Netzwelt-Trends der Dekade 17 technologische Entwicklungen, die das Jahrzehnt prägten

Die 2010er neigen sich dem Ende. Was aus der Digitalwelt wird aus dieser Dekade in Erinnerung bleiben? Ein kurzer Rückblick, inklusive Emojis, Hobbydrohnen und zerstörerischer Schadsoftware.
"Pokémon Go"-Spieler: Mit zahlreichen Smartphones auf Monsterjagd

"Pokémon Go"-Spieler: Mit zahlreichen Smartphones auf Monsterjagd

Foto: Tyrone Siu/ REUTERS

Drohnen

Foto: Sebastian Willnow/ DPA

Zu Beginn des Jahrzehnts war viel von Killerdrohnen die Rede, mit denen die USA in Afghanistan und Pakistan aus sicherer Entfernung Jagd auf al-Qaida-Kämpfer machten. Dass Drohnen heute vor allem als Spielzeug und Hobbyfluggeräte bekannt sind, ist zwei Dingen zu verdanken: Zum einen sind sie viel leichter zu fliegen, als beispielsweise ferngesteuerte Flugzeuge. Sensoren und Computer sorgen dafür, dass sie Hindernissen automatisch ausweichenund dass sie sich mit Handgesten steuern lassen - zumindest die besseren Modelle. Zum anderen werden Quadrocopter mit teils hervorragenden Kameras bestückt, die dem Drohnenpiloten faszinierende neue Perspektiven verschaffen.

Künstliche Intelligenz

Foto: Glenn Chapman/ AFP

Der 30. September 2012 ist so etwas wie der Geburtstag der modernen künstlichen Intelligenz (KI). An jenem Tag gewann ein künstliches neuronales Netzwerk den Bilderkennungswettbewerb  ImageNet Large Scale Visual Recognition Challenge mit großem Abstand zur zweitplatzierten Software. Es war der Durchbruch für das sogenannte Deep Learning. Dessen Grundidee war damals schon Jahrzehnte alt, doch erst jetzt kamen zwei Grundvoraussetzungen zusammen, damit sie zur zentralen, alles verändernden Technologie der Gegenwart und nahen Zukunft reifen konnte: ausreichend viel Rechenleistung und Trainingsdaten.

WhatsApp und Co.

Foto: Dado Ruvic/ REUTERS

Das Wort "simsen" wurde im Jahr 2004 in den Rechtschreibduden aufgenommen, im Jahr 2017 kam das Verb "whatsappen" dazu - zu dieser Zeit für viele längst der wichtigere Begriff. Instant-Messaging-Dienste haben einen Siegeszug hinter sich, in Deutschland hat sich vor allem das 2009 gegründete WhatsApp etabliert, das die früher teils absurd teuren SMS weitgehend abgelöst hat. Auch wenn WhatsApp-Nachrichten oder Apples iMessages verschlüsselt transportiert werden, weichen Skeptiker lieber auf Alternativen wie Threema, Signal oder Telegram aus. Eines haben jene Dienste aber gemeinsam: Ein klangvolles Verb konnte sich für diese Form der Kommunikation bislang nicht durchsetzen.

Gesichtserkennung

Foto: Smith Collection/ Gado/ Getty Images

Kaum eine Technologie löst bei Menschen so unterschiedliche Emotionen aus wie diese. Während die einen es toll finden, ihr Telefon oder ihre Haustür komfortabel per Gesichtserkennung entriegeln zu können, gruseln sich andere vor Sicherheitsrisiken und Überwachungsszenarien. Denn während einerseits auch in Deutschland inzwischen Behörden mit Gesichtserkennung an öffentlichen Orten experimentieren, stellt sich andererseits die Frage, welche Risiken die Authentifizierung mit biometrischen Merkmalen auch in anderen Fällen birgt - wie etwa bei einem Google-Handy, das sich auch mit geschlossenen Augen entsperren ließ.

