweise hoher Seitenzahl zu teuren Anrufen verleitet werden. Am anderen Ende der Leitung wartete dann Gestöhne, in manchen Fällen nur vom Tonband.

Um Anrufe gebuhlt wurde mit Sprüchen wie "Scharfe Hausfrauen stöh... dir ins Ohr, bis du kommst" und "Gierige Schülerinnen 18+ lieben sich. Hör zu...", aber auch mit Frauenkörpern. Praktisch handelte es sich um Pixelansammlungen, die von Jungs- und Männergehirnen damals, zu Game-Boy-Zeiten, aber verlässlich als nackte Frauen erkannt wurden.

Diese Sex-Sektion prägte das Image des Teletextes mit. Videotext sei ein Männermedium, konstatierte die "tageszeitung" ("taz") bereits 1995 , ein Medium mit "lauter Hotlines für Single White Males".

Doch wie ist es heute? Gibt es die Pixel-Anzeigen überhaupt noch? Und hat sich ihr Stil verändert? Zum Videotext-Jubiläum haben wir uns noch einmal durch die Teletext-Erotikwelten von Sendern wie RTL II, Sat.1 und Sport1 geklickt (siehe Fotostrecke) - oder wie sagt man eigentlich dazu? Geschaltet?

Fotostrecke

"Leidest Du an Stangenfieber?": Videotext-Erotik im Jahr 2020

Foto: Welt

Kurze Namen, teure Nummern

Nora, Trude, Nele, Jule, Susi, Vera, Nina, Ulla: Vor allem solchen Namen begegnet man heute im Bereich der 600er- bis 899er-Seiten. Sie klingen überwiegend ziemlich Deutsch - und sind auffallend kurz. Verwunderlich ist das nicht, im Videotext gibt es noch immer nur 25 Zeilen à 40 Zeichen pro Bildschirmseite: Da will es bei zweistelligen  bis angeblich knapp vierstelligen Wochen-Buchungspreisen  genau überlegt sein, was wie viel Platz bekommt. Eine Manuela heißt so eher mal Manu und Monica eher mal Moni.

Bei den Motiven, in sechs Farben plus Schwarz und Weiß, sind auch heute noch Frauenkörper und Brüste das Standardmotiv. Nur selten stößt man auf Überraschendes oder Senderspezifisches, wie einen Fußballer, zu dem es im Sport1-Text heißt: "Feurige Sex-Pause in der Spiel-Pause: 15 Minuten live für nur einen Euro".

Der Umfang der Videotext-Werbung scheint über die Jahre kaum kleiner geworden zu sein, doch große Teile des Angebots wirken wie Relikte vergangener Tage. Sie erinnern ästhetisch und inhaltlich an die Zeit der Jahrtausendwende, als Sexdienste noch die mittlerweile abgeschaltete Vorwahl 0190 hatten und 3,63 D-Mark pro Minute kosteten - und nicht wie heute 0,99 oder 1,99 Euro pro Minute. Ist im Eurosport-Text an einer Stelle von "Insta-Chicks und Selfies" die Rede, wirkt das wie ein Stilbruch im Retroland.

"Sexy Luxusfrauen machen sich gerade für dich nackig", heißt es in dieser Anzeige, und: "Heißer wird's einfach nicht mehr auf Sat.1". Spricht das für oder gegen den Sender?

"Sexy Luxusfrauen machen sich gerade für dich nackig", heißt es in dieser Anzeige, und: "Heißer wird's einfach nicht mehr auf Sat.1". Spricht das für oder gegen den Sender?

Foto: Sat.1

"Spar dich geil!" für 0,99 Euro pro Minute

Überhaupt, die Preise. 0,99 Euro pro Minute - bei Anrufen aus dem Festnetz! - werden im Jahr 2020 mit Sprüchen wie "Spar dich geil!" beworben, als sei das Sexkontakte-Universum vor 20 Jahren schockgefroren und als gebe es Erotisches nicht auch aufregender und günstiger. Im Netz locken schließlich Dating-Börsen, Livechats, sowie Webcam-Girls und -Boys mit interaktiven Videostreams. Und es gibt Portale wie OnlyFans, auf denen sich Intimfluencer ausziehen, die preistransparente Monatsabos anbieten, statt - wie einige im Teletext beworbene Dienste - für die Aussicht auf erotische Fotos 1,49 Euro pro SMS zu verlangen.

Wie viel die Sender mit Sex im Videotext wirklich noch verdienen, ist unklar. Die Goldgräberzeiten dürften lange vorbei sein. Von Sport1, das schon zu DSF-Zeiten gut im Geschäft war und dem Thema noch heute Hunderte Tafeln widmet, heißt es auf Nachfrage, Erotik- und Dating-Anbieter spielten "bei den Teletext-Umsätzen eine relevante Rolle". Man habe Stammkunden, die "seit vielen Jahren durchgängig buchen".

