IT-Boom in Ioannina Warum deutsche Tech-Unternehmen in Griechenlands armen Norden ziehen

Epirus war bisher vor allem für unberührte Natur und Käseerzeugnisse bekannt, nun plant Griechenlands Regierung hier ein kleines Silicon Valley. Deutsche IT-Firmen wie Teamviewer ziehen hin – und loben die Möglichkeiten.
Von Giorgos Christides, Ioannina
»Wir wollen hier wachsen«: Griechenlands Premierminister Kyriakos Mitsotakis mit Teamviewer-Chef Oliver Steil bei einem Besuch der Büroräume in Ioannina

»Wir wollen hier wachsen«: Griechenlands Premierminister Kyriakos Mitsotakis mit Teamviewer-Chef Oliver Steil bei einem Besuch der Büroräume in Ioannina

Foto: TeamViewer

Als Thanasis Moutsioulis 2015 aus seiner Heimatstadt Ioannina auswanderte, dachte er, er würde nie wieder zurückkehren. Es war der Höhepunkt der griechischen Finanzkrise. Jobs waren rar, zumal für Software-Ingenieure wie ihn. Schweren Herzens zog er nach Großbritannien – wie Hunderttausende hoch qualifizierte griechische Absolventen, die ins Ausland flohen. Ein »Braindrain«, eine verheerende Abwanderungswelle an Talenten und Experten für das gebeutelte Land.

Rund sechs Jahre später, an einem Morgen Mitte Juni, sitzt Moutsioulis hinter einem großen Bildschirm im Büro eines großen IT-Unternehmens in Ioannina. Sein Arbeitsplatz ist heute nicht mehr im britischen Surrey, sondern in der Hauptstadt der nordwestgriechischen Region Epirus. Jener Region, die er vor Jahren verlassen hatte. Moutsioulis hat seit 2019 einen gut bezahlten Job beim deutschen Softwarekonzern Teamviewer und arbeitet im Innovations- und Entwicklungszentrum, das das Unternehmen aus dem baden-württembergischen Göppingen in Griechenland eingerichtet hat.

»Als ich zum ersten Mal hörte, dass Teamviewer ein Entwicklungszentrum in meiner Heimatstadt eröffnet, dachte ich, das sei ein Scherz.« Doch dann habe er die Stellenausschreibung gesehen, bewarb sich und wurde eingestellt. »Meine Mutter war vielleicht sogar noch begeisterter als ich, als sie erfuhr, dass ich zurück nach Hause komme«.

Moutsioulis arbeitet an Software für Webkonferenzen und digitale Meetings und hat sich dabei auf mobile Anwendungen spezialisiert. Teamviewer beschäftigt vor Ort derzeit 21 Mitarbeiter, die aus der Region Epirus stammen – nahezu die Hälfte der gesamten Belegschaft in der nordwestgriechischen Niederlassung des Unternehmens. In den kommenden Jahren plant das Unternehmen nach eigenen Angaben, insgesamt 150 bis 200 Softwareingenieure in Ioannina zu beschäftigen.

Teamviewer ist kein Einzelfall. Die beiden deutsche Tech-Firmen P&I AG und Prodyna planen entweder ebenfalls, in Epirus zu investieren oder sind bereits vor Ort. Nach Angaben von lokalen Behördenvertretern und der griechischen Regierung wollen sich weitere Firmen anschließen.

Bisher bekannt für unberührte Natur

Dass ausgerechnet Epirus IT-Konzerne anzieht, erscheint auf den ersten Blick überraschend. Die Gegend im Nordwesten ist eine der zwei ärmsten Regionen Griechenlands, mit einer Arbeitslosenquote von fast 17 Prozent und einem Bruttoinlandsprodukt von nur 11.879 Euro pro Einwohner. Epirus ist in Griechenland vor allem für seine malerischen Dörfer, schroffen Berge, unberührte Natur und für seine Käseerzeugnisse bekannt. Hightech-Unternehmertum fanden sich bislang nicht in den Charakterisierungen der Reiseführer für die Gegend.

