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22. August 2011, 14:05 Uhr

20 Jahre Linux

Mein geliebtes Arbeitstier

Weil Windows 98 ihn so sehr nervte, installierte Torsten Kleinz als Student einfach Linux. Und er blieb dabei, auch ohne Programmierkenntnisse. Denn Linux läuft einfach, Gratis-Programme kommen ohne Werbe-Toolbars daher und wenn es mal Probleme gibt, hilft die Community. Eine Liebeserklärung.

Damals im Studium fing es an. Mein hochgerüsteter Amiga hatte ausgedient, ein PC mit dem brandneuen Athlon-Prozessor musste her. Doch das mitgelieferte Windows 98 sagte mir ganz und gar nicht zu. Bluescreens, Virenschwemme und die Auswüchse eines Software-Monopols machten die enorme Rechenkraft meines Rechners zunichte. Doch es gab Rettung: In Zeitschriften und im Internet stieß ich immer wieder auf Berichte über das unkommerzielle Linux-System, das - so waren sich Fans sicher - Microsoft das Fürchten lehren sollte.

Kurzum: Ich wechselte zu Linux. Doch nur wenig andere taten es mir gleich. Zwar riefen die Fans immer wieder das Jahr des Desktop-Linux aus: 2004 sollte es sein, dann 2006, 2008 und 2010. Doch nie entwickelte sich Linux tatsächlich zum Renner für den Heim-PC. Während Linux zum Beispiel als Unterbau von Googles Mobil-Betriebssystem Android riesige Verbreitung gefunden hat, würden sich wohl die wenigsten Besitzer eines solchen Smartphones Linux-Nutzer nennen.

Keine Demoversionen, Auto-Updater, nervigen Toolbars

Warum bin ich dennoch dabei geblieben? Weil Linux ein Arbeitstier ist. Unter "Linux" verstehe ich mehr als einen Kernel, es ist eine Einstellung, ein Wertekanon. Es würde wohl keinem Linux-Entwickler einfallen, beim Nutzer eine Toolbar zu installieren, um eine Provision einzustreichen. Es gibt keine nervigen Auto-Updater und Probe-Versionen, die nach 30 Tagen versagen und dann nicht zu deinstallieren sind. Linux-Entwickler entwickeln Programme, die sie selbst anwenden wollen.

Dabei müssen sich die Ergebnisse nicht hinter der kommerziellen Konkurrenz verstecken. Mein Mailprogramm KMail hatte schon einen leistungsfähigen Spamfilter, bevor Outlook und Co nachzogen. Der Webbrowser Konqueror ist so ausgefeilt, dass Apple das Programm zur Grundlage seines eigenen Browsers Safari machte.

Nachteil des Linux-Modells der Softwareentwicklung: Nicht immer verstehen die Entwickler die Nöte des ganz normalen Nutzers, der nicht programmieren kann, der nicht alle Einzelheiten des Programms kennt. Bei vielen Programmen hinkt die Dokumentation dem Funktionsumfang hinterher. Beim Hardware-Kauf muss man aufmerksam sein: Nicht jeder Drucker, Scanner oder WLAN-Stick arbeitet mit Linux zusammen.

Linux ist anspruchsvoll, Windows schreckt ab

Linux verlangt etwas mehr vom Nutzer. Gute Englisch-Kenntnisse sind kaum verzichtbar, zudem muss man ein Grundverständnis haben, wie Computer tatsächlich funktionieren. Um die Linux-Distribution OpenSuSe auf meinem Aldi-Rechner zum Laufen zu bekommen, musste ich einen obskuren Kernel-Parameter in den Bootloader eintragen. Schuld ist der Hardware-Hersteller - aber was ändert das für den Nutzer? Immerhin gibt es eine funktionierende Gemeinschaft von Linux-Nutzern. So wird mir bei kniffligen Fragen immer wieder von anderen im Forum Linux-club.de geholfen. Oft reicht es auch, eine Fehlermeldung in Google einzugeben, um die Lösung zu finden.

Doch angesichts der Schrecknisse einer Windows-Installation kommen mir solche Probleme geringfügig vor. Als ich vor kurzem Windows 7 auf meinem Notebook neu installiert hatte, saß ich zwei Tage an der Einrichtung des Ganzen. Er dann hatte Windows Update endlich den letzten Patch eingespielt. Allenfalls die Hälfte der Programme konnte Einstellungen aus der vorherigen Installation übernehmen. Und immer wieder versuchten Anwendungen, mir eine Google- oder Yahoo-Toolbar unterzujubeln.

Da lob ich mir mein Linux: Hier update ich alle Programme an einer Stelle und bin fertig. Ein neuer Rechner? Schnell das Basis-System neu aufsetzen, meine Nutzer-Partition überspielen und es läuft.

Solide Software-Ausstattung mit Lücken

Natürlich gibt es Einschränkungen: kein Adobe Photoshop, die Programme zur Einkommenssteuererklärung fehlen, die Spieleauswahl ist bescheiden. Dafür entschädigen aber viele Programme, die tatsächlich das tun, was ich will:

Daneben gibt es zahlreiche Programme, die man von Windows kennt: vom Adobe Reader über Flash und Google Chrome bis hin zu OpenOffice.

Man muss nicht programmieren können, um Linux nutzen zu können. Ich habe es nie gelernt und bevorzuge vorgefertigte Lösungen. Trotzdem habe ich die Befehlskonsole schätzen gelernt. Bei meiner Arbeit muss ich häufig recherchieren, auf wen eine Domain oder eine IP-Adresse angemeldet ist. Also öffne ich mit einem Tastendruck das Befehlsfenster und gebe schnell das Whois-Kommando ein. Dafür ein Programm oder eine Webseite zu öffnen, wäre Verschwendung. Weiterer Vorteil: mit den gleichen Befehlen kann ich die Dateien auf meinem Webserver verwalten. Ob ich an meinem Heimrechner oder auf einem Server irgendwo in den USA arbeite, ist Linux egal.

Vielleicht war das immer das Problem von Linux: Der Desktop zu Hause, eine winzige Maschine für sich alleine, war nie das Zentrum des Interesses. Jetzt, wo sich immer mehr Dienste ins Internet verlagern, macht dies immer weniger aus. Millionen sind zu Linux-Nutzern geworden - sie wissen es nur nicht, weil auf ihrem Rechner zu Hause noch das Windows-Logo klebt.

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