SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. Oktober 2010, 08:26 Uhr

20 Jahre Internet Movie Database

Im Clubhaus der Kinojunkies

Von

Die größte Filmdatenbank der Welt wurde als Hobbyprojekt von ein paar Fans geschaffen, heute ist sie aus dem Netz so wenig wegzudenken wie Wikipedia oder Google. Seit zwanzig Jahren existiert die Internet Movie Database jetzt - und ihr Gründer ist noch immer an Bord.

Von all den Segnungen, die das Internet uns gebracht hat, ist sie eine der schönsten - und doch wird sie unterschätzt. Als Nischen- und Spezialisten-Nachschlagewerk wird sie wohl immer im Schatten von Wikipedia stehen. Für Fans des bewegten Bildes aber ist sie die Erfüllung eines Traums: Das definitive und unverzichtbare Nachschlagewerk für alle, die unbedingt wissen müssen, wie die blaugesichtigen Alien-Indianer in "Avatar" eigentlich in Wirklichkeit aussehen oder in welcher Fernsehserie der krebskranke Chemielehrer/Drogenkoch/Familienvater aus "Breaking Bad" vorher mitgespielt hat (es war die Familien-Sitcom "Malcom mittendrin").

Die Internet Movie Database (anfangs hieß sie Combined List & Movie Ratings Report) ist nun schon seit 20 Jahren ein Ort, an dem Filmfans sich verlieren können, an dem man sich von Darsteller zu Darsteller, Regisseur zu Regisseur und Film zu Film durch die Geschichte der Bewegtbild-Unterhaltung hangeln kann. Sie wurde zu einem einfach zu bedienenden, fast immer fehlerfrei funktionierenden Werkzeug, das einem helfen konnte, das lästige "der Name liegt mir auf der Zunge"-Gefühl in Sekundenschnelle zu beseitigen. Und dabei unerwartete Zusatzinformationen zu liefern wie die, dass der Chemielehrer/Drogenkoch/Familienvater-Darsteller Bryan Cranston früher mal in "Seinfeld" und "Akte X" Nebenrollen spielen musste, und Mitte der Neunziger als Synchronsprecher für japanische Anime-Filme gearbeitet hat.

Von Nerds für Nerds

Gegründet hat die Datenbank einer, der genau zu der Sorte Kino-Nerd gehört, die sich ihr Leben ohne IMDb heute nicht mehr vorstellen kann. Der Brite Col Needham war Ende der Achtziger damit beschäftigt, sich so viele Filme wie möglich anzusehen - so viele, dass er langsam den Überblick darüber verlor, was er schon gesehen hatte und was nicht. Die langen Listen, die er daraufhin anzufertigen begann, waren eine Keimzelle dessen, was heute als die erfolgreichste Filmdatenbank der Welt gelten darf. Weil Needham für Hewlett Packard arbeitete und Zugang zu vernetzten Computern hatte, legte er seine Listen auf Rechnern ab, so dass auch seine ebenfalls filmverrückten Freunde darauf zugreifen konnten. "Das ist schrecklich geeky, aber am Ende ist ja alles gut gegangen", sagte Needham 2004 einer Reporterin von "L.A. Weekly".

Nachdem die Frühform der Filmdatenbank im Jahr 1990 - drei Jahre vor Veröffentlichung des ersten kommerziellen Web-Browsers - im damals noch reichlich obskuren, in erster Linie von Universitäten betriebenen Internet online gegangen war, entwickelten sich die Dinge zuerst langsam weiter. 1993, zwei Jahre nachdem Tim Berners-Lee in der Schweiz die erste Web-Seite livegeschaltet hatte, wurde aus der Datenbank ein WWW-Angebot, das noch immer ein reines Hobbyprojekt war.

Im Web blühte die Datenbank auf, die Nutzerzahlen wuchsen von Woche zu Woche. Bereits 1995 verdoppelte sich der Traffic wöchentlich. Längst hatte Needham das Angebot, von den bereits völlig überforderten Servern der Cardiff University in Wales auf Rechner überall in der Welt verteilt auszuweichen - Universitäten in verschiedensten Ländern steuerten ein bisschen Speicherplatz bei, von Korea bis Island, von Japan bis Deutschland. Irgendwann aber kam Needham die Idee, dass man das Ganze doch vielleicht auch kommerziell organisieren könnte.