Das Teamviewer-Büro in der Dodonis-Straße: Wenn der Tech-Hub der Stadt im Jahr 2022 fertiggestellt ist, will das Unternehmen dorthin umziehen

Das Teamviewer-Büro in der Dodonis-Straße: Wenn der Tech-Hub der Stadt im Jahr 2022 fertiggestellt ist, will das Unternehmen dorthin umziehen

Foto: Yanis Lefakis / TeamViewer

Was also führt all die Unternehmen nach Epirus? Ein wesentlicher Grund für den Schritt ins Ausland ist nach Aussagen von Firmenchefs, die mit dem SPIEGEL sprachen, der Fachkräftemangel in Deutschland. Laut einer Studie von Bitkom waren hierzulande Ende 2020 rund 86.000 Stellen für IT-Spezialisten frei.

Epirus als Standortalternative zu Osteuropa oder Indien

Auch Teamviewer stagnierte in der Vergangenheit rund ein Jahr lang, da man nicht genügend Fachkräfte einstellen konnte, heißt es aus Firmenkreisen. Die Frage sei gewesen, wohin man gehen solle. Manche IT-Unternehmen entscheiden sich in einer solchen Situation, nach Indien, Osteuropa oder Spanien zu expandieren. Auch Teamviewer habe diese Optionen in Betracht gezogen, heißt es, entschied sich aber schließlich für Griechenland, und zwar aus mehreren Gründen, darunter die enorme Mitarbeiterfluktuation an den anderen Standorten.

Tatsächlich verbindet Epirus einige Standortvorteile für Technik-Unternehmen wie Teamviewer. Hier lassen sich gut ausgebildete Talente rekrutieren, zum Beispiel an Universitäten wie in Ioannina. Die dortige Informatikfakultät war sogar bereit, den Bedürfnissen der Unternehmen entgegenzukommen und die von ihnen benötigte Programmiersprache in den Lehrplan aufzunehmen – entgegen einer langen Tradition griechischer Universitäten, die sich gegen eine solche Fokussierung auf die Wirtschaftlichkeit ihres Studiums wehren.

Auch andere wichtige Stellen vor Ort sind bereit, dem IT-Sektor Türen zu öffnen. So steht der orthodoxen Kirche in der Region Epirus ein unternehmerisch denkender, pragmatischer Metropolit vor, der noch dazu Deutsch spricht. Hinzu kommen natürlich die Standortvorteile, dass Epirus für Arbeitgeber relativ niedrigere Kosten bedeutet und dass Griechenland Teil der EU ist, was einen klaren Vorteil gegenüber Alternativen wie Indien darstellt.

»Tolle Ausbildung und eine hohe Motivation«

»Wir brauchen Softwareentwickler mit einer sehr guten Ausbildung, die gleichzeitig engagiert, fleißig und gut vernetzt sind«, sagt Oliver Steil, CEO von Teamviewer. All das habe man in Epirus vorgefunden.

»Griechische Absolventinnen und Absolventen haben eine tolle Ausbildung, eine hohe Motivation, sind flexibel, international und sprechen gut Englisch« so Steil. »Dieser Ehrgeiz und Antrieb, diese Energie sind nicht selbstverständlich und findet man anderswo nicht unbedingt in gleichem Maße.«

Nicht zuletzt hat Epirus einen regionalen Gouverneur, der entschlossen zu sein scheint, den Wandel in seiner Region herbeizuführen. Alexandros Kachrimanis sagte dem SPIEGEL, er habe sich bereits eine Fläche von 15.000 Quadratmetern gesichert, auf der er einen Tech-Hub bauen will. Er soll auf dem neuesten Stand der Technik sein, und die Finanzierung wird aus den mehr als 30 Milliarden Euro kommen, die Griechenland von der EU als Teil des Corona-Hilfspakets erhalten wird.

»Nach seiner Fertigstellung im Jahr 2022 wird der Hub in der Lage sein, Tech-Unternehmen aus der ganzen Welt zu beherbergen und 1600 Menschen in gut bezahlten Jobs zu beschäftigen«, sagte Kachrimanis dem SPIEGEL. »Wir sind bereits in Kontakt mit Tech-Firmen aus der ganzen Welt«.