Fakt ist: In den letzten zehn Jahren hat die Technik endgültig den Sprung aus der Science-Fiction-Ecke in den Alltag und sogar bis in deutsche Wohnzimmer geschafft.

Quantencomputing

Foto: Google

Als Meilenstein oder gar "Sputnik-Moment" bezeichneten Forscher und Medien die erste Demonstration der Quantenüberlegenheit durch Google im Herbst 2019. Googles Quantencomputer konnte ein exotisches mathematisches Problem ohne jede Alltagsrelevanz in Minuten lösen, an dem - so behauptet Google - jeder klassische Supercomputer Tausende von Jahren gearbeitet hätte. Doch schon zwei Jahre zuvor war es chinesischen und österreichischen Forschern gelungen, das erste interkontinentale quantenkryptografisch abgesicherte Videotelefonat zu führen. Mit anderen Worten: Quantenphysik hält seit diesem Jahrzehnt Einzug in die Informationstechnik.

Handykameras

Foto: Matthew Horwood/ Getty Images

Anfangs waren Handykameras eher schmückendes Beiwerk. Das iPhone 3GS beispielsweise wurde 2009 mit einer VGA-Kamera ausgeliefert, die Fotos mit 640 x 480 Pixeln knipste (630749). Mehr als Schnappschüsse war damit nicht drin. Doch die Kameras wurden immer besser, vor allem, was ihre Software angeht. Highend-Smartphones wie Huaweis P30 Prohaben Fotosensoren mit bis zu 40 Megapixeln, drei Kameras und Tiefensensoren. Dank aufwendiger Software und künstlicher Intelligenz verschwimmen die Grenzen zu Kompaktkameras und zusehends auch die zu teuren Spiegelreflexkameras. Das geht soweit, dass etwa Fotografielegende Annie Leibowitz eine Fotoserie mit Googles Pixel 4 aufnahm und Filmregisseur Claude Lelouche nach Dreharbeiten mit dem iPhone sagte: "Das wird die Geschichte des Kino verändern" .

Emojis

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Ein gutes halbes Jahrzehnt ist es her, dass Kollege D in unserer Ressort-Konferenz verkündete: Er habe Bekannte, die in ihren Textnachrichten kaum noch Wörter, sondern hauptsächlich Emojis benutzten. Spätestens da war klar, dass sich die bunten Bildchen innerhalb dieses Jahrzehnts zur Weltsprache entwickelt haben - wenn auch einer voller Doppeldeutigkeiten und Missverständnisse.

Mit der Emojipedia  haben sie ein eigenes Nachschlagewerk. Und sogar einen Welt-Emoji-Tag gibt es bereits. Im Laufe der vergangenen Jahre sind Emojis auch deutlich diverser geworden.

Mit Maschinen sprechen

Foto: Joan Cros/ imago images

Es ist gar nicht lange her, da schienen Gespräche mit einer Maschine vielen noch Stoff für futuristische Filme wie "Her"zu sein. Mittlerweile jedoch sind die künstlichen Stimmen aus dem Computer teilweise so gut, dass sie nicht mehr von menschlichen zu unterscheiden sind. Googles Duplex beispielsweise spricht so realistisch, dass sich die Software mittlerweile als künstliche Intelligenz zu erkennen gibt, wenn sie für ihren Nutzer etwa wegen einer Tischreservierung ein Restaurant anruft. Und auch die Interaktion wird immer besser. Neue Versionen von Alexa und Google Assistant können einem normalen Gesprächsverlauf folgen. Das bisher nötige Aktivierungswort ("Hey Google", "Alexa") wird dann nur noch beim Gesprächsbeginn nötig sein, im Anschluss kann man sich mit der Software unterhalten, wie mit einem Menschen.