Genutzt werde der eigene Videotext vor allem, wenn es Sportereignisse gebe, so Sport1: Dann würden neben den Info- auch die Erotikseiten häufiger aufgerufen.

Sex und Sport spielen sich auch anderswo die Bälle zu: RTL, Vox und RTL II setzen als Fußball-Torticker die Tafel 777 ein - die Nachbarseiten 776 und 778 sind Erotiktafeln.

Eine Sprecherin der Mediengruppe RTL sagt jedoch, für ihr Unternehmen spiele Erotikwerbung im Teletext "schon lange keine Rolle mehr", auch in der Vermarktung habe das Thema "seit Jahren keine große Umsatzrelevanz mehr".

Ab 22 Uhr wird es anzüglich

RTL und Vox, die ihr Erotikangebot heutzutage beide erst ab 22 Uhr freischalten, bieten trotzdem "Mega-Titten" und "besonderen Sex-Services" Werbeplätze, mit "Alten Ludern (45-78)", "perversen Hausfrauen" und "1A-Blasen: In 60 Se" - nun ja, das alte Platzproblem.

Wenn RTL und Vox ihre Sex-Werbung anknipsen, ändert sich auch bei Sendern wie RTL II, die den ganzen Tag Hotline-Anzeigen zulassen, etwas. "Heiße Frauen" werden zu "tabulosen Ludern", "heiße XXX-Kontakte" zu "geilen Sex-Kontakten". Und aus der "freizügigen Uschi, 24, total heiß (...) Hier schwitzt jeder" wird des nachts eine "junge, saftige Uschi, 24, total versaut (...) Hier kommt jeder".

Dahinter stecken Jugendschutzregeln, ab 22 Uhr darf es expliziter zugehen. Pornografisches, wie erigierte Penisse oder explizite Darstellungen von Geschlechtsverkehr, ist aber auch nachts nicht erlaubt.

Anzeige im Sat.1-Videotext: 1,99 Euro pro Minute aus dem Festnetz

Anzeige im Sat.1-Videotext: 1,99 Euro pro Minute aus dem Festnetz

Foto: Sat.1

Früher ein großes Streitthema

Darüber, ob die Videotext-Werbung die Entwicklung junger Menschen beeinträchtigt, wurde Ende der Nullerjahre heftig gestritten. Schließlich einigten sich Sender und Jugendschützer auf einen Regelkatalog, der dazu führt, dass im Videotext mit Penis-Synonymen wie "Zepter" und "Prengel" gearbeitet wird, aber auch mit Abkürzungen wie "NS" oder "KV", wenn es um sexuelle Vorlieben wie "Natursekt" (Urin) und "Kaviar" (Kot) geht.

Heute ist Teletext-Erotik kein Aufreger mehr. "Wir bekommen in unserer Beschwerdestelle jedes Jahr rund 6000 Hinweise aus der Bevölkerung zu illegalen und jugendgefährdenden Inhalten", sagt Martin Drechsler. Um Videotext-Inhalte sei es dabei aber fast nie gegangen - erst recht nicht in den vergangenen Jahren. Drechsler führt seit 2016 die Geschäfte der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM), war aber auch schon 2008 für die FSM tätig, als das Thema hochkochte.

"Die Texte und Abbildungen waren früher andere, mit zum Teil sehr expliziten Motiven und vulgärer Sprache", erinnert sich Drechsler. "Wir haben dann Regeln und Kriterien  aufgestellt, wie sich die Seiten so gestalten und betexten lassen, dass die Inhalte die Zielgruppen erreichen - ohne Verstöße gegen das Jugendschutzrecht."

TikTok, "Minecraft", Videotext?

Wie viele Heranwachsende überhaupt noch das Medium Videotext nutzen oder kennen, ist schwer zu sagen. Martin Drechsler zufolge ist nicht einmal klar, dass Kinder die Anrüchigkeit der Sexseiten überhaupt wahrnehmen. "Wir haben die Beobachtung gemacht, dass die Videotext-Inhalte Kinder nicht ansprechen, da viele von ihnen beim Blick auf die Pixel nicht einmal Nacktheit oder die sexuelle Konnotation erkennen können", sagt er. "Das liegt auch daran, dass viel mit Chiffren und Abkürzungen gearbeitet wird, die Kinder in der Regel nicht decodieren können."

Eine Folge des Drucks, den Jugendschützer einst auf die Sender ausübten, fällt im Videotext übrigens bis heute ins Auge. "Junge" Frauen werden dort nicht mehr als "Schülerinnen" beschrieben, dafür aber - mit einer Handvoll Ausnahmen - stets als mindestens 20-jährig, im Stil von "Girls 20+ lieben Eierlikör". Auch daran hatte die FSM ihren Anteil. "Die Altersstufe der Teenager sollte in Anzeigen vermieden werden", erklärt Martin Drechsler, "in diese Kategorie fällt dann auch 'eighteen' oder 'nineteen'."

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