Ist der Hype vom griechischen Silicon Valley berechtigt?

Angesichts der Entwicklungen in der Region spricht die griechische Presse von Epirus bereits als dem nächsten Silicon Valley Europas. Wenn es nach Griechenlands Premierminister Kyriakos Mitsotakis geht, soll das nicht nur ein unbegründeter Hype sein oder leere Worte. »Ich glaube, dass mehr und mehr Tech-Firmen erkennen, dass Griechenland reichlich Möglichkeiten für Investitionen bietet«, sagte Mitsotakis im Gespräch mit dem SPIEGEL, während eines Besuchs der Büros von Teamviewer. Griechenland sei jetzt ein sicheres Land, so Griechenlands Premier. »Es gibt kein Unbehagen mehr aufseiten der Firmen, in Griechenland zu investieren, und das ist extrem wichtig.«

»Griechenland ist heute ein sicheres Land«: Premierminister Mitsotakis im Gespräch mit dem SPIEGEL bei einem Besuch in Ioannina im Juni 2021

»Griechenland ist heute ein sicheres Land«: Premierminister Mitsotakis im Gespräch mit dem SPIEGEL bei einem Besuch in Ioannina im Juni 2021

Foto: TeamViewer

Vor der Wahl, die ihn vor zwei Jahren an die Macht brachte, hatte Mitsotakis in einem anderen SPIEGEL-Interview  gesagt, dass der Lackmustest für seinen Erfolg als Premier die Umkehrung der Abwanderung von Fachkräften sein würde.

Er sieht die Rückkehr von Experten wie Moutsioulis als klares Zeichen, dass sich der Einsatz seiner Behörden auszahlt: »Ich habe hier mit Mitarbeitern gesprochen, die in der Region leben oder von Karrieren im Ausland nach Griechenland zurückgekehrt sind«, so Premierminister Mitsotakis. 500.000 junge Leute hätten Griechenland während der Finanzkrise verlassen, und viele wollten zurückkommen. »Es gibt genügend Talente hierzulande, um gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen.«

Um ausländische Unternehmen anzulocken, bietet Griechenland eine Fülle von Anreizen, von niedrigeren Steuern bis hin zu einer vereinfachten Bürokratie. Mehrere globale Großkonzerne, darunter das Medizinunternehmen Pfizer, das ein Zentrum in Thessaloniki eröffnet hat, haben sich davon anlocken lassen.

»Außergewöhnlich hohes Humankapital«

Für Griechenland wird es entscheidend, die Wirtschaft zu diversifizieren. Das Land verlässt sich derzeit stark auf den Tourismus – einen unbeständigen Sektor, der in guten Zeiten ein exponentielles Wachstum hervorbringen und das Land in schlechten Zeiten in eine der tiefsten Rezessionen Europas stürzen kann. Das zeigt das Beispiel der Covid-Pandemie, die für Griechenlands Tourismusindustrie eine Katastrophe war.

Für Mitsotakis ist die Botschaft klar: »Griechenland hat nicht nur schöne Strände, Kultur, Geschichte und traditionelle Sektoren, die immer Investitionen wie den Tourismus anziehen werden, sondern auch ein außergewöhnlich hohes Humankapital«, sagte er dem SPIEGEL. »Besonders in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik haben wir fleißige, kreative, sehr gut ausgebildete Absolventen«, so Mitsotakis. Das sei der Hauptgrund, warum Tech-Unternehmen ernsthaft in Erwägung zögen, in das Land zu investieren.

Führungskräfte von Unternehmen aus der Branche sagen, dass Epirus noch einiges an Arbeit vor sich habe, um den »Silicon Valley«-Hype wirklich zu rechtfertigen. Dennoch erkennen auch sie an, dass es schlicht notwendig sei, sich hohe Ziele zu stecken und mutig sein, um dann die Pläne in die Tat umzusetzen. All jene Zutaten, sagen sie, seien in Epirus vorhanden.

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