Virtual Reality

Foto: Ahn Young-Joon/ AP/ DPA

Einen ersten großen Hype rund um die Virtuelle Realität (VR) gab es in den Neunzigerjahren. Viel blieb davon nicht, außer Erinnerungen von Pionieren, denen damals beim Eintauchen in Digitalwelten allzu oft speiübel wurde. Zwei Jahrzehnte später existieren mit Geräten wie der HTC Vive, der Oculus Rift und vor allem der kabellosen Oculus Quest erstmals VR-Brillen, deren Kauf sich wirklich empfehlen lässt - zumindest für Gamer, die Neues erleben wollen. Als entscheidender Mann für das VR-Comeback darf Oculus-Gründer Palmer Luckey gelten. Seine Firma verkaufte Luckey 2014 für drei Milliarden Dollar an Facebook - wodurch er für viele vom VR-Messias zur Hassfigur wurde.

Bitcoin

Foto: Anton Vaganov/ REUTERS

Schon seit Jahrzehnten träumten Menschen von einem Geldsystem ohne zentrale Autorität - mit quasi unmanipulierbaren, verteilten Kassenbüchern. Satoshi Nakamoto, dessen Identität bis heute Rätsel aufgibt, hat mit der Kryptowährung Bitcoin und dem Konzept der sogenannten Blockchain genau das geliefert - ein revolutionärer Schritt. Der erste Bitcoin-Block wurde bereits 2009 geschürft, die Kryptowährung schaffte aber erst in diesem Jahrzehnt den Sprung raus aus der Nerd-Nische. Heute gibt es rund um die Welt zahlreiche Geschäfte und Onlineshops, in denen man mit Bitcoin bezahlen kann. Viele Menschen sahen und sehen Bitcoin aber auch als Spekulationsobjekt, was im Dezember 2017 kurzzeitig zu einem Rekordkurs von rund 20.000 Dollar pro Bitcoin führte.

Smart Home

Foto: Rainer Jensen/ DPA

Alles, was vernetzt werden kann, wird auch vernetzt? In manchen Haushalten ist dies mittlerweile Realität, mit allen Vor- und Nachteilen. Smarte Heizungsteuerungen helfen, Energie zu sparen, Rollläden verdunkeln Wohnzimmer auf Zuruf, Haustüren öffnen sich automatisch, und das Licht geht an, wenn man von Einkaufen nach Hause kommt. Zumindest sieht so die Idealvorstellung aus. Aber nicht alles funktioniert immer, wie versprochen, und man steht doch mal mit Einkäufen bepackt vor einer störrisch verschlossenen Tür. Schlimmer sind die oft zu laxen Sicherheitsvorkehrungen der Anbieter, die zu fatalen Patzern führen, wie jüngst, als bekannt wurde, wie leicht sich die Überwachungskameras der Amazon-Tochter Ring kapern lassen.

Ortsbasiertes Gaming

Foto: SAM YEH/ AFP

Menschen, die zum Videospielen auf die Straße gehen - weil der Standort eine entscheidende Rolle spielt: Nie hat es dieses Phänomen in größerem Ausmaß gegeben als 2016, als das Sammelspiel "Pokémon Go" für Smartphones veröffentlicht wurde. Den technologischen Grundstein dafür hatte Hersteller Niantic bereits zuvor gelegt, vor allem mit dem Mobilspiel "Ingress". "Pokémon Go" machte übrigens nicht nur das ortsbasierte Gaming populär, sondern auch die Augmented Reality, die Erweiterung der Realität, indem es Monster in Kamerabilder der echten Welt einfügte.

Streaming

Foto: Alexander Heinl / DPA

Stundenlang vor Netflix hängen? Gamern per Twitch beim Spielen zuschauen? Über TikTok in Deutschlands Kinderzimmer schauen? Dieses Jahrzehnt war auch das Jahrzehnt des Videostreamings. Verbreiteter denn je sind dabei Live-Übertragungen, die heute jeder - vom Opfer von Polizeigewalt bis zum Massenmörder - einfach von seinem Handy aus starten kann. Von den G20-Krawallen in Hamburg bis zu den Brexit-Debatten im britischen Parlament ließen sich Geschehnisse, die in die Geschichtsbücher eingehen werden, in Echtzeit von der heimischen Couch aus verfolgen.