Der "New York Times" (NYT) sagte er einmal: "Wir haben uns nicht hingesetzt und uns überlegt: 'Wie verdient man im Internet am besten Geld?'" Die Datenbank sei ihm und seinen Mitstreitern einfach eine Herzensangelegenheit gewesen: "Als wir die Firma gründeten, gab es noch keine kommerzielle Nutzung des Internets." 1996 hatte Needham entschieden, die Herzensangelegenheit mit einem Geschäftsmodell auszustatten: Er startete IMDb.com als kommerzielle Web-Seite und warb einen ersten Werbekunden an.

Besuch vom Amazon-Gründer

Anfang 1998 war IMDb.com bereits eine der populärsten Websites der Welt, mit 18 Millionen Besuchern im Monat. Da nahm Amazon-Gründer Jeff Bezos mit Needham Kontakt auf. Der Gründer des Internet-Buchhändlers, der damals tatsächlich hauptsächlich Bücher verkaufte, plante eine Erweiterung des Sortiments um DVDs und Videokassetten. Da kam ihm die inzwischen auf 400.000 Filmeinträge angewachsene Datenbank von Fans für Fans gerade recht. Bezos kaufte IMDb.com im April 1998.

Der Rest von Needhams inzwischen auf viele Dutzend Mitarbeiter (die genaue Zahl verrät er nicht) angewachsene Mannschaft ist rund um den Globus verteilt. Kommuniziert wird über Telefon, E-Mail und Instant Messaging. Der NYT sagte Needham: "Unsere Firmenzentrale ist im Internet."

Tatsächlich ist die Mannschaft, die diese Datenbank pflegt und ständig erweitert, viel größer. Die meisten Mitarbeiter sitzen an Rechnern in aller Welt, in Universitätsbibliotheken, Internet-Cafés oder zu Hause am Schreibtisch: Filmfans, die eigene Kurzkritiken, Informationsschnipsel über Filme, Schauspieler, Regisseure beitragen, sogenannte Trivia, und mit ihren Ein-Klick-Bewertungen das bis heute höchst umstrittene Rating-System der Datenbank füttern. Kann "Die Verurteilten" ("The Shawshank Redemption"), der Gefängnisfilm mit Tim Robbins und Morgan Freeman, wirklich als bester Film aller Zeiten gelten?

Aber genau die subjektive, erratische Natur des Angebotes (eine Zeitlang war Disneys Animationsfilm "Wall-E" auf Platz sechs der "Top 250", heute liegt er auf Platz 48) macht einen Teil seines Charmes aus. IMDb ist ein bisschen wie das Internet selbst: Voller Information, aber auch chaotisch, umkämpft, durcheinander. Auch wenn der Geburtstags-Relaunch zum Zwanzigsten das Design ein bisschen weiter in die Gegenwart geholt hat.

Geld verdient wird mit dem Dienst längst - nicht nur, weil Jeff Bezos angeblich Millionen Dollar in Amazon-Aktien dafür bezahlt hat. Die Seite ist voller Werbung, es werden Fotos verkauft, Inhalte an andere Anbieter lizenziert, man kann über IMDb Kinokarten kaufen, und der Dienst IMDb Pro mit zusätzlichen Informationen etwa über Budgets und Details zu Filmproduktionen kostet 16 Dollar im Monat. Die Links zu Amazon, wo man selbstverständlich zu fast jedem Film und jeder Serie die passende DVD bestellen kann, sind immer noch angenehm diskret.

Heute ist IMDb mit 25,6 Millionen Unique Users im Monat die meistgenutzte Film-Site in den USA, vor Yahoo mit 24,3 und Fandango mit 13,4 Millionen Besuchern, wie die Marktforschungsfirma comScore für den Monat August ermittelte. Auf der Rangliste des Marktforschungsunternehmens Alexa mit den meistgenutzten Websites der Welt liegt die Filmdatenbank im Oktober 2010 auf Platz 38.

Needham leitet die Website immer noch von Bristol aus, einmal im Monat fliegt er in die USA zu Amazon nach Seattle. Und dann wieder zurück in sein Traumhaus in einem Vorort von Bristol - wo seine Sammlung von vielen Tausend DVDs auf ihn wartet.

Material von dapd

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung