19 Vergewaltigungen Fahndung im Web

Neunzehn Überfälle, Vergewaltigungen mit immer ähnlichem Muster. Die erste vor acht Jahren, die letzte im letzten Monat. Jetzt greift die Bochumer Polizei zu neuen Mitteln und widmet dem mutmaßlichen Serientäter eine eigene, beispiellos detaillierte Fahndungs-Website.

Acht Jahre Fahndung, Hunderte von Spuren und Hinweisen - und kein Erfolg. Das ist bitter für die Kripo Bochum, deren "EK Messer" seit 1994 ungezählten Spuren nachgeht. Benannt ist die Einsatz-Kommission nach der Waffe, die der Täter nutzt: Ein Schweizer Klappmesser. Zu jeder Zeit zehn, mitunter bis zu vierzig Beamte bindet die Arbeit an dem Fall, der bereits für neunzehn Frauen zum Trauma, zur persönlichen Katastrophe wurde: Im Raum Bochum, Wuppertal, Sprockhövel geht ein Serienvergewaltiger um.

Dass es wirklich nur um einen Täter geht, steht außer Frage. Frank Plewka von der Kripo Bochum: "Bei den durchgeführten Vergewaltigungen verfügen wir über DNS-Spuren".

Die sind identisch, anders als die Phantombilder des Täters. Plewka: "Phantombilder beruhen auf den Erinnerungen der Opfer. Das Fatale ist, dass Phantombilder heute photorealistisch wirken. Das führt in der Öffentlichkeit zu der Wahrnehmung, dass der Täter so und nicht anders aussieht, während die Opfer vielleicht viel mehr auf generelle Charakteristika achteten. Mir fällt an unseren Bildern zum Beispiel auf, dass die Augenpartie immer dieselbe ist".

Sieben unterschiedliche Phantombilder: Stärke, nicht Schwäche

"Unsere Bilder" - das sind inzwischen sieben: Sie zeigen einen zumeist hageren Typen mit Oberlippenbart, doch da enden die Ähnlichkeiten schon fast. Mal wird sein Haar von den Opfern als "dunkelblond" beschrieben, mal als "dunkelbraun", mal schlicht als "dunkel". Mal ist er etwa 30 Jahre alt, Jahre später vielleicht 23 bis 27 Jahre alt. Einfach ist das nicht, anhand der subjektiven Beschreibungen von Opfern eine reale Person zu identifizieren - und noch nie hat man das besser nachvollziehen können, als bei der Fahndung im Fall "EK Messer".

Denn seit 17. Oktober findet diese nicht nur sporadisch in regionalen Zeitungen, Radiosendungen oder auf den üblichen Fahndungsplakaten ihr Echo, sondern Non-Stop und weltweit: Da launchte die Kripo Bochum ihre Fahndungs-Website.

"Wir sind in Nordrhein-Westfalen die ersten, die sich mit einer eigenen Domain mit einer Fahndung an die Bürger wenden", erzählt Plewka, dem die Idee kam, weil er sich als Kripo-Beamter einerseits auf Sexualdelikte spezialisiert hatte, andererseits aber seit langem Web-affin ist. "So landet man dann in der Pressestelle." Einziges Vorbild, von dem Plewka aber erst im Laufe der Arbeit an der Website erfuhr: Die Fahndungs-Website nach dem Täter, der am 9. Februar dieses Jahres die zehnjährige Desiree M. aus Jena missbrauchte und tötete.

Der Ansatz erscheint ihm nötig, logisch und Erfolg versprechend: "Fast die Hälfte der Bevölkerung hat heute Zugang zum Web. Was wir in den herkömmlichen Medien an Berichterstattung bekommen, ist wertvoll, aber es wirkt immer nur kurzzeitig: Die Tageszeitung wirft man am nächsten Tag weg, und Radio und Fernsehen versenden sich."

Cross-Media: Launch im Kielwasser aktueller Berichte

Als in Wuppertal und Sprockhövel eine Reihenuntersuchung mit Speicheluntersuchungen begann, wusste Plewka, dass der Fall "Messer" wieder Medienecho bekommen würde. Er plante den Launch der Fahndungswebsite parallel und hoffte, die Adresse so bekannt machen zu können. In der Medienwelt nennt man so etwas einen "Cross-Media-Ansatz" - und zwar einen erfolgreichen.

Drei Wochen und 28.000 Zugriffe später zählt Plewka rund 320 Hinweise, denen nachzugehen ist. Die bei weitem meisten kommen trotz Website per Telefon, "viele scheuen da noch die E-Mail".

Doch die Befürchtung, dass eine regionale Fahndung durch Hinweise von außerhalb der Region nicht unbedingt befruchtet wird, scheint unbegründet: "So erreichen wir auch Menschen, die früher einmal hier gelebt haben, und aus ihren Medien nichts über den Fall erfuhren. Uns liegt etwa ein Hinweis von einer Frau vor, die vor Jahren in die Neuen Bundesländer zog, und die sich durch die Website an einen Mann erinnert fühlte, den sie früher hier in der Region kannte."

Das sind wertvolle Hinweise, die Plewka auch darauf zurückführt, dass die Fahndungswebsite den Fall ungewöhnlich detailliert kommunizieren kann - und zudem unter teilweiser Offenlegung vom Methoden und Problemen: So baute der Kripo-Webmaster ein nur scheinbar spielerisches Element in die Seite ein, das die Leser auf den unpräzisen Charakter scheinbar fotografischer Phantombilder hinweisen soll. Der "Phantombild-Generator" verdeutlicht, wie viele Menschen man aus den Bausteinen unterschiedlich wahrgenommener Grundcharakteristika zusammenfügen kann.

Letztlich ist auch jedes Bild, das ein Besucher der Website zusammenfügt, ein Phantombild des Täters. Plewka: "Vielleicht bringt das die Leute zum Denken, vielleicht beachten sie so besondere Merkmale stärker, statt die auf Erinnerungen basierende Rekonstruktion als Foto misszuverstehen."

Was die Seite erreichen soll, steht außer Frage. Derzeit prüft das Gerichtsmedizinische Institut Münster 2900 Speicheltests, 3500 sollen es werden. Kostenpunkt: 50 Euro pro Probe. Da könnte die Website Steuergelder sparen, wenn sie früher zum Erfolg führte - Hauptsache, er stellt sich ein, egal wie. Plewka: "Wenn das klappen würde, das wäre schon ein tolles Ding. Auf die Pressekonferenz würde ich mich jetzt schon freuen."

Frank Patalong

Update:
Die Seite der EK Messer ist derzeit nicht erreichbar. Die Polizei Bochum gibt ein "internes Serverproblem" beim Servicebetreiber als Grund an, an dem die Techniker arbeiten. "Messer Internetshop", zu dem der Seitenaufruf umgeleitet wird, ist der Serviceanbieter, die Namensähnlichkeit mit der EK Messer ist zufällig - und auch aus Perspektive der Bochumer Kripo ärgerlich. Spätestens morgen soll die Fahndungsseite wieder laufen.