Smartwatches

Foto: Westend61/ imago images

Als wir 2013 zum ersten Mal eine Computeruhr testeten, war nicht zu ahnen, wie groß das Thema bald werden würde. Die "I'm Watch" war klobig, schwer, teuer und konnte fast gar nichts. Es dauerte mehr als anderthalb Jahre, bis Apple eine eigene Smartwatch hinterher schickte. Nach dem ersten Ausprobieren konstatierte SPIEGEL ONLINE, dass man wohl "gerade die erste echte Smartwatch am Arm getragen" habe. Das Konzept schlichtes Design, viele Fitnessfunktionen, Apps und Smartphone-Fähigkeiten scheint jedenfalls aufzugehen: Schon zweieinhalb Jahre nach der Markteinführung des ersten Modells war Apple ein größerer Uhrenhersteller als die gesamte Schweizer Uhrenbranche. Damit dürfte selbst dem letzten Zweifler klar sein: Die Apple Watch ist gekommen, um zu bleiben.

Soziale Netzwerke als Schlachtfelder

Foto: New Knowledge

Facebooks Motto lautete lange Zeit "To give people the power to share and make the world more open and connected." Doch in Russland und später auch in mehreren anderen Staaten wurde das als Einladung verstanden, Desinformation zu teilen. Soziale Netzwerke wie Facebook wurden seit 2016 zu Propaganda-Schlachtfeldern gemacht und galten plötzlich als "Gefahr für die Demokratie". Obwohl der tatsächliche Einfluss auf Wähler und Gesellschaften kaum nachweisbar war, richtete Facebook vor Wahlen vorsichtshalber "war rooms" ein, und die Politik begann damit, das Geschehen in sozialen Netzwerken als regulierungsbedürftig anzuerkennen.

3D-Druck

Foto: Paco Freire/ LightRocket/ Getty Images

Den Traum vom Replikator, der, wie bei "Star Trek" beliebige Gegenstände auf Zuruf produziert, können 3D-Drucker noch nicht erfüllen. Aber sie sind ihm schon sehr nahe gekommen. Seit unserem Test des Replicator 2 jedenfalls hat sich viel getan. Die Nerd-Spielzeuge von einst sind mittlerweile nicht nur für wenige Hundert Euro zu bekommen, sie haben vor allem Einzug in den professionellen Bereich gefunden. Es gibt kaum mehr ein Unternehmen, das nicht zumindest Prototypen künftiger Produkte per 3D-Druck herstellt. Aus dem Drucker kommen zum Beispiel Zahnprothesen, Ohren, Turnschuhe und sogar ganze Häuser. Es gibt aber auch Anleitungen zur Herstellung von Waffen.

Stuxnet

Foto: ABEDIN TAHERKENAREH/ picture alliance / dpa

Sergej Ulasen hat 2010 - wenn auch unbeabsichtigt - eine neue Ära eingeläutet. Der Weißrusse ist der Entdecker von Stuxnet , einer extrem raffinierten Malware, die in der Lage war, physische Schäden anzurichten. Stuxnet beschädigte Zentrifugen in der iranischen Urananreicherungsanlage in Nathanz und bremste damit das iranische Atomprogramm, wenn auch nur für kurze Zeit. Die Entwicklung von Stuxnet - mutmaßlich durch die USA und Israel - begann schon einige Jahre zuvor, aber bekannt werden sollte sie eigentlich niemals. 2010 endete die Geheimniskrämerei - und schon 2012 erfolgte die Antwort der Iraner in Form der Malware Shamoon, die 35.000 Computer des Erdölunternehmens Saudi-Aramco unbrauchbar machte